Feste feiern : Ostern und die liebe Verwandtschaft

An den Feiertagen kommt die Familie zusammen. Unsere Autorin zieht diesmal die Flucht ins Ausland vor. Und erklärt, warum sie dem nächsten Treffen mit der Verwandtschaft entspannt entgegenblickt

Jacqueline Möller
Osterhasen-Orchester
Osterhasen-OrchesterFoto: dapd

Dieses Jahr entscheide ich mich für die Flucht, Italien ist das Ziel meiner Reise, weit weg von der Familie. Zwei Wochen Urlaub, Sonne, Unbeschwertheit. Besser, so scheint es mir, kann man den bevorstehenden Feiertagen nicht entkommen.

Ostern steht bevor und damit der Besuch bei der lieben Verwandtschaft. Für die einen sind solche Zusammenkünfte eine Freude, für andere eine ziemliche Qual. Eins ist von vornherein klar: Das Fest im Kreise der Familie bietet stets genügend Gesprächsstoff. Auf dem sorgfältig eingedeckten Kaffeetisch landen Geschichten, die wahlweise längst vergessen waren oder die von allen Anwesenden lippensynchron mitgesprochen werden können. So erzählt die Großmutter zum Beispiel davon, wie der Sohnemann einst mit Wachsmalstiften die Lackschäden ihres Autos kaschierte. Kaum dass sie ausgesprochen hat, fällt ihr die Schwiegertochter ins Wort: Der früher im Umgang mit Autos so freimütige Sohn/Ehemann überlässt heute der eigenen Tochter nur ungern die Autoschlüssel. Ja, so haben sich die Zeiten geändert. Allgemeines Kichern in der Runde.

Familienfeste bieten immer wieder aufs Neue Gelegenheit, zu Tage zu fördern, worüber vermutlich aus gutem Grund den Rest des Jahres geschwiegen wird. Geschichten werden so lange ausgeschmückt, bis auch der Letzte mitbekommen hat, dass diejenigen, die heute moralisch den Zeigefinger erheben, früher selbst keinen Deut besser waren als die, über die sie jetzt urteilen. Dabei hat man schon längst geahnt, dass die eigenen Eltern früher alles andere als Musterschüler waren. Es noch mal in aller Deutlichkeit von den eigenen Großeltern zu hören, vermittelt einem trotzdem eine gewisse Genugtuung.

Doch zu einem typischen Zusammenkommen der Verwandten gehört mehr als nur die lustigen Anekdoten der Großeltern. Belebt werden solche Feste vor allem durch die verschiedenen Charaktere und ihre Eigenheiten. Da wäre zum Beispiel der sportfanatische Onkel, der selbst an den Feiertagen im Jogginganzug seine Runden um das Haus dreht, um nicht aus der Übung zu kommen. Er hat seine Frau im Schlepptau, die viel Zeit auf ihr Äußeres verwendet, sogar beim gemeinsamen Kaffeetrinken zum Nachpudern Dutzende Male aufs Klo geht. Und was wäre ein solches Treffen ohne den lieben Cousin, der alle spüren lässt, dass er lieber vor der heimischen Playstation geblieben wäre? Nicht zu vergessen die Cousine, die ihr Handy kaum aus der Hand legt und wie in Trance SMS schreibt. Unterbrechen lässt sie sich nur vom regelmäßigen Zischen ihrer Eltern und dem Satz: „Kannst Du das Teil nicht mal für eine halbe Stunde aus der Hand legen?“

Es ist ein bunter Haufen von Persönlichkeiten, der sich da zusammenfindet. Wäre der Rahmen nicht vorgegeben, so würden all diese Menschen vermutlich nie gemeinsam an einem Tisch sitzen. Allein die Eigenarten der Anwesenden garantieren jedoch nicht zwangsläufig ein gelungenes Familienfest. Dafür bedarf es der richtigen Mischung aus Überraschendem und Routine.

Eine Konstante stellen dabei die Großeltern dar, bei ihnen finden Familientreffen dieser Art meist statt, und das macht Sinn. Nur sie haben genügend Zeit, alles haarklein vorzubereiten, wie bei einem Staatsbesuch. So hat sich der Großvater schon Wochen im Voraus Gedanken über die Wahl des Restaurants, die Sitzordnung und den Ablauf gemacht und sogar eine kleine Ansprache vorbereitet. Die Großmutter war währenddessen vornehmlich damit beschäftigt, nicht nur ihre engsten Freundinnen über das bevorstehende Ereignis zu informieren, sondern gleich die ganze Kleinstadt.

Natürlich fährt man jedes Jahr ins selbe Restaurant. Natürlich werden jedes Jahr die gleichen Gerichte bestellt. Und natürlich wird sich an all dem auch künftig nichts ändern. Um es mit einem Satz aus dem Kultfilm „Dinner for one“ zu sagen: „Same procedure as every year.“

Vielleicht liegt ja genau darin der Reiz solcher Familienzusammenkünfte, vielleicht ist es das, was sie so besonders macht: die Unantastbarkeit des großen Ganzen. Zwar werden die Familienmitglieder mit den Jahren älter, doch schon mit dem Überschreiten der Türschwelle zur großelterlichen Wohnung, mit dem Geruch der Diele und dem knarrenden Geräusch der Fensterläden fühlt man sich direkt zurückversetzt in die Zeit, in der man Ball mit den Cousins und Cousinen gespielt und sich über die ersten blühenden Osterglocken im Garten gefreut hat.

Mittlerweile ist man diesem Alter natürlich längst entwachsen. Ballspielen ist langweilig geworden, nicht mehr angesagt. Statt dessen hängt man lieber vor dem Computer der Großeltern, auch wenn der nicht das neueste Modell ist. Früher fand man Familienfeste einfach spannender. Die Altersunterschiede fühlten sich geringer an. Der zwei Jahre jüngere Cousin schien nicht Lichtjahre jünger, die Eltern repräsentierten die Generation der Erwachsenen und wurden bewundert. Was über sie erzählt wurde, bekam man noch nicht so detailliert mit, denn man saß ja separat – am Kindertisch.

Dorthin wird man zwar immer noch gerne abgeschoben, doch inzwischen ist es ziemlich eng an dem Tisch geworden. Die Lieblingscousine ist ebenso groß geworden wie der Cousin. Und auch sonst hat sich einiges geändert: Auslandsaufenthalte haben uns erwachsen werden lassen. Schulstress und Ehrgeiz haben das ewige Faulenzen abgelöst, man hat enge Freunde, die einen prägen und verändern. Sitzt man nun wie üblich am Kindertisch zusammen, fremdelt man zunächst. Nicht nur mit den Verwandten sondern auch mit den Umständen. Doch Kneifen gilt nicht. Wo man durch muss, muss man durch.

Um das Prozedere zu überstehen, habe ich im Laufe der Jahre eine eigene Strategie entwickelt: Ich trage stets mein Handy bei mir. Das vermittelt mir das Gefühl, von der Außenwelt nicht gänzlich abgeschnitten zu sein. Das Handy ist gewissermaßen mein Rettungsanker. Auf der letzten Familienfeier verhalf es mir immerhin zu einer Verabredung mit Freunden am späten Abend: Gemeinsam ließen wir den Tag im Nachtleben ausklingen, so nahm alles doch noch ein versöhnliches Ende.

Allmählich erkennen aber auch die Großeltern, dass man dem Kindertisch entwachsen ist. Nicht jede Tante, nicht jeder Onkel begrüßt einen noch mit den Worten: „Du bist aber groß geworden!“ Nach jahrelangem Kampf um Anerkennung, hat man sich den Erwachsenenstatus erarbeitet. Das hat zur Folge, dass man mit den Verwandten auf Augenhöhe spricht. Kann man diesen Erfolg erst einmal für sich verbuchen, gewinnt man den Familienfesten sogar etwas Positives ab. Insofern sehe ich dem nächsten Treffen mit Zuversicht entgegen: Nachdem ich Ostern ausfallen lassen und in Italien verbringen werde, steht die Verabredung zu Pfingsten fest in meinem Terminkalender.

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