Werbinich : Freizeit im Klassenzimmer Grundschulen stellen auf Ganztagsbetreuung um –

Eltern fürchten, dass „Verwahranstalten“ entstehen

Claudia Keller

Die Möwensee-Grundschule ist eine Art Pilgerort geworden. Grundschullehrer aus ganz Berlin kommen nach Wedding, um sich Stoff zum Träumen zu holen: Die 400 Möwensee-Schüler können nachmittags im Musikzimmer Gitarre üben oder im Tanzraum Ballettschuhe anziehen. Die Jungen trainieren ihre Reaktionsfähigkeit an Billard- und Kickertischen, für die Kleineren gibt es Ruheräume. Die Möwensee-Schule ist seit 1977 Ganztagsschule. Die Kinder werden von acht bis 16 Uhr von 32 Lehrern und 25 Erziehern unterrichtet und betreut. Das ist so ziemlich das Beste, was in Berlin an staatlichen Ganztagsschulen zu haben ist.

Viele Eltern hofften, dass die Kinder bald überall unter solchen Bedingungen lernen wie in der Afrikanischen Straße. Denn in den kommenden Jahren sollen alle 414 Grundschulen auf unterschiedliche Formen des Ganztagsbetriebs umstellen: Entweder verpflichtend mit festem Programm bis in den Nachmittag hinein oder freiwillig im angegliederten Hort.

Mittlerweile aber sind viele Eltern so verunsichert, dass die Aufbruchstimmung schwindet. Beim Sprecher des Landeselternausschusses, André Schindler, rufen Mütter an, die nicht wissen, wo sie ihre Kinder nach den Ferien anmelden sollen: im Kita-Hort oder im Schul-Hort. Andere fürchten, dass die neue Regelung vor allem eins bringt: einen Rückschritt in der Qualität der Betreuung.

Auch Irmtraut Hosemann macht sich Sorgen. Zwei ihrer Kinder gehen auf die Nahariya-Schule in Lichtenrade. Mit anderen Eltern hat sie ein Konzept entwickelt, wie man in der künftigen Ganztagsschule den Unterrichtsstoff nachmittags spielerisch vertiefen könnte. Aber dafür brauche man mehr Freizeiträume als die Schulverwaltung vorsieht und mehr als einen Erzieher für 22 Kinder, sagt Hosemann. In der benachbarten Annedore-Leber-Schule sollen künftig zwei Drittel der 630 Schüler nachmittags betreut werden. Die Schule ist fünfzügig, das heißt, sie hat fünf Klassen pro Jahrgang. Laut Plan der Schulverwaltung soll es pro Zug einen zusätzlichen Freizeitraum mit maximal 45 Quadratmetern geben. Das würde in Lichtenrade bedeuten: einen halben Quadratmeter pro Kind – weniger als in der Kita. Dort hat ein Kind Anspruch auf 3,5 Quadratmeter.

Es sollen sich nicht alle in den Freizeiträumen aufhalten, heißt es in der Schulverwaltung. Die Klassenräume würden mitgenutzt, der Sportplatz und die Schulbibliothek. Irmtraut Hosemann überzeugt das nicht. Sie fürchtet, dass viele Kinder den ganzen Tag in ihrem Klassenraum verbringen werden und wünscht, „man hätte alles gelassen, wie es ist.“

Die Bundesregierung hat für die Umbaumaßnahmen an den Schulen 147 Millionen Euro bereitgestellt, das Land 4,3 Millionen. Mehr sei nicht drin, sagt die Schulverwaltung. Schulen sollen die Räume benachbarter Kitas und Horte nutzen, wenn die eigenen nicht ausreichen. Doch was wird dann mit den Kitakindern? Kreuzberger Eltern zum Beispiel sind empört, dass sie die Kita in der Hagelberger Straße aufgeben sollen, weil eine Schule hier ihre Mensa einrichten will. Wenn ihre Kita mit einer anderen zusammengelegt würde, gehe das „einzigartige Konzept“ verloren.

Neben den Raumproblemen fürchten viele Eltern, dass es zu wenig Erzieher geben wird. Auch in den Ganztagsschulen wird wie jetzt in den Horten ein Erzieher für 22 Kinder zuständig sein. Faktisch aber seien in den Horten mehr Betreuer, sagt André Schindler vom Landeselternausschuss: Viele Horte seien an Kitas angeschlossen, so dass sich die Erzieher der Kleinen auch um die Größeren kümmern. Diese Möglichkeit gebe es in der Schule nicht. Viele Eltern haben Angst, dass aus dem „Haus des Lernens“, von dem Schulsenator Klaus Böger (SPD) schwärmt, eine „Verwahranstalt“ wird.

Außerdem warnt Schindler, dass Lehrer und Erzieher nicht so zusammenarbeiten werden, wie es für die optimale Förderung der Schüler nötig ist. Schon jetzt würden sich viele Lehrer scheuen, Auskunft über ihren Unterricht zu geben.

Dieses Problem gibt es an der Möwensee-Grundschule nicht. „Die Lehrer, die hierher kamen, wussten von Anfang an, worauf sie sich einlassen“, sagt Claas Thomas, der dort den Freizeitbereich leitet. Aber auch hier musste man vieles ausprobieren und manches verwerfen. „Wir hatten 25 Jahre Zeit, um das zu werden, was wir sind.“ Aber ein bescheidener Anfang sei allemal besser als gar keiner, findet Claas. Denn wo, außer in den Träumen, ist alles gleich am Anfang perfekt?

Elternvertreter der Annedore-Leber-, Nahariya- und Bruno-H.-Bürgel-Schule diskutieren mit Stadträten über die Ganztagsschule am 2. Juni, 20 Uhr, Georg-Büchner-Schule, Lichtenrader Damm 224.

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