Werbinich : Gar nicht gibt’s nicht

Anna Dissmann[16 Jahre]

Meiner Meinung nach kann der Satz: „Mein Aussehen interessiert mich null“ von keinem gesagt werden, ohne ein bisschen zu lügen.

Das ist auch gar nicht schlimm, denn meiner kleinen Verhaltensthese nach liegt fast allen unseren Taten Angst zugrunde: Wir gehen zur Schule, weil wir Angst haben, später ungebildet zu sein und keinen Job zu finden. Wir suchen uns Freunde, weil wir Angst haben vor der Langeweile des Alleinseins. Wir putzen uns die Zähne, weil wir Angst vor Karies haben. Wir passen uns Gruppen an, weil wir Angst haben unangepasst zu sein und nicht angenommen zu werden. Vielleicht heiraten sogar viele von uns nur aus Angst, im Alter allein zu sein.

Meiner Meinung nach verleitet uns die größte Angst – die vorm Alleinsein – dazu, morgens in den Spiegel zu gucken. Denn keiner ist gerne allein, jeder möchte in irgendeiner Form in der Gesellschaft angenommen werden. Und es ist leider so, dass das Aussehen das Erste ist, was dem Gegenüber begegnet. Egal, ob einer sagt, dass er nur auf die inneren Werte achtet – er hat dich angesprochen, weil er dich äußerlich ansprechend fand.

Eine minimale Beachtung schenkt fast jeder dem eigenen Aussehen, einen kurzen Blick in den Spiegel, ob die Haare nicht in die falsche Richtung abstehen oder die Hemdfarbe sich vollkommen mit der Hosenfarbe beißt. Natürlich gibt es Leute, die sich mehr mit ihrem Äußeren auseinandersetzen als andere, doch gar nicht gibt’s nicht. Gleichgesinnte erkennt man als Erstes an demselben Klamottenstyle, an der Frisur oder einer anderen Äußerlichkeit.

Vielleicht ist Angst auch der Grund dafür, dass alle irgendwann mal über das Aussehen von jemand anderem lästern: Man lenkt die Unsicherheit seiner eigenen Person auf eine andere, weil man selbst Angst davor hat ausgeschlossen zu werden und allein zu sein.Anna Dissmann, 16 Jahre

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