Werbinich : Es ist ein Junge!

Fabian und Tobias sind schwul. Das zuzugeben, war für den einen leicht – und für den anderen eine Tortur. Die Geschichte ihres Coming-outs.

André Glasmacher

Sie war kein Junge. Daran lag es, dass es in seinem Bauch nie kribbelte. Fabian war 14, als er das kapierte. Er war mit seinen Eltern in Holland, Familienurlaub, ohne seine Freundin. Da sah er einen gleichaltrigen Jungen, spürte ein bisher nie da gewesenes Gefühl, fand ihn „süß“. Zunächst dachte er aber nicht im Traum daran, dass er ausschließlich auf Jungs stehen könnte. Es passierte auch nichts, er hatte ja auch noch die Freundin.

Erst, als er zurück in Berlin ist und sich trennt, eben wegen des Bauchkribbelns, da versteht er: An ihr ist nichts falsch. Aber ich stehe einfach auf Jungs. Das ist der Schlussstrich.

Mit diesem Erlebnis ist auf einmal alles klar. Noch vor dem ersten Sex und vor der ersten großen Liebe sagt er es seiner Mutter, den Freunden in der Schule und der Familie. Keiner nimmt Abstand, ist pikiert oder sogar entsetzt. Seine Mutter ist zwar traurig, dass sie keine Enkel haben wird, aber sonst hofft sie für ihn, dass er einfach glücklich wird. Egal, mit wem. „Meine Eltern hatten selbst genug schwule Freunde, für sie war Schwulsein nichts Abnormales“, erzählt er. Fabian ist heute 20 Jahre alt. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa im Schöneberger Szenetreff Mann-O-Meter und trinkt Latte macchiato. Hier arbeitet er als Jugendgruppenleiter, um anderen Jungs bei ihrem Coming-out zur Seite zu stehen. Er selbst ist ein Beispiel dafür, wie glimpflich ein Coming-out ablaufen kann – und wie verschieden die Reaktionen aufs Schwulsein sind, je nachdem, wo man lebt.

Denn als Fabian 17 ist, beschließen seine Eltern, aus beruflichen Gründen nach Hessen zu ziehen. Bumms. Er landet in einem Kaff. Erzählt erst mal nichts, passt auf seine Blicke auf, denn er merkt, dass es hier anders zugeht. Einmal testet er die Reaktion einer Bekannten. „Sie hat gesagt: Hör mit so etwas Ekligem auf.“ Das ist der einzige und letzte Versuch geblieben. Es folgt ein halbes Jahr ohne Offenheit, gute Laune und echte Freundschaft. Die Eltern merken das und erlauben ihm die Rückkehr nach Berlin, an seine alte Schule und in eine eigene Wohnung. Alleine, sie selbst bleiben in Hessen, der Beruf.

Hier verliebt er sich in einen Jungen, seinen ersten richtigen Freund aus der Schule und lebt eine neue Offenheit. An dem Pankower Gymnasium tuscheln mal die Achtklässler, fragen sich auf dem Schulhof, ob das nicht der Schwule sei – aber es gäbe keine echte Diskriminierung. Vielleicht auch, weil Fabian so selbstbewusst und stark auftritt. Der besondere Status, den er wegen seiner Sexualität innehat, stört ihn schon: „Mich fragen echt Mitschülerinnen, ob ich nicht ihr neuer schwuler Freund sein will“, erzählt er kopfschüttelnd. „Das ist ja schon fast positiv diskriminierend.“ Von Normalität ist er selbst an seinem Pankower Gymnasium noch weit entfernt. Gut, „wer will schon Durchschnitt sein?“, fragt Fabian. Aber für seine Sexualität, für die würde er es sich wünschen. „Warum gilt es heute immer noch als etwas Besonderes, wenn Jungs auf Jungs stehen?“ Das nervt ihn.

Bei Tobias war alles viel komplizierter. Als er 13 ist, verliebt er sich in seinen damaligen besten Freund, und anders als bei vielen anderen weiß er auch sofort, dass er ausschließlich auf Jungen steht. Doch damit beginnt sein persönliches Coming-out-Drama: Sein Vater ist Priester einer Freikirche im westfälischen Hagen, Schwulsein sieht der als eine schwere Sünde an.

Tobias habe damals Gott um Beistand gebeten, erzählt er. „Und zwar täglich.“ Jeden Abend hat er vor seinem Bett gesessen und sich gewünscht, dass diese Gefühle verschwinden würden. Doch das Beten hilft nichts.

Dann probiert er es mit Frauen, ohne Gefühl. Er ist charmant, hübsch und kommt gut an. Mit 15 hat er seine erste richtige Freundin, mit der zweiten hat er seinen ersten Sex und im Hinterkopf immer wieder diesen Satz: „Ich bin schwul!“ Seine zweite Freundin hat das wohl auch gemerkt: „Sie fand, ich sei viel zu einfühlsam und aufmerksam“, sagt Tobias. Er musste sich auch eingestehen, dass die Freundin recht hat und dass er nicht einfach den Schalter auf Heterosexualität umstellen kann.

Wenn er von dieser Zeit erzählt, merkt man, dass sein Weg zu einem offenen, schwulen Leben schwer und zäh gewesen ist. Dieser Kampf hat ihn depressiv gemacht. Er hat mit 17 eine Therapie begonnen, denn das ewige Verstecken seiner Gefühle hat seine Kräfte schwinden lassen. „Wir haben über sehr vieles gesprochen, aber im Kern ging es doch immer wieder um mein nicht ausgelebtes Schwulsein“, erzählt er, während er im Park der Schwarzschen Villa in Steglitz sitzt und Spaziergänger in der Frühlingssonne vorbeiziehen. Während der Therapie wird ihm auch klar, dass Homosexualität nicht heilbar ist. Bis dahin hat er geglaubt, dass es eine Krankheit sei. Wohl wegen seiner Erziehung.

Nach diesen schwierigen Jahren ohne Offenheit folgt dann mit 18 das eigentliche Coming-out. Er sagt es seinen Eltern. „Ich wurde ja zur Ehrlichkeit erzogen und wollte nichts mehr verbergen.“ Für die Eltern ist diese Offenbarung ein Schock. Die Mutter beginnt zu weinen. Der Vater sagt: „Das kann man mit Gottes Hilfe wegbeten.“ Tobias erzählt ihm nicht, dass er das schon vor Jahren probiert hat. Er liebt seine Eltern, und so lässt er seinen Vater in dem Glauben, er würde noch mal versuchen, „es wegzubeten“.

„Meine Eltern sind sehr konservativ in ihrem Glauben“, sagt Tobias. Er meint damit: Schwulsein ist undenkbar. „Für die gab es keinen Kompromiss. Homosexualität ist Sünde. Schluss. Aus.“ Doch ausgerechnet ein Bischof hilft Tobias. Der Vater bringt ihn dorthin, um von der Freikirche Unterstützung für seine Position zu bekommen. Doch der Bischof erklärt dem Vater, dass man Homosexualität nicht mehr als Sünde ansehe. Es gebe sogar Stellen in der Bibel, die dafür sprächen. „Alles eine Sache der Interpretation“, erinnert sich Tobias.

Aber auch das will der Vater nicht akzeptieren. Doch Tobias kann nicht länger Rücksicht auf seine Eltern nehmen. Es gibt viel Streit, Tobias hat keinen Bock mehr und zieht sich mehr und mehr zurück. Auf einem Jugendtag der Kirche lernt er endlich einen Jungen kennen. „Wir haben uns angesehen und wussten beide von einander, dass wir schwul sind.“ Aus diesem flüchtigen Blickkontakt wurde sehr rasch sein erster Freund. Nach vielen Telefonaten und Treffen wurde klar, es ist ernst. Von einem Tag auf den anderen ist Tobias dann aus dem beschaulichen Hagen zu seinem Freund in die Nachbarstadt gezogen. Die Befreiung sei das gewesen.

Irgendwann später kann auch der Vater es annehmen. Die Eltern recherchieren, denken nach, und eines Tages wurde ihnen dann doch klar, dass Homosexualität weder Krankheit noch Sünde ist. Sie suchen das Gespräch mit ihrem Sohn. Am Ende umarmt der Vater Tobias.

Tobias und sein Freund ziehen nach Berlin, um endlich das nachzuholen, was er in seiner frühen Jugend verpasst hat. Er ist jetzt 20 Jahre alt. Im letzten Jahr hat er einen Platz für ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten in Frohnau bekommen. Ein Jahr Berlin, und doch, Tobias geht nach Hagen zurück: „Ich habe dort einen Ausbildungsplatz ab Herbst.“ Und jetzt klingelt sein Mobiltelefon, die 83-jährige Großmutter aus Hagen ist am Apparat. Sie habe ihn übrigens immer unterstützt, sagt er später. Während mit den Eltern Eiszeit herrschte, hat sie ihn aufgemuntert und gesagt: „Bring doch mal deinen Freund mit.“ Den darf er heute übrigens auch mit zu seinen Eltern bringen.

Auf den Internetseiten von www.lambda-bb.de gibts Infos für Homosexuelle und Bisexuelle, und unter www.jungschwuppen.de finden schwule Jungen Informationen und Tipps.

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