Werbinich : Fürs Leben kalkulieren

Immer mehr Jugendliche verschulden sich, weil sie Kosten falsch einschätzen. Ein Schulprogramm hilft

Jeannette Krauth

Andis Sparschwein hungert. Es steht auf dem Schreibtisch des Auszubildenden, und der sichtet dort gerade mit entsetztem Blick einen Berg von Rechnungen. Was steht da wohl drauf? Die Schüler raten: „Vierzig Euro kostet die Azubi-Monatskarte der BVG“, sagt ein Junge. „Viel mehr“, ruft ein anderer. „46 Euro, ich weiß das, wir haben neulich für meine Schwester nachgefragt“, sagt ein Mädchen in babyblauer Berlin-Trainingsjacke. Die drei sind Schüler der Comenius-Schule. Andi ist eine Comicfigur. Mit Andi sollen die Jugendlichen lernen, wie man mit Geld umgeht.

2003 waren über zehn Prozent der 20– bis 24–Jährigen in Deutschland bei der Schufa erfasst. Das sind 480 000 junge Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen zu zahlen. Im November werden im „Schuldenkompass“ der Schufa neue Zahlen veröffentlicht. Jugendliche werden das Hauptthema der Publikation sein – was vermuten lässt, dass sich noch mehr verschuldet haben. In Berlin soll nun ein Schulprogramm der Schuldnerberatungsstelle Charlottenburg-Wilmersdorf vorbeugen. Seit Anfang des Jahres kommt Beraterin Bettina Heine mit dem Spiel „Was was kostet“ in Schulen des Bezirks. Der klassische Einstieg in die Schuldnerlaufbahn sind Handyrechnungen, sagt Bettina Heine. „Eine viertel Million junger Leute zwischen 20 und 24 Jahren ist durch Telefonkosten verschuldet.“ Verschuldet seien vor allem Jugendliche aus wirtschaftlich schwachen Familien. Weil da niemand die Folgen einer ersten Fehlkalkulation bezahlt und danach mit seinem Kind darüber redet, damit es daraus lernen kann.

Damit über das Tabuthema Geld gesprochen wird, bringt Bettina Heine die Comicfigur Andi in die Schulen. Heute Morgen ist es die Comenius-Schule in Wilmersdorf, eine Sonderschule, die Jugendliche besuchen, denen das Lernen schwer fällt. Um Viertel vor neun riecht es nach Kaffee und frischem Gebäck. Eine der Schülerfirmen hat schon vor zwei Stunden Muffins und Pizzaschnecken gebacken.

Im ersten Stock werden Stühle gerückt. Die Schuldenberaterin kommt heute zu zwölf Schülern aus sechs Klassen. Sie sind zwischen 14 und 18 Jahren alt. Es ist eine gemischte Gruppe, denn sie sollen später, unterstützt von ihren Lehrern, das Spiel in die eigenen Klassen weitertragen und mit ihren Mitschülern spielen. Die Stimmung während der 90-minütigen Doppelstunde ist ruhig und konzentriert.

Das Spiel beginnt: Bettina Heine legt die erste Folie auf den Overheadprojektor. Darauf sieht man Andi, der vor einer Straßenkreuzung steht. Den Text neben der Folie liest Ozan, 16 Jahre alt, laut vor: „Der Typ heißt Andi, hat 754 Euro Einkommen und zieht in seine erste eigene Wohnung.“ Jetzt sollen die Schüler überlegen, wie viel wohl eine Ein-Zimmer-Wohnung mit 40 Quadratmetern kostet. Die Beraterin hilft: „Die Miete sollte höchstens ein Drittel des Einkommens kosten“. Viele verschuldete Menschen würden in zu teuren Wohnungen leben, sagt die gelernte Bankkauffrau und Juristin. Für jede Rechnung, die Andi monatlich zahlen muss, gibt es eine neue Folie: für die Miete, das Fitnessstudio, den Strom, die Rundfunkgebühren. Andi wird darauf vor dem Fernseher oder beim Training im Studio gezeigt.

„Wisst ihr, wie teuer so etwas ist“, fragt Heine. Die Schüler diskutieren ein wenig, dann trägt jeder den geschätzten Wert in seine Liste ein. Es geht darum, zu überlegen, wie hoch die monatlichen Fixkosten sind, wie teuer das eigentlich ist, das Leben. Am Ende gewinnt der Schüler, dessen Gesamtsumme am nächsten an Andis tatsächlichen Kosten liegt. Das ist heute Robert. Seine Schätzung von 485 Euro Fixkosten ist am nächsten an den tatsächlichen 478 Euro. Andere haben 430, 538 oder 727 Euro getippt.

Bei der Haftpflichtversicherung liegen fast alle falsch. Weil die so wichtig ist, wie die Schuldenberaterin betont, meinen die Schüler, dass sie auch teuer sein müsse. Deshalb stehen zweistellige Summen auf manchem Zettel. Der Strom? 50 Euro sagt einer, 70 bestimmt, meint ein Mädchen. Redet ihr mit euren Eltern über solche Kosten. fragt Bettina Heine. „Nee“, sagen die meisten. Geld ist Tabuthema, stellt die Schuldenberaterin immer wieder fest. Das ist gefährlich, weil die Jugendlichen, wenn sie das Elternhaus verlassen, keine Ahnung haben, wie man haushaltet, Geld spart oder sich versichert.

Bettina Heine unterrichtet momentan an fünf Schulen, es ist je eine Haupt-, Gesamt-, Sonder-, Realschule und ein Gymnasium. Bisher hat sie den Eindruck, dass ihre Schuldenarbeit an allen Schulen gebraucht wird. Nirgendwo sind Jugendliche mit Kosten und Preisen wirklich vertraut. Das Spiel wird durch eine Bank finanziert, die Heine überzeugt hat, dass ein verschuldeter Jugendlicher auch für den Geldgeber nicht interessant ist.

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