Werbinich : Finanzieren geht vor Studieren

Wer jetzt Abitur macht, sollte sich schon mal überlegen, wie er an ein Stipendium herankommt

Hannes Heine

Wer zur Schule geht, muss sich um den eigenen Lebensunterhalt oft keine Sorgen machen. Essen gibt es von Mama, Taschengeld auch. Schon jetzt um Geldquellen bemühen sollte sich jedoch, wer im Juni das Abitur in den Händen hält und studieren will. Denn wenn Eltern oder Bafög-Amt nicht helfen, muss man arbeiten. Oder sich um ein Stipendium bemühen. Die Aussichten sind nicht schlecht, denn bis 2009 soll die Zahl der Stipendiaten erhöht werden. Jeder hundertste Student soll einen monatlichen Geldbetrag bekommen, 100 Millionen Euro will das Bundesbildungsministerium dieses Jahr für begabte Studenten ausgeben.

Einrichtungen, die Stipendien vergeben, gibt es viele: Stiftungen von Kirchen, Parteien, Firmen oder Privatpersonen unterstützen Schulabgänger vor allem dann, wenn diese dem Geldgeber irgendwie nahestehen. Wer also von einem christlichen Förderwerk Hilfe möchte, sollte kein Atheist sein. Und wem das Geld einer parteinahen Stiftung lieb ist, dem schadet die Mitarbeit im Jugendverband der Partei sicher nicht.

Den Großteil der 100 Millionen Euro bekommen die zehn größten Förderwerke, sie unterstützen Tausende Studenten. Die staatliche Studienstiftung des deutschen Volkes ist der größte Geldgeber, gefolgt von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch das katholische Cusanuswerk, das Evangelische Studienwerk, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft sowie die parteinahen Förderwerke Friedrich- Ebert-Stiftung (SPD), Konrad-Adenauer- Stiftung (CDU), Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne), Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) und Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linkspartei/PDS) geben Geld.

Zwar beginnen viele Stiftungen erst während des Studiums mit der Förderung, informieren und bewerben sollte man sich aber so früh wie möglich. Interessenten mit sehr guten Abiturleistungen können sich bereits mit Gutachten ihrer Lehrer bewerben, sagt Anja Marx von der Ebert-Stiftung. Nur bei der Studienstiftung und der Böckler-Stiftung ist eine Selbstbewerbung nicht möglich, hier müssen Kandidaten von Professoren, Stipendiaten oder Stiftungsmitarbeitern vorgeschlagen werden. Bei den meisten Förderwerken sind ein Motivationsschreiben, Lebenslauf, Zeugniskopie und Nachweise über ehrenamtliches Engagement erforderlich. Der Bewerber sollte anschaulich darlegen, warum er sich für einen geeigneten Stipendiaten hält.

Weniger gute Noten sind dabei nicht immer ein Ausschlusskriterium, auch wenn etwa die Studienstiftung auf dem Abiturzeugnis eine Eins vor dem Komma verlangt. Der Gesamteindruck zählt, heißt es von der Böckler-Stiftung: War der Bewerber Schülersprecher, kann er begründen, warum er ein bestimmtes Fach studieren will? Die Adenauer-Stiftung fordert „Engagement und Verantwortungsbewusstsein“, die Ebert-Stiftung sucht „gesellschaftspolitisch engagierte Bewerber“. Wer ein weniger gutes Abitur hat, kann sich noch bis zum 4. Semester mit seinen Unileistungen bewerben.

Sind die formalen Anforderungen erfüllt, muss der Bewerber oft in einem Auswahlgespräch überzeugen. Bei der Hans-Böckler-Stiftung wird der Kandidat zu einem Treffen mit einem stipendiatischen Gutachter eingeladen, außerdem beurteilt ihn ein Vertrauensdozent der jeweiligen Universität. Das Auswahlverfahren dauert bei den meisten Einrichtungen etwa drei Monate. Alle Stiftungen entscheiden schließlich nach für jedermann einsehbaren Richtlinien über eine Zu- oder Absage, häufig kann sich einer von sechs Bewerbern durchsetzen.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung rät begabten Schulabgängern, sich gleich nach der Immatrikulation im Oktober zu bewerben. „Wer genommen wird, bekommt dann ab April 2008 ein Stipendium“, sagt Katrin Schäfgen vom Studienwerk der Luxemburg-Stiftung. Bei der Adenauer-Stiftung kann man sich schon zum 1. Juli bewerben. Die Immatrikulation müsse dann nachgereicht werden.

Wer in Berlin studieren will, profitiert übrigens von den großen Stipendiatengruppen, die sich regelmäßig treffen, um über Studium und Hochschule zu diskutieren: Jeweils mehr als 100 Stipendiaten von Böckler-, Adenauer-, Böll- und Ebert-Stiftung studieren in Berlin.

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