Für immer jung : Es ist so schön in Nimmerland

Peter Pan ist unser Idol, das Erwachsenwerden verschieben wir. Kann das auf Dauer gut gehen?

Gesa Jessen
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Feiern bis zum Abwinken. Nach dem Abitur soll der sogenannte Ernst des Lebens beginnen. Warum eigentlich? Foto: Andreas Lander / ZB

Als kürzlich die jüngere Schwester meiner Mitbewohnerin zu Besuch in unserer WG war, wendete sich das Gespräch nach ein paar Gläsern Wein dem Erwachsenwerden zu. „Und, wie fühlst du dich in der 13. Klasse? Als eine der Ältesten?“, fragte meine Mitbewohnerin ihre Schwester. Die zuckte mit den Schultern. „Früher waren die Abiturienten so erwachsen. Oder sie sahen zumindest so aus. Ich hingegen fühle mich immer noch ziemlich kindlich“, sagte sie und guckte verlegen. „Weißt du denn schon, was du nach der Schule überhaupt machen willst?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Als ob ihr letzten Herbst bereits konkrete Pläne gehabt hättet“, sagte sie. „Natürlich nicht“, antwortete ich.

Was wir später mal machen wollen, wissen wir bei der Abi-Feier noch nicht

Es entsprach tatsächlich der Wahrheit. In meinem Jahrgang gab es nur wenige, die während ihres letzten Schuljahrs bereits Bewerbungsgespräche und ein klar definiertes Ziel vor Augen hatten. Die meisten von uns wussten auch nach der Zeugnisvergabe, zwischen Sektgläsern und rührseligen Eltern, nur eins: Wir wollten noch nicht erwachsen werden.

Nicht, dass wir eine zu kurze Kindheit gehabt hätten. Ganz im Gegenteil. Wir sind alle gut behütet aufgewachsen, in Wohlstand und Frieden. In der seichten Spaßgesellschaft der 90er Jahre ließen unsere Eltern uns die Kindertage voll auskosten. Vermutlich, um nachzuholen, was ihnen selbst nicht vergönnt war. Denn sie wurden in den biederen 50er Jahren noch in steife Sonntagskleider gesteckt, schön frisiert und gedrillt. Nach der Schule sollten sie möglichst rasch eine Ausbildung machen oder studieren und einen anständigen Beruf ergreifen. Wir bekamen hingegen Latzhosen aus Biobaumwolle, pädagogisch wertvolle Kinderbücher und viel Verständnis. Wir durften uns mit allem Zeit lassen. Trotzphasen und pubertäre Aussetzer richtig ausleben. In Selbstständigkeit und Verantwortung hat uns nie jemand gedrängt. Und so sind wir heute immer noch Kinder, obwohl wir längst volljährig sind.

Während unserer Abiturfeier gab es viele nostalgische Momente. Es wurde gerne zurückgeblickt. die lustige, leichte Schulzeit gepriesen. Melancholische Stimmung kam auf, und das lag nicht nur am Alkohol und den Balladen, die zwischendurch gespielt wurden. Uns wurde nur klar, dass nun der sogenannte Ernst des Lebens beginnen sollte. Warum nur hatte darauf niemand richtig Lust?

40-Stunden-Woche, Steuererklärung, Betriebsweihnachtsfeier: Die Zukunft klingt nicht sexy. Deshalb drücken wir uns vor ihr

Dabei bedeutete der Schulabschluss ja keineswegs das Ende des Übermuts und den Eintritt ins Erwachsenenleben. Kaum einer von uns hat nach dem unbeschwerten Sommer, der dem Abitur folgte, einen geradlinigen Weg in die Berufswelt gewählt. Ein sicheres Einkommen, eine gefestigte Position in der Gesellschaft und Eigenverantwortung schaffen es momentan kaum auf die Spitzenplätze unserer Prioritätenlisten. Dafür aber Abenteuer, durchwachte Nächte, Reisen. „Ich will noch Dummheiten machen“, hat eine Freundin an unserem letzten Schultag gesagt. Glücklicherweise haben wir Eltern, die unsere Dummheiten unterstützen, moralisch wie finanziell. Eltern, die es uns ermöglichen, unsere Kindheit auszudehnen und die Tristesse von 40-Stunden-Wochen, Steuererklärungen und Betriebsweihnachtsfeiern ein wenig aufzuschieben.

„Was macht ihr denn jetzt alle so?“, wollte die Schwester meiner Mitbewohnerin bei unserem weinseligen Gespräch an jenem Abend wissen. Gute Frage. Ein halbes Jahr nach dem Abi leben wir in einer komfortablen Unabhängigkeitsattrappe. Machen Praktika oder ein Freiwilliges Soziales Jahr. Oder fangen vielleicht halbherzig an zu studieren. Eine Freundin von mir sammelt Schildkröten auf den Philippinen ein. Wir genießen viele Freiheiten. Ohne wirkliche Verantwortung. Ohne echte Selbständigkeit.

Unsere Eltern unterstützen uns in der Selbstfindungsphase - moralisch wie finanziell

„Finde erst mal raus, wer du bist und was du willst“, hat die Mutter eines Freundes zu ihm gesagt, als er für ein Jahr Work and Travel nach Neuseeland aufbrach. Mit dem Herausfinden müssen wir uns nicht hetzen. Das ist auch gut so. Wilde Jahre ohne lästige Verpflichtungen, ohne Job und eigene Familie sind wichtig. Natürlich ist es gut, herumzuexperimentieren. Mit Lebensmodellen zu spielen. Die Welt zu sehen. Das Problem ist nur, dass die meisten von uns nicht vorhaben, dies Orientierungsphase jemals hinter sich zu lassen. Sie schaffen den Absprung nicht oder wollen ihn nicht schaffen. Und werden zur Not an ihr Studium noch ein Aufbaustudium dranhängen oder ein weiteres unbezahltes Praktikum machen.

Ich wollte schon als kleines Mädchen immer Studentin sein. Ein Höchstmaß an Freiheit und ein Mindestmaß an Verantwortung haben. Was danach kommen sollte, daran dachte ich damals nicht. Daran denken viele meiner Freunde bis heute nicht. Wir leben nach Peter Pans Mantra: „Niemals erwachsen!“ Und mit einer Angst, die mit dem Alter zunimmt.

„Was wir so machen?“, sagte ich also zur Schwester meiner Mitbewohnerin. „Wir drücken uns vor dem Erwachsenwerden. Hängen herum in Nimmerland.“ Sie grinste: „Wenn wir unser Abi haben, dann kommen wir bei euch vorbei.“

Eine Weile noch werden wir dort die Narrenfreiheit des Jungseins genießen können. Dann werden wir erwachsen werden müssen. Eine Gesellschaft, die nur wehmütig auf ihre Kindertage blickt und krampfhaft daran festhält, ungezwungen und ungebunden zu sein, hat keinerlei Perspektive. Wenn wir etwas verändern und erreichen wollen, dann müssen wir auch Verpflichtungen eingehen und Verantwortung übernehmen, etwa für die politische, soziale und kulturelle Landschaft, in der wir leben.

Was ist eigentlich so schlimm daran, auf eigenen Beinen zu stehen?

Sich immer nur mit seinen eigenen Befindlichkeiten und Gefühlen zu beschäftigen, ist egozentrisch und eben auch kindisch. Die scheinbare Freiheit zu tun, was uns gerade Spaß macht, ist in Wahrheit nur eine Form von Unmündigkeit. Mama und Papa tragen die Kosten dieses Lebens, und wir bleiben in der Rolle des Kindes. Ein Zustand, der auf Dauer unhaltbar ist. Wir müssen akzeptieren, dass es Verpflichtungen gibt, die man eingehen und ernst nehmen muss. Vor allem dürfen wir uns nicht mehr davor fürchten, Risiken einzugehen und auf eigenen Beinen zu stehen. Wir dürfen uns nicht davor fürchten, Nimmerland eines Tages für immer zu verlassen.

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