Festival-Rückblick : Landpartie? Landparty!

Die großen Festivals können ganz schön langweilig sein. Unsere Autorin bevorzugt lieber die Alternativen - und zieht Bilanz

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Zeit fürs Zwischenmenschliche. Auf kleinen Festivals kommt man schneller mit anderen Besuchern in Kontakt. So wie hier bei „Rock in Caputh“.
Zeit fürs Zwischenmenschliche. Auf kleinen Festivals kommt man schneller mit anderen Besuchern in Kontakt. So wie hier bei „Rock...Foto: Manfred Thomas

Sie war noch da, diese Sehnsucht nach einer Parallelwelt, nach Schlamm und Bässen, nach Dosenfisch und Wodka-Mate zum Frühstück. Nach einer Realität, in der Musik wichtiger ist als Duschen. Aber irgendwie war ich da rausgewachsen, hundertnochwas Euro dafür zu bezahlen, um ein Wochenende in Kloschlangen sozialistischen Ausmaßes zu verbringen. Zusammen mit menschlichen Schlammklumpen, die Umarmungen für umsonst verteilen, und Mädchen in prätentiösen Gammellooks.

So war es bei „Rock am Ring“, so war es beim „Hurricane“, eigentlich bei den meisten Festivals mit Wellenbrechern. Mit den Jahren wurde das Corporate Design immer ausgefeilter, die Ansprüche an die Headliner immer höher, die Ticket-Preise auch. Prallgefüllte Line-ups ließen keine Zeit darüber nachzudenken, um was es bei Festivals wirklich geht. Um die Wurst nämlich. Um Grillen mit Freunden. Um Natur unterlegt mit einem Soundtrack aus guter Musik. Dem Sonnenaufgang zuprosten und dann dem unbekannten Spanier, der in deinem Vorzelt schläft. Sich für drei Tage einbilden können, dass die Errungenschaften der Zivilisation eigentlich unnötiges Schischi sind.

Doch wenn man die Natur mit über 50 000 Menschen teilt, muss man sie lang unter einem Teppich aus Plastikflaschen suchen. Die Amsel hat keine Chance gegen die 90 Dezibel, die aus der Anlage deiner Nachbarn mit identischen Sprüche-Shirts und identischem Alkoholpegel dröhnen. Und der einzige Spaziergang ins Grüne bleibt die dreiviertelstündige Pilgerwanderung zwischen Camping- und Festivalgelände.

Und so schien das Konzept Festival immer mehr wie Sex im Kornfeld: theoretisch sehr aufregend, praktisch eher schmerzlich unbequem. Ging die meiste Zeit doch darauf, Schlange zu stehen, einen Zelt-/Park-/Tanzplatz zu suchen oder seine Freude, die fünf Sekunden nach Betreten des Festivalgeländes von Menschenmassen weggeschwemmt wurden.

Schon der Gedanke an die Anreise in der Autokolonne machte die Parallelwelt Festival unerreichbar. Dabei war sie nur ein paar Regionalbahnhaltestellen entfernt. Und der Eintritt in diese Welt kann auch unter 50 Euro kosten. Oder manchmal auch gar nichts, wenn man mithilft. Deshalb an dieser Stelle ein Rückblick auf die besten Alternativen. Für die Planung des nächsten Festivalsommers.

„Nation Of Gondwana“ am Waldsee in Gründefeld ist knapp eine halbe Stunde von Berlin entfernt. Um die 3000 Gäste wurden unter anderem von James Holden und Kollektiv Turmstraße elektronisch beschallt. Gemacht wird es von den „Pyonen“ und ist sogar älter als die legendäre „Fusion“.

Wer mit „Hans und Gloria“ feiern wollte, musste sich etwas länger in die Bahn setzen. Bei Neuruppin wurde diesen Sommer der „dritte Hochzeitstag“ der Namensgeber zelebriert. Die Legende hinter der Veranstaltung geht so: 2010 haben sich Hans und Gloria vermählt – ein Fest so rauschend, dass es jedes Jahr wiederholt wird. „Wir sind arm, aber nicht arm an Ideen“, schreiben die Betreiber auf ihrem Blog. Und lockten damit diesmal mehrere hundert Besucher.

Die Gäste des „Jenseits von Millionen Benefizfestival“ auf der Burg Friedland in der Niederlausitz feierten für den guten Zweck. Zwei Euro jedes verkauften Tickets und der Gewinn, der nach Abzug der Produktionskosten übrig geblieben ist, gehen an die „Magazine Community School“ in einer illegalen Siedlung nahe Malawi. Dafür verzichten die Musiker auf einen Teil ihrer Gagen.

Bei „Plötzlich am Bodden“ tanzten in diesem Jahr zum ersten Mal etwa 3500 Menschen auf Usedom: 60 Stunden Musik, Wasser und Strand satt, dazu sehr viel liebevolle Deko. Auf der Tanzfläche flogen Federn, Glitzer, Konfetti und alle paar Minuten die Hände in die Höhe. Drumherum: Wälder, Wiesen, Kühe, Heuballen, die von Pärchen besetzt wurden, die meisten von ihnen hatten gerade erst zueinander gefunden. „Wir wollten eine Atmosphäre schaffen, die nicht auf Massenkonsum ausgerichtet ist“, sagt Constantin Boese, einer der Organisatoren. „Mehr Natur. Mehr Raum. Es ist schöner, wenn man sich zurückziehen kann.“ Weniger ist eben manchmal mehr. Boese formuliert es so: „Wenn kein großer Act den anderen jagt, braucht man sich nicht kaputtzufeiern.“

So bleibt ganz nebenbei Zeit, bei einer Dose Ravioli mit Freunden und Fremden anzubandeln. Sowieso: Kleine Festivals machen große Freunde. Man muss zum Beispiel keine ominösen Treffpunkte vereinbaren und geht nicht so oft verloren. Und selbst wenn das passiert, hat man spätestens am zweiten Abend das Gefühl, auf einem großen Schulhof zu tanzen. Auch die Preise ähneln denen einer Schulcafeteria: Ein Essen kostet zum Beispiel bei „Plötzlich am Bodden“ drei Euro. Auch das Einschmuggeln von Getränken entfällt, denn auf kleinen Festivals gibt es meist keine Trennung zwischen Camping- und Festivalgelände. Mitgebrachtes kann also ganz legal verzehrt werden.

Die Veranstalter des „3000 Grad“-Festivals in Feldberg, etwa 120 Kilometer von Berlin entfernt, fassen auf ihrer Internetseite ihr Credo in Versform zusammen: „Das Zelt unterm Arm, die Decke gepackt, den Bus bespannt. Emotional außer Rand und Band. Die Badehose in der Hand. Hinein ins tiefe Mecklenburger Land.“ Und weiter: „In schönster Natur am Feuer sitzen, der Musik lauschen und Gedanken austauschen.“ Mehr braucht man wirklich nicht. Auch im nächsten Jahr.

Vorher nochmal üben? Dieses Wochenende gibt es dazu Gelegenheit. Zum Beispiel beim „Gratwanderung“ im sächsischen Colditz, wo Matthias Speck & The Television Orchestra aus Berlin und André Sondermann auftreten. Oder, für Bequeme und überzeugte Großstädter, nächste Woche Donnerstag und Freitag im Maschinenhaus der Kulturbrauerei, wo das „Discover Pop“- Festival mit Bands wie Tryo und Francois & The Atlas Mountains stattfindet.

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