Festivals : Drei Tage Krach

Schräge Anmachen, willenlose Fans und jede Menge Schlamm: Darum lieben unsere Autoren Festivals.

Feiern bis zum Umfallen. Trotz hygienisch fragwürdiger Bedingungen und meist miesem Wetter machen Festivals den Sommer zur schönsten Zeit des Jahres.
Feiern bis zum Umfallen. Trotz hygienisch fragwürdiger Bedingungen und meist miesem Wetter machen Festivals den Sommer zur...Foto: ddp

FEIERN BIS DER KOPF SCHMERZT

Drei Männer, zwei Kästen Bier, ein VW-Bulli. Ihnen ist klar, warum sie hier sind, auf diesem Ex-Militärflughafen im Süden Mecklenburgs: Für ein Wochenende im Rausch ist die Fusion das populärste Festival unter elektrobegeisterten Berlinern. Zehntausende haben sich an diesem Wochenende auf den Weg nach Lärz gemacht, einem Kaff an der Mecklenburger Seenplatte. Die drei jungen Männer kommen im alten Bulli mit der knatternden, schlecht geölten Schiebetür. Kaum da, legt Paul mit dem Trinken los. Die anderen helfen ihm später, als die zwei Kästen Bier gegen 3 Uhr morgens alle sind, drängt es die jungen Männer auf die mit zuckenden Menschenmassen gefüllten Tanzflächen. In dem Getümmel verlieren sie sich. Drei Stunden später tingelt jeder der drei über das bebende Festivalgelände zum Bulli zurück, die Tür wurde prophylaktisch offen gelassen. Zu so später Stunde mit dem Schlüssel zu hantieren, wäre nach literweise Bier sowieso keine Option gewesen. Der letzte der jungen Männer zieht gegen 6 Uhr völlig fertig die Schiebetür zu. Die rostige Tür scheint zu klemmen, sie springt zurück. Er reißt sie noch mal ins Schloss. Wieder scheint sie an irgendetwas abzuprallen. Dafür stöhnt jemand zu seinen Füßen leise. „Is was ...?“, fragt Paul verpennt und offenbar noch nicht nüchtern. Er hebt langsam seinen Kopf, an der Schläfe ein Abdruck der Schiebetür. Hannes Heine

NACKT IM REGEN FÜR PHARRELL
Wir befinden uns in den Niederlanden, in Landgraaf, beim Pinkpop Festival. Der Himmel ist dicht bewölkt, es ist kalt, meine Laune extrem mies. Gleich spielen N.E.R.D. und keiner meiner Festivalkumpanen interessiert sich dafür. Und schon gar nicht für meine Schwärmerei für den schönen Pharrell Williams. Ich stehe also alleine vor der Bühne, in der Hand ein wässriges Bier, das noch wässriger wird, als es in Strömen zu regnen beginnt. Dann endlich treten N.E.R.D. auf die Bühne. Als die Mädchen um mich herum zu kreischen beginnen, fühle ich mich an Take-That-Zeiten erinnert – und habe nichts dagegen. Sowieso habe ich mit Beginn des ersten Songs nichts mehr gegen irgendwas, den Regen, die Tatsache, dass meine Freunde lieber an der Würstchenbude abhängen als bei mir – alles ist gut so. Dies ist mein Moment. Meiner und Pharrells – und eventuell noch der ein paar weiterer Mädchen. Das Kreischen geht in Tanzen über, das Frieren in Schwitzen. Da gibt Pharrell zu bedenken: „Girls, if you’re wet and hot, maybe you should take off your clothes“. Das Publikum hat keine Gegenargumente. Und so wird eben nackt im Regen weitergetanzt. Franziska Klün

EIN WINK MIT DEM ZAUNPFAHL
Immer rechts am Zaun entlang, das hatten wir ihr gesagt, mir erschien das eindeutig. Es war Freitag halb drei, „Rock im Park“, Nürnberg. Schnell noch die Taschen aus dem Auto holen, meine beste Freundin hatten wir am Eingang des Campinggeländes abgesetzt. Ein unruhiges Gefühl auf dem Rückweg gen Zelt: zwei verpasste Anrufe von meiner Freundin. Am Zelt angekommen, stellten wir unsere Taschen in dem Zwei-Mann-Iglu ab. Das leer war, weil meine Freundin offenbar länger für den Weg brauchte, den wir zweimal zurückgelegt hatten. Wir versuchten sie anzurufen, Netz überlastet. Schließlich kam eine SMS durch: „Wo genau muss ich hin?“ Die Antwort – „Immer am Zaun lang, neben dem blauen Familienzelt“ – brauchte zwölf Minuten. So ging das eine Weile hin und her. „Wo genau“ – „Am Zaun“ plus diverse Beschreibungen à la „rechts nach der Reihe Klappstühle“ schickten wir zu ihr. Wir gingen den Zaun entlang, die Bands in der Ferne wurden besser und besser. Bis wir uns – einige Wutanfälle und kleinere Diskussionen später – um halb zehn wiederfanden, verpasste ich Marilyn Manson, Queens of the Stone Age und weitere Bands, die längst in der Unwichtigkeit versunken sind. Bis heute behauptet meine Freundin, es hätte mehrere Zäune gegeben. Lea Hampel

SCHLAMMCATCHEN? NEIN DANKE!

Es regnete und um mich herum standen lechzende Männer. Sie starrten auf eine Bühne, das Konzert der Band Atrocity. Mit auf der Bühne: fast nackte Frauen, die sich an herabhängende Ketten drückten. Mein Freund war einer dieser lechzenden Männer. Nein danke, dachte ich, und sagte tschüss, ich gehe zu unseren Zelten. Es dämmerte. Ich kam zu einer riesigen Matschpfütze, in der sich zwei Typen wälzten. Sie sahen mich, und einer schrie „Hey, da ist eine Frau!“. Beide standen auf, rannten auf mich zu. Vor mir Matsch, hinter mir geparkte Autos, kein Mensch zu sehen. Ich drückte mich an ein Auto, schrie irgendwas. Sie packten meinen Oberarm, meine Hüfte. Ich krallte mich an einem Rückspiegel fest. Ich dachte: „Wo ist mein bescheuerter Freund?“ Wegen dem war ich immerhin in Wacken, auf diesem Metal-Festival in der Pampa gelandet. Und ich dachte seltsam Praktisches wie „Was für ein Scheiß, deine Klamotten werden hier nie mehr trocken!“. Plötzlich kam aus der Dunkelheit ein Retter, ein Typ ohne Haare und mit Ledermantel bis zum Boden. Er befreite mich. Und ich entlohnte ihn so, wie es zu diesem Ort passte: Ich nahm ihn mit zu unserem Feuer und machte ihm ein Bier nach dem anderen auf. Julia Schuhmann

Yeah! Steven und Matthias. Foto: privat
Yeah! Steven und Matthias. Foto: privat

EIS ESSEN MIT STEVEN TYLER

In den Sommerferien fuhr ich mit ein paar Freunden für zwei Wochen nach Dänemark. Wir hatten uns ein Haus gemietet, denn wir hatten gerade Abitur gemacht, deshalb waren unsere Reisetaschen voller Bier, denn das Bier in Dänemark war teuer. Wir blieben die meiste Zeit in diesem Haus, nur einmal fuhren wir nach Kopenhagen, Stadt angucken.

Kopenhagen ist eine schöne Stadt, auf einem großen Platz sagte ich zu meinem Freund Björn: „Schau mal, der Typ da vorne. Der sieht aus wie Steven Tyler von Aerosmith.“ Björn, ein großer Freund lauter Musik, schaute und sagte: „Das ist Steven Tyler.“ Aber das konnte ja nicht sein, wieso sollte Steven Tyler mit einem Eisbecher durch Kopenhagen rennen, und vor allem: Wenn das Steven Tyler ist, wo ist dann seine Tochter Liv? Der Typ, der aussah wie Steven Tyler, hielt vor einer peruanischen Straßencombo, aß sein Eis und wippte im Takt. Björn ging zu ihm hin. Stellte sich daneben. Wippte mit. Fragte dann: „Hey. Is it you?“ Und der Typ, der aussah wie Steven Tyler sagte: „Yeah.“ Björn drehte sich zu uns um und reckte den Daumen nach oben. Und dann stellte ich mich neben Steven Tyler und Björn machte ein Foto. Steven sagte irgendwas von einem Festival und ob wir da auch hinkommen würden. Wir sagten, na klar, sind ja schließlich Riesenfans. Auf dem Rückweg fragte ich Björn, was Steven denn für ein Festival gemeint habe. Björn sagte: „Irgendwas mit Roskilde. Oder so ähnlich.“ Matthias Kalle

DER SPIESSER IN MIR
Pearl Jam, Santana, Sting – die Gründe für mein Kommen waren vergessen, als ich morgens um sechs Uhr von einem lauten Geprassel aufwachte. Irgendein Nachbar ließ gerade sein morgendliches Wasser an unserem Zelt ab. Es gab zwei Möglichkeiten: Rausgehen und den noch betrunkenen Typen anbrüllen oder weiterschlafen. Ich entschied mich für Letzteres. Spießbürgertum und „Rock im Park“ schließen sich irgendwie aus. In den drei Tagen gehören Matsch, Schlangestehen, schlecht Schlafen eben dazu. Und wenn’s blöd läuft ein Urinwecker. Später am Tag freute ich mich darüber, dass es ordentlich regnet. Immerhin. Ferda Ataman

MIT FEUEREIFER BEI DER SACHE

Die Sicht im kleinen Drei-Mann-Zelt ist gleich null, es stinkt nach verbranntem Plastik. Wir tasten uns zum Eingang, schieben die Plane beiseite und stehen in einer dunkelgrauen Rauchwolke. Eine Freundin ergreift leichte Panik, vier Tage fast rund um die Uhr feiern hinterlassen Spuren. Es ist die letzte Nacht auf dem Campingplatz des Splash-Festivals, das damals noch im Chemnitzer Vorort Oberrabenstein stattfand. Einen Bierdosenwurf entfernt lodert ein Feuer. Mehrere hundert übereifrige Teenager feuern mit Zelten, Campingstühlen und Müll nach. Mit einer Mischung aus Sensationslust und Interesse am Dokumentieren drücke ich auf den Auslöser meiner Kamera. In der angrenzenden Campingzone lodern weitere Feuer. Einer der Krawallbrüder spricht von der „Tradition der letzten Nacht“. Das Feuer neben uns ist plötzlich aus, die Halbstarken ziehen weiter. Wir kriechen zurück ins Zelt, das wir vor einer Attacke aus dem Halbdunkel und somit vor dem Feuer retten konnten. Das war mein letztes Splash. Ich würde jederzeit wieder hinfahren, aber irgendwie will keiner mehr mit. Meine Freunde hören statt Rap nun Elektro. Christoph Spangenberg

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