Werbinich : Ethik für Anfänger

Seit zwei Wochen gibt es das neue Pflichtfach an den Oberschulen. Wir haben eine Stunde besucht

Sven Goldmann

In Britz beginnt die Kulturrevolution mit zweiminütiger Verspätung. Es ist kurz vor halb drei, die erste Stunde im neuen Pflichtfach Ethik läuft schon, als Holger Liebich die Schüler der Klasse 7.3. begrüßt. „Tut mir leid, aber wir haben schulintern gerade die kleinen Pausen abgeschafft, das wird noch ein bisschen dauern, bis wir alle pünktlich sind.“

Holger Liebich unterrichtet an der Neuköllner Fritz-Karsen-Schule Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Theater und jetzt auch noch Ethik – das Fach, in dem die einen den Untergang des Abendlandes sehen, die anderen die längst fällige Vermittlung von überkonfessionellen Werten. Bis vor das Bundesverfassungsgericht sind die Kritiker gegangen.Vergebens. Für 24 000 Berliner Siebtklässler ist Ethik seit diesem Schuljahr Wirklichkeit.

Die 7.3 der Fritz-Karsen-Schule ist eine ganz normale Schulklasse: 23 Kinder, elf Jungen und zwölf Mädchen, drei Schüler mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Ethik ist für sie ab sofort ein Pflichtfach wie Mathematik, Englisch oder Deutsch. Religion kann wie bisher freiwillig belegt werden, „aber das mache ich sowieso nur bis zur Konfirmation, dann melde ich mich sofort ab“, sagt ein Junge. Beim Fach Ethik fällt diese Wahlmöglichkeit weg. Die siebten Klassen machen den Anfang, in den kommenden Jahren folgen die Klassenstufen acht bis zehn. 480 Ethiklehrer gibt es in Berlin, manche haben vorher Philosophie unterrichtet oder Religion, andere haben sich weitergebildet.

Holger Liebich wählt eine ungewöhnliche Einführung: „Wisst Ihr, vor dieser ersten Ethikstunde habe ich dasselbe Problem wie Ihr. Könnt Ihr euch denken, warum das so ist?“ Mit dieser Einleitung hat er die Klasse sofort gewonnen. Ein Lehrer mit Problemen, na das ist ja mal was Neues. „Bei so einem neuen Fach können Sie nicht auf das zurückgreifen, was Sie im letzten Jahr gemacht haben“, sagt ein Schüler. Liebich nickt. „Und wir können nicht unsere älteren Geschwister fragen, was in Ethik so passiert, denn die hatten das ja auch noch nicht“, ruft ein anderer. Sein Nebenmann befürchtet: „Vielleicht sind wir auch enttäuscht von dem, was jetzt kommt.“

Zwei, drei Minuten lang lässt Liebich die Schüler reden, dann teilt er einen Arbeitsbogen aus, „den habe ich von einer Kollegin in Niedersachsen“, dort steht Ethik schon seit ein paar Jahren auf dem Stundenplan. Auf dem Bogen finden sich Definitionen der Begriffe Ethik und Moral, ein Zeitungsartikel, Auszüge aus dem Rahmenplan und der Rede einer Politikerin. Schwere Kost für eine siebte Stunde, aber die Schüler sind bei der Sache, alle lesen und markieren die interessantesten Textstellen. Fünf Minuten lang herrscht konzentrierte Ruhe. „Jetzt seid Ihr dran. Schreibt mal auf, was Ihr von Ethik erwartet“, sagt Liebich. An sechs Tischen debattieren die Jugendlichen, wägen Argumente ab, verwerfen sie wieder und malen Schlagwörter auf Pappschilder.

Nach einer Viertelstunde präsentieren sie ihre Ergebnisse. Einer nach dem anderen marschiert nach vorn, heftet sein Pappschild an die Tafel und fügt einen kurzen Satz zur Begründung an. „MEINUNG. Jeder sollte eine eigene haben und sie sagen dürfen.“ „GEWALT. Wie können wir sie verhindern, auch in der Schule?“ „KULTUREN. Die Christen sollen nicht über Muslime lästern und umgekehrt.“ „LEBENSWERT. Jedes Leben hat seinen Wert und sollte so gelebt werden.“ „RELIGION. Welche gibt es auf der Welt?“ Am Ende ist die Tafel voll, 23 verschiedene Begriffe haben die Schüler gefunden. Auf vier Schildern steht GEWALT, auf zweien RELIGION, was fehlt, ist der Begriff WERTE, um den Politiker, Eltern, Lehrer und Kirchenleute in den vergangenen Monaten so laut und öffentlich gestritten haben.

Holger Liebich ist zufrieden mit der Auswahl. „Darüber werde ich gerne mit Euch im Unterricht reden.“ In der nächsten Woche will er das Lehrbuch austeilen. Es ist noch druckfrisch und trägt den Titel: „Gemeinsam erwachsen werden.“ Nach 43 Minuten ist die erste Stunde Ethik beendet. Mit dem Erwachsenwerden hat es für die meisten Schüler der Klasse 7.3 noch ein bisschen Zeit, jetzt wird Tischtennis gespielt.

Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Lehrer. Wie haben Sie sich auf das Fach vorbereitet? Belastet Sie die Weiterbildung parallel zum Schulalltag? „Weiterbildung?“ Liebich setzt die Tasche ab. „Fast alle Themen des Ethikunterrichts kenne ich aus dem Fach Deutsch, den Rest durch mein Geschichtsstudium. Soll mir ein Dozent das Phänomen Gewalt erklären? Das habe ich als Student am Otto-Suhr-Institut gelernt. Ich mache das einfach so, das Fach traue ich mir ohne Fortbildung zu.“ Er eilt aus dem Klassenraum. Es ist ein weiter Weg über den Schulhof zum Theaterkurs, er ist spät dran, und die kleine Pause gibt es auch nicht mehr.

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