Feiertagsetikette : Reinrutschen ohne auszurutschen

Ist es moralisch vertretbar, Weihnachtsgeschenke umzutauschen? Darf man böllern statt zu spenden? Eine Anleitung, wie man die Feiertage mit Familie und Freunden unbeschadet übersteht

Elena Senft

Man erscheint ohne Geschenk auf der Weihnachtsfeier. Welche Ausreden sind nicht erlaubt?

Wem die potentielle Schwiegermutter feierlich und unerwartet zwei Karten für das Musical „König der Löwen“ überreicht, während man selber nicht mal eine Flasche Wein mitgebracht hat, dem ist es vor allem nicht erlaubt, sich billig herauszureden. Wer kein Geschenk hat, muss dafür geradestehen. Und darf zur Ehrenrettung höchstens behaupten, der Postbote habe nicht geliefert, um dann nach den Feiertagen schnell noch ein Weinkennerbuch bei „Amazon“ zu bestellen. Wirklich verboten ist es, so zu tun, als sei dieser Fauxpas gewollt gewesen, weil man nun mal keinen Bock mehr auf dieses heuchlerische Weihnachtsgetue habe, das nicht mehr viel mit Barmherzigkeit, sondern nur noch mit Konsum zu tun habe. Auf diese Weise versucht man, von den eigenen Fehlern abzulenken. Und denjenigen den schwarzen Peter zuzuschieben, die gerade mit freudig-roten Wangen und über eine Tüte Marzipankartoffeln herfallend ihre großzügigen Geschenke verteilen. Weihnachtsfans ihre Feierstimmung madig zu machen, erzeugt eisigere Stimmung als ein vergessenes Geschenk.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Muss man sich mit jedem vertragen, der einen darum bittet?

Ja. Denn nur dann hat man endgültig Ruhe. Niemand fühlt sich angespornter als ein Verschmähter. Und ein furchtbarer Mensch, dem zu verzeihen man sich wahrscheinlich zu Recht offensiv weigert, wird einen noch Monate später mit virtuellen Diddl-Grußkarten stalken. Oder am Weihnachtsabend mit geschmacklosen Geschenken vor der Tür stehen. Oder „zwischen den Jahren“ bei einem schönen Becher Glühwein über den Dissens sprechen wollen, der einen selber überhaupt nicht mehr interessiert. Dann doch lieber eine unehrliche Versöhnung. Ist doch schließlich Weihnachten.

Mit welcher Vehemenz darf man dafür plädieren, am Weihnachtsabend bitte diesmal kein Raclette zu essen?

Mit gar keiner. Wer sich gegen Raclette sträubt, ist ein Spielverderber und steht bestimmt auch beim Karneval elitär und unverkleidet daneben. Oder ist beim WM-Finale plötzlich nicht für Deutschland, sondern für Brasilien. Menschen, die anderen Leuten so den Spaß verderben, gehören diskussionslos ausgeladen. Denn für die Mehrzahl, die sich für das Raclette ausspricht, ist das keine Mahlzeit, sondern ein Jahreshighlight. Und für kulinarischen Hochgenuss, bei dem man keine Dosenmandarinen neben Kartoffeln und unter Käse legt, ist in den nächsten Tagen noch genug Zeit. Wenn sich also ein Gast mit einer plötzlichen Laktoseintoleranz herauszureden versucht, sollte man Fangfragen stellen und den Asozialen entlarven.

Darf man zugeben, dass einem ein Geschenk überhaupt nicht gefällt?

Bei Geschenkfragen gilt wie bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme zu potentiellen Partnern die Dreiwerktagsregel. Noch unter der leuchtenden Nordmanntanne sollte man nicht sofort ein ekelerregtes „Bäh“ hervorstoßen, wenn man Omas alkoholgetränkte Pralinen aus dem Stanniol zieht. Und auch wenn man sich entsetzt fragt, wie Mutter auf die Idee kommt, dass ein Paar oberarmlange, irisierende Metallic-Handschuhe das Richtige für ihre Tochter wären, ist es angebracht, nicht sofort die Herausgabe des Kassenbons zu fordern. In den folgenden Tagen kann man eh nichts umtauschen und in ein paar Tagen wird vielleicht auch Mutter gemerkt haben, dass sie einen Gutschein für ein selbstgekochtes Drei-Gänge-Menü noch uneingelöst vom Vorjahr besitzt.

Darf man erst allen diffusen Silvestereinladungen zustimmen, nur damit man am Silvestertag nicht ohne Einladung dasteht?

Ja, aber nur, wenn man ein gemeiner Mensch ist. Denn es gibt Leute, die sich die Mühe machen, tatsächlich selber an Silvester einzuladen, anstatt sich für 10 Euro Selbstbeteiligung murrend durch ein Buffet zu fressen, anzumerken, dass die Buletten fad schmecken und der Prosecco warm, um sich dann doch lieber zur nächsten, cooleren Party zu verdrücken. Allein dieses altruistische Vorhaben ehrt die Gastgeber. Weil der Silvesterabend der Abend im Jahr ist, von dem so viel erwartet wird, dass diese Erwartungen immer enttäuscht werden müssen. Niemand ist je mit einer Silvesterparty zufrieden, weil man immer befürchtet, woanders könnte es gerade besser sein, was nie stimmt. Denn an Silvester ist es meist genau deswegen überall nur mittelmäßig. Und übrigens: Diese Schneehütte, von der immer alle behaupten, dass sie im nächsten Jahr mit ihren Freunden dort Silvester verbringen, die gibt es gar nicht.

Muss man an Silvester spenden oder darf man sein ganzes Erspartes in Leuchtraketen stecken?

Spätestens ab Mitte Oktober steht an jeder Kreuzung ein durchgefrorener Mensch mit einem Pony, dem es – wie seinen 1000 Geschwistern – nicht gut geht. Wenn man ihnen ausweicht, kollidiert man mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem falschen Weihnachtsmann, der aufdringlich seine Kleingeldbüchse schüttelt. Man drängelt sich vorbei und murmelt etwas von einer „Greenpeace“-Mitgliedschaft sowie einigen indischen Lesepatenschaften, obwohl man sich in Wirklichkeit nur bereits seit einem Monat das Geld für eine professionelle Böllergarnitur (Große Skytower-Box, „Diamant-Bombenrohr“, einige Blinklanzen sowie fachmännische Raketen-Halterungen) vom Munde abgespart hat. Außerdem redet man sich raus mit den drei Katzen, die man letzten Sommer aus dem Tierheim geholt hat. Ein karitatives ganzjähriges Engagement hilft beim ungestörten Pyromanenspaß: Wer das ganze Jahr mit einer „Amnesty“-Mitgliedschaft prahlen kann, der kann im Supermarkt neben den „Brot statt Böller“-Aufforderungen und hinter der Schlange stehenden Frau mit der „Dritte Welt“-Laden-Kutte fröhlich pfeifend seine Verlängerungslunten aufs Warenband legen.

Gibt es Dezembersätze, die man sich verkneifen sollte?

Ja. All diese Sätze, die man anbringt, wenn alle Feiernden plötzlich auf dem Balkon rauchen oder auf dem Klo sind und man alleine mit dem Schwiegervater in spe vor den Resten der Weihnachtsgans und den letzten matschigen Kloßbrocken sitzt: 1. „In Berlin ist der Schnee ja meist leider nur grauer Matsch.“ 2. „Kalt geworden, ne?“ 3. „Krass, dass es schon ab Mitte September überall Lebkuchen zu kaufen gibt.“ 4. „Wahnsinn, wie schnell das Jahr wieder rum ist!“Elena Senft

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