Familie : Geschwisterhiebe: Sie war's! Sie war's!

Der Bruder ist peinlich, die Schwester petzt. Trotzdem lieben wir sie – heute mehr als früher. Das meint unsere Autorin, die früher ein echt gemeines Kind war.

Elena Senft
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Ihre Familie. Unsere Autorin (rechts) war schon als Kind irre gut drauf. -Foto: privat

Die Rechtslage war eindeutig, die Sachlage wie folgt: Meine kleine Schwester hatte nach dem Probetragen einer H&M-Sonnenbrille darauf verzichtet, diese vor dem Verlassen des Geschäfts zurück auf den Sonnenbrillenständer zu hängen. Die Brille verließ die Filiale unbezahlt, es folgte eine Anzeige wegen Ladendiebstahls und die Diebin wurde von einem Polizeiwagen nach Hause gebracht. Meine Eltern waren an diesem Tag auf einer Gartenparty, die Polizei überließ das Häufchen Elend ihren beiden großen Schwestern. Uns war klar, es gibt Ärger.

Als meine Eltern uns auf der Gartenparty kommen sahen, müssen sie sich ein bisschen erschrocken haben. Am Horizont tauchten mit Grabesmienen die drei Töchter auf, in einer Reihe marschierten sie festen Schrittes auf die Party. Eine Front der Gemeinsamkeit, bereit, einzustehen für die Fehler des Einzelnen und deren Nachspiel. In meiner Vorstellung liefen wir dabei in Zeitlupe, was natürlich nicht stimmt. Meine große Schwester zeigte auf meine kleine Schwester und sagte: „Sie wurde beim Klauen erwischt.“ Ernste Blicke folgten. Dann mussten meine Eltern lachen. Mein Vater zuerst, dann Mama. Die kleine Schwester lachte natürlich als Letztes. Es könnte ein bisschen rührend gewesen sein.

Die H&M-Affäre steht stellvertretend für unser damaliges Verhältnis und für das Verhältnis, das man Geschwistern im Allgemeinen nachsagt: eine Einheit, wenn es hart auf hart kommt, von Kindern, die in normalen Alltagssituationen keine Gelegenheit auslassen, sich mit allen Mitteln gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Meine große Schwester etwa stellte mir als Kind auf einer Reise auf die Kanaren beim Topfschlagen als Preis eine Tasse Urin unter den Topf und sagte, es handele sich um Apfelsaft. Meine kleine Schwester war die gesamte Kindheit hindurch ein strohblonder Schatten, der alles an die Mutter verpetzte, von dem sie nicht hundertprozentig überzeugt war, dass es erlaubt ist. Und ich ein gemeines Kind, das die kleine Schwester eigennützig und unter Androhung von Gewalt zwang, sich zum Geburtstag das Brettspiel „Trivial Pursuit“ zu wünschen, obwohl die kleine Schwester noch nicht mal lesen konnte.

Das Verhältnis von Geschwistern ändert sich. Es wäre auch sonst zu anstrengend. Der permanente Krieg um Rang und Status fällt weg, die Solidarität und das verbindende Wissen, aus demselben Stall zu kommen, bleiben. Der Streit fällt nicht nur deswegen weg, weil sich niemand heute trauen würde, so gemein zu seinen Geschwistern zu sein wie früher. Sondern auch deswegen, weil man schließlich auch nie wieder gezwungen wird, auf so engem Raum mit ihnen zusammenzusein wie früher. Wer auf so nah ungefragt so viel Zeit miteinander verbringen und so viele Dinge teilen muss, muss sich einfach streiten.

Wir drei sehen uns heute regelmäßig bei den Eltern, verabreden tun wir uns aber eher selten. Und weil man in der Kindheit so viel Zeit miteinander verbracht hat, kommt einem fast jeder Kontakt danach im Vergleich eher spärlich vor. Früher waren die eigenen Geschwister schließlich permanent da und verfügbar, es waren Personen, die gezwungen waren, sich mit einem selbst abzugeben. Personen, die – im Gegensatz zu Freunden – bleiben mussten, auch wenn man sich danebenbenahm. Den Kontakt, den es heute gibt, entscheiden die Geschwister hingegen auf einmal für sich. Geschwister werden plötzlich zu Menschen, um die man sich bemühen muss, weil es nicht mehr völlig klar ist, dass sie da sein müssen, ob sie wollen oder nicht.

Manchmal überlege ich mir, ob ich mit meinen Schwestern wohl befreundet wäre, wenn wir nicht verwandt wären. Wahrscheinlich wären wir es eher nicht. Nicht, weil wir uns nicht mögen würden, ich glaube bloß, wir würden uns vermutlich einfach nicht über den Weg laufen. Ich wüsste zumindest nicht so richtig, wo. Weil die Interessen andere sind, die Reiseziele verschieden, die Freundeskreise völlig unterschiedlich.

Meine Freundin M. hingegen verreist ständig mit ihrer Schwester, sie tauschen Klamotten und tauchen gemeinsam auf jeder Party auf. Eine andere Freundin hingegen ist völlig befremdet von ihrem Bruder, der mit Mitte zwanzig immer noch bei den Eltern wohnt und den ganzen Tag den Nachbarsmädchen hinterherpfeift. Jedes Mal, wenn sie sich an Weihnachten sehen, kommt es zum Streit. Trotzdem haben die Beispiele natürlich etwas Gemeinsames: Egal, wie man sich versteht, die Geschwister sind einem immerhin nicht egal. In irgendeinem Verhältnis steht man immer mit ihnen. Der Bruder würde einen immer noch mehr aufregen als der andere Dorfdepp, der den Mädchen hinterherpfeift.

Vielleicht liegt das daran, dass man sich bei dem komischen Verhalten des Bruders nie ganz sicher sein kann, was man vielleicht selber dazu beigetragen hat, dass der Bruder heute so komisch ist. Immer hat man bei Geschwistern ja auch das Gefühl, dass sie einem ähnlich sein müssten, dass man sich doch irgendwo in ihnen wiedererkennt, dass sie mehr als jeder andere mit den gleichen Voraussetzungen wie man selbst auf den Markt geworfen wurden.

Wirklich gestritten habe ich schon lange nicht mehr mit meinen Schwestern. Neulich war ich mal kurz sauer, weil die beiden ins Kino gegangen sind, ohne zu fragen, ob ich auch mitkomme. Das geht natürlich nicht. Ich meine, bei meiner kleinen Schwester neulich auch einen irritierten Unterton gehört zu haben, als ich erzählte, ich hätte meine große Schwester zu Besuch gehabt.

Wenn ein Elternteil heute eine meiner Schwestern kritisiert, habe ich einen natürlichen Reflex, mich auf die Geschwisterseite zu stellen, unabhängig von Schuld oder Unschuld. Ein Rudiment aus alten Tagen. Das gehört so. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie früher so viel geärgert habe. Die Freundin mit dem Bruder sagt auch, sie hätte ihm wahrscheinlich als Teenager nicht immer sagen sollen, dass er so hässlich ist, dann müsste er jetzt nicht ständig plump seinen Marktwert testen. Wahrscheinlich ist das schlechte Gewissen aber meist nicht notwendig, weil es einem intakten Geschwisterverhältnis nur zuträglich sein kann, wenn man sich schon im frühen Alter zeigt, zu welchen schrecklichen Dingen man prinzipiell in der Lage ist. Damit man auch später bei einem Streit sagen kann, dass jeder doofe Satz und jeder Streitgrund nicht so schlimm sein kann wie die Sache mit der Tasse Urin auf den Kanaren. Eine solche Vorgeschichte relativiert alles.

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