Werbinich : Experte für Rohrstöcke

Leser Fritz Kohlmetz war Vertrauensschüler

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Heute heißen sie Klassensprecher. In den 30er Jahren waren das die „Vertrauensschüler“. Ich war einer. Ich besuchte von 1935 bis 1941 die Städtische Mittelschule in Reinickendorf, die heutige BenjaminFranklinOberschule in Borsigwalde. Es herrschte Ordnung, besonders, nachdem Herr Müller 1938 Rektor wurde.

Von ihm bekam ich als Vertrauensschüler die Aufgabe, für den Nachschub an Rohrstöcken zu sorgen. Ich war 14 Jahre alt und musste im Schreibwarenladen gegenüber der Schule Rohrstöcke kaufen. Ich hatte keine Ahnung von den Stöcken, wusste nur, wie schmerzhaft sie sich anfühlten. Schon wenn der Lehrer die Klasse betrat und ein Schüler noch herumrannte, gab es Dresche.

Es fing je nach vermeintlicher Schwere des Vergehens mit einem Schlag an und steigerte sich bis zu fünf. Wer ahnte, dass er Schläge bekommen würde, steckte sich ein Heft in die Hose darunter. Aber manche Lehrer, das waren die besonders fiesen, schlugen nicht auf den Hintern, sondern bevorzugten den Schlag quer über die Finger. Man hielt danach die Finger über das geöffnete Tintenfass, woraufhin sie anschwollen. Mit diesen arg gequälten Fingern konnten man dann schlecht die aufgegebenen Schularbeiten machen.

Mitschüler sagten mir, dass ich den neuen Rohrstock jeden Tag heimlich mit einer Zwiebel einreiben soll. Die mache das Holz mürbe, so dass er schneller zerbricht. Das hatten sie aus dem gefolgert, was sie im Chemieunterricht gelernt hatten. Und tatsächlich: Schon nach drei Wochen gingen sie durch die Zwiebelbearbeitung kaputt.

Ich habe aber auch versucht, Schüler vor dem Direktor zu verteidigen, zum Beispiel einen, der immer verdächtigt wurde, auch wenn er nichts getan hatte. Gut, manchmal war er aufsässig, aber es ging doch nicht, dass er automatisch für alles geradestehen sollte. Ich habe mich auch für Jungen eingesetzt, die nicht gut im Turnen waren – so wie ich selbst. Das war schlimm. Denn bei den Nazis zählte nur, wer sportlich war und bei der Hitler-Jugend mithalten konnte. Ich habe dem Lehrer erklärt, dass es die gibt, die lieber mit dem Kopf arbeiten, und die, die es in den Beinen haben. Nur manchmal überzeugte ihn das.

Zu den angenehmsten Aufgaben als Vertrauensschüler gehörte, dass ich um einen Teil der Sportstunde herumkam. Denn ich durfte in der nächstgelegenen Bäckerei Tortenstücke für die kaufen, die in der Stunde am besten abgeschnitten hatten.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Fritz Kohlmetz ist 80 Jahre alt und hat im Bezirksamt Reinickendorf gearbeitet, in der pharmazeutischen Industrie und nebenberuflich als Sportjournalist für die Fußballwoche und die „Bild“-Zeitung.

Liebe Leser, an dieser Stelle würden wir gerne auch Ihre Schulgeschichte aufschreiben. Schreiben Sie uns per Email an: schule@tagesspiegel.de oder per Post an Der Tagesspiegel, Redaktion Schulseite, 10876 Berlin.

Fritz Kohlmetz (80) war in den 30er Jahren Vertrauensschüler und musste für den Nachschub an Rohrstöcken sorgen. Er hat gelernt, was man machen muss, damit sie schneller zerbrechen.

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