Werbinich : Friedensverhandlung auf der Bühne

Fernab des Terrors: Israelische, palästinensische und deutsche Schüler probten den gemeinsamen Alltag – in einem Theaterstück

Ulrike Winter

Dana fasst es nicht: Geschimpfe um sie herum, Gekeife und kein Ende. Weil die, die schimpfen und keifen, partout nicht im selben Zimmer schlafen wollen. „Das ist alles?“, fragt die 16-Jährige ungläubig. Ja, das ist alles. Weil die, die schimpfen, Palästinenser sind, und die, die keifen, Juden, können sie unter gar keinen Umständen ein Zimmer teilen. Oder ihren Alltag.

Überraschend, dass Dana vermitteln kann – zumindest auf der Bühne. Das Stück, das jüdische und palästinensische Schüler am Montag im Humboldt-Gymnasium in Tegel dreisprachig aufführten, endete friedlich. Noch überraschender: Die Schüler haben ihre eigene Geschichte erzählt, tatsächlich hatten sie zuvor zehn Tage lang Tisch und Bett geteilt. Fernab der israelischen Heimat, auf neutralem deutschen Boden.

Gemeinsam mit Berliner Humboldt- Gymnasiasten waren sie der Einladung der saarländischen Talat-Alaiyan-Stiftung gefolgt, die sich der Aussöhnung von Palästinensern und Israelis verschrieben hat und in den vergangenen drei Jahren 60 israelische, palästinensische und deutsche Schüler zusammengebracht hat. In diesem Jahr erlebten 20 Jugendliche auf der schwäbischen Burg Hohenzollern und bei den Familien der Berliner Schüler einen friedlichen, gemeinsamen Alltag – undenkbar im Großraum Tel Aviv, aus dem die Schüler kommen. „Wer Verwandte in abgegrenzten Gebieten besuchen will, wartet stundenlang an der Grenze, muss sich erklären, sich ausweisen, sich ausziehen“, schildert die gebürtige Palästinenserin Halima Alaiyan, Gründerin der Stiftung, den Alltag der Jugendlichen.

Dass sie sich trotzdem hin und wieder sehen, verdanken die Schüler Organisationen wie Peace Child Israel, die auch diese Gruppe wöchentlich zum Theaterspielen zusammenbringt, „an einem dritten Ort, für drei, vier Stunden, dann geht es zurück, mitunter unter Beschuss. Zuletzt war das normal.“ Einige der Jugendlichen haben durch die jüngsten Angriffe sogar Angehörige verloren. Natürlich haben sie auch über diese Dinge gesprochen, sagt die 15-jährige Humboldt-Schülerin Luisa. Besonders wichtig waren aber auch gemeinsame Erlebnisse – wie das problemlose Überqueren von Grenzen, wie innerhalb der einst geteilten Stadt Berlin. Auf einer Fahrt nach Straßbourg zum Europaparlament erlebten die Schüler auch, wie es ist, zwischen ehemals verfeindeten Staaten hin- und herzupendeln: Frankreich und Deutschland.

„Ihr habt im Grunde keine Grenzen“, sagt der 14-jährige Nadim über die Fahrt nach Frankreich. Zu Hause lebt er in palästinensischem Gebiet, seine Mutter ist Katholikin. In Deutschland hat er gemeinsam mit Juden und Arabern eine Moschee in Berlin-Tempelhof besucht. Und letztlich doch ein Zimmer geteilt. Jeder sei anfangs skeptisch gewesen, gibt Nadim zu. „Es war eigenartig“, sagt Dana, übrigens Jüdin. Aber aus überraschend unspektakulärem Grund: Deutsche und Palästinenser seien einfach zurückhaltender, ruhiger als die Jugendlichen aus ihrem Kulturkreis. Ernste Probleme, betont Luisa, gab es nicht, „weil wir schnell gemerkt haben, dass wir irgendwie doch alle gleich sind.“

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