Werbinich : Fürs Leben rechnen

Schulen für Lernbehinderte gründen Firmen: Die Schüler bekommen Erfahrung und bald einen neuen, berufsorientierten Abschluss

Susanne Vieth-Entus

„Kids Backstube“ steht auf den sieben weißen Mützen, die da am frühen Morgen durch die blitzblanke Küche der Pestalozzi-Schule in Zehlendorf huschen. Sechs Schüler backen mit ihrer Lehrerin Erika Kreil alles, was gut und lecker ist: Brötchen, Schweineohren, Hefezöpfe.

Aber bevor es soweit ist, muss gerechnet werden: ein Achtel Mehl und noch ein Achtel. Aber wie, um Himmels willen, sollen daraus Viertel werden? Noël, Sven, Katharina, Sabrina, Sven und Marcel – alle zwischen 16 und 18 Jahre alt – zerbrechen sich den Kopf, und es dauert eine Weile, bis alle Zutaten akurat abgewogen auf dem großen Tisch stehen. Dann noch die Milch erwärmen – und los geht es mit dem Hefeteig.

Dass das Rechnen eine Weile dauert, liegt daran, dass hier lernbehinderte Schüler beisammen sind. Sie haben nicht nur mit dem Rechnen Probleme, sondern auch mit dem Lesen und Schreiben. Um diese Hürden zu nehmen, brauchen sie konkrete Zusammenhänge und Anlässe, sagt Erika Kreil. Diesen Kindern hilft es nicht, wenn ihnen jemand sagt, dass sie Achtel in Viertel nur deshalb umrechnen müssen, weil sie das „später einmal brauchen“.

Um den Schülern möglichst viele konkrete Zusammenhänge zu liefern und ihnen außerdem noch Pünktlichkeit und Teamarbeit beizubringen, kam die Pestalozzi-Schule schon vor einigen Jahren auf die Idee, den normalen Arbeitslehre-Unterricht auszuweiten: Lehrer und Schüler begannen, in ihren Küchen und Werkstätten so etwas wie Schülerfirmen aufzubauen. Anfangs gab es nur eine Catering-Firma, dann kamen die Bäckerei dazu, die Heißmangel und die Tischlerei. Eine Firma für Gebäudereinigung und Gartenbau und eine Schneiderei folgten.

Die Schülerfirmen sind eine Erfolgsgeschichte. Mit Hilfe des Europäischen Sozialfonds und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM-Stellen) wurden sie inzwischen an fast allen 46 Sonderschulen für Lernbehinderte eingerichtet. Aber dabei soll es nicht bleiben: Ab dem Schuljahr 2006/07 wird es sogar einen speziellen berufsorientierten Schulabschluss geben. Er baut auf den Kenntnissen auf, die die Schüler in ihren Firmen gesammelt haben und bescheinigt ihnen die dort gewonnenen Kompetenzen.

„Dieser neue Abschluss ist deutschlandweit einmalig“, sagt Peter Hübner, Referatsleiter in der Senatsverwaltung für Bildung. Erreicht wird damit zweierlei: Erstens bekommen auch jene lernbehinderten Schüler einen Abschluss, die an der Hürde „Hauptschulabschluss“ scheitern. Zweitens können die Arbeitgeber gleich sehen, welche beruflichen Fähigkeiten der Bewerber mitbringt.

Dass es ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt erheblich verbessert, wenn die Jugendlichen praktische Berufserfahrungen in der Schule gesammelt haben, zeigt die Erfahrung der „Kids Backstube“: Schulleiter Dietmar Reich berichtet, dass drei dieser Schülerfirma-Absolventen bereits eine Lehre geschafft haben und zwei weitere gerade in der Ausbildung sind.

Die Suche eines Ausbildungsplatzes wird auch dadurch erleichtert, dass die Schülerfirmen meist Partnerbetriebe haben. Sie beraten die Schüler nicht nur, sondern bieten auch Praktika an. Der 17-jährige Sebastian beispielsweise, der zu den Backstuben-„Kids“ gehört, steht zurzeit jeden Dienstag um fünf Uhr auf, um pünktlich beim Teltower Partnerbetrieb, der Bäckerei Neuendorf, zu sein.

Aber die Schülerfirmen „liefern“ nicht nur erfahrene Praktikanten und Azubis, sondern auch handfeste Unterstützung: „Während der Weihnachtszeit haben wir für unseren Partnerbetrieb 40000 Lebkuchenstücke gefertigt“, berichtet Lehrerin Erika Kreil.

Ebenso kommt es vor, dass die Caterer der Pestalozzi-Schule andere große Caterfirmen unterstützen, wenn es drauf ankommt – wie neulich bei einer Veranstaltung im Spiegelzelt.

„Schülerfirmen sind realitätsbezogener als das Fach Arbeitslehre“, hat Schulleiter Reich festgestellt. Er ist froh darüber, dass er seine Schüler künftig nicht nur mit den Erfahrungen aus den Schülerfirmen, sondern auch mit dem neuen „berufsorientierten Abschluss“ ins Leben schicken kann. Bisher konnte er ihnen nur den Sonderschulabschluss in die Hand drücken. Den wird es auch weiterhin geben – aber nur dann, wenn man die Bedingungen für den berufsorientierten Abschluss nicht erfüllt.

Zu diesen Bedingungen gehört, dass die Zehntklässler in der Fächergruppe Deutsch, Mathematik und Arbeitslehre mindestens zwei Mal ein „ausreichend“ erreicht haben. Außerdem müssen sie im Team eine praktische Arbeit präsentieren und auch dabei mindestens eine ausreichende Leistung abliefern.

An der Präsentation wird es bei den Schülern der „Kids Backstube“ bestimmt nicht scheitern. Selbstbewusst gehen sie ans Werk, organisieren den Einkauf und verkaufen die Brötchen, Hefezöpfe und Kuchen an Schüler und Lehrer. Sie wissen, dass ihre Waren schmecken, und jeder hat seine Spezialität. So wie Noël, der immer dann ran muss, wenn die Schweineohren auf dem Backplan stehen. Er kann es eben am besten.

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