Werbinich : Geschichten vom Vorlesen

Über 1200 Lesepaten hat der Verein der Kaufleute in Berliner Grundschulen vermittelt. Drei erzählen hier von ihren Erlebnissen

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MEINE COOLE GANG

Das ist die Geschichte von Bilal, Edda und Aahla, meiner coolen Gang, die mich in der Neuköllner Regenbogenschule einmal wöchentlich für drei Stunden in Trab hält. Die drei gehen in die 5. Klasse, was, wie ich bald merke, gar nichts heißt. Ich gebe zu, dass mir ein wenig die Maßstäbe abgehen, aber ich hatte doch erwartet, dass zumindest körperliche Größe und allgemeiner Wissensstand halbwegs vergleichbar sind. Denkste!

Bilal reicht mir gerade eben bis unter die Achsel, ist immer ordentlich angezogen, im Rest seiner ganzen kleinen Persönlichkeit allerdings kann von Ordnung nicht die Rede sein. Bilal kann flüssig und korrekt lesen – das war’s dann aber auch schon. Bilal brauche ich mit Lesen gar nicht zu kommen. „Kann ich doch“, sagt er in sauberem Deutsch – seine Eltern sind Palästinenser – und ist erstaunt, dass ich ihm das zumuten will. Wir schlagen das Biologiebuch auf, denn er soll lernen, Bilder und Darstellungen zu erkennen und möglichst korrekt wiederzugeben. Es geht um Kuhmägen. Nicht gerade der Hit, das gebe ich zu. „Was siehst du da?“ Bilal rät: „Na so Beutel eben. Können wir an den Computer gehen?“ „Nee, erst will ich wissen, was das da auf der Zeichnung ist.“ Bilal fällt ein, dass er lesen kann und neben den Abbildungen sind Untertitel. Bilal liest also vor. Schön, ich merke, dass das nicht zielführend ist.

„Schau dir die Abbildungen an, dann schlagen wir das Buch zu und du versuchst zu zeichnen, was du gesehen hast.“ Es wird eine harte Stunde. Ich bin an ihrem Ende überzeugt, dass ich Bilal nicht wiedersehen werde. Aber in der folgenden Woche ist er pünktlich da, setzt sich geschäftig neben mich und informiert mich: „Sie sollen mit mir meinen Vortrag vorbereiten.“ „Was sollst du denn vortragen?“ „Naja, die Lehrerin meint, es wäre gut, wenn ich einen Vortrag darüber halte, wie ich mich zu Hause auf den nächsten Schultag vorbereite. Mappe und so’n Kram.“ Wir rackern uns ab. Nach zwei Wochen haben wir’s geschafft, angefangen mit dem Auspacken und Abwaschen der Wasserflasche und Brotdose, bis zu sorgsam vor dem Einpacken geordneten Bücherstapeln, je nach Schulfach und Stundenplan.

Auftritt Aalah und Edda, im Doppelpack. Edda ist der Fels in der Brandung. Eine kompakte, praktische, pragmatische kleine Person, die für alles Verantwortung übernimmt, nie etwas vergisst, aufmerksam und still. Aalah, ein winziges, vollkommenes, zauberhaft schönes Porzellanpüppchen, riesige braune Augen, lange dunkle Locken, graziös – und die größte Quasselstrippe. In perfektem Deutsch rattert sie pausenlos und ohne Atem zu holen Kommentare zu allem und jedem runter, flitzt durch den Raum, hört nie zu, unterbricht gnadenlos jeden Satz und testet rücksichtslos ihre Durchsetzungskraft und meine Geduld. „Ich will Balletttänzerin werden.“

Aalah ist ehrgeizig bis zur Schmerzgrenze, allerdings ist ihr noch nicht bewusst geworden, dass ehrgeizige Ziele nur durch Arbeit zu erreichen sind. Ich lasse sie einen Absatz vorlesen, danach ihre Freundin Edda. Edda liest gut, Aahla macht Fehler in jedem zweiten Wort. „Wer hat besser gelesen?“, fragt sie. „Willst du das wirklich wissen?“ Jetzt kann sie nicht zurück, außerdem ist ihr Glaube in ihre Fähigkeiten tief und unerschütterlich. „Edda liest viel besser als du, und Bilal liest am allerbesten.“ Die Erde bebt, die Mappe wird mit Wucht auf den Tisch geleert, zwei Bücher aufgeschlagen. „Ich beweise es Ihnen, ich lese jetzt alles vor!“

Sollten Sie das Gefühl haben, in Ihrem Alltag ist zu wenig Würze und zu viel Ruhe – werden Sie Lesepatin! Sie haben nie wieder Langeweile.

Gabriele Stanek-Schlicht war früher Datenschutzbeauftragte einer Stiftung

OH, WIE SCHÖN IST PANAMA

Zweiundzwanzig Augenpaare richten sich in kindlicher Arglosigkeit, Neugier, Scheu oder Skepsis auf mich, fast alle schwarz oder braun, nur zwei blau. Lebhaft und freundlich geht’s in dieser ersten Klasse zu. Kinder aus der Türkei, aus Kroatien, Nigeria, Libanon, Jamaica, ... und nur eins aus Deutschland sitzen einträchtig nebeneinander. Zwei- bis dreimal pro Woche sinke ich in der Schulbücherei der Kreuzberger Galilei-Grundschule mit zwei von ihnen – eins rechts, eins links – in ein weiches Sofa, auf unseren Knien drei Exemplare von „Oh, wie schön ist Panama“.

Tiger und Bär, Angel, Fluss und Pilze, Bananen und natürlich Panama erweisen sich als aufregende Schlüsselworte, die wie eine Geheimschrift entziffert sein wollen, mit der Nase im Buch und dem Finger auf der Zeile. Schornstein – was für ein schweres Wort, das plötzlich auch mich fremd anblickt! Stockend, zäh fließend, flüssig oder gar vorpreschend – dass das Lesetempo so extrem unterschiedlich ist, spielt – noch – keine Rolle. Auch dass jedes Kind seine eigene Technik hat, ist unwichtig: Das eine setzt hörbar die einzelnen Buchstaben nacheinander zum Wort zusammen, das andere rückt erst dann explosiv mit seiner ’Erkenntnis‘ heraus, nachdem es in eiserner Verschlossenheit stumm für sich buchstabiert hat.

Eines ist jedoch sicher: Jeder lesend bezwungene Satz, erst recht ein ganzer Abschnitt ist ein kleiner Triumph, dem ein großes Lob gebührt. Je nach Temperament sehe ich dann einen still-freudigen Blick, unbändiges Zappeln der Beine, begeistertes Trommeln kleiner Fäuste. Diese Kinder hier können durchweg noch, was Erwachsene oft schon verlernt haben, sich auf sich und ihre Arbeit konzentrieren! Und auch das beherrschen die Kinder noch ganz selbstverständlich: nicht maulen, wenn es beim anderen zu schnell oder zu langsam geht. Rücksicht, Toleranz, Selbsterprobung, Hingabe, Geduld – Eigenschaften, die sich mit größter Selbstverständlichkeit an diesem Akt des Lesenübens bewähren.

Mein Spaß ist groß, meine Didaktik spontane Mutterdidaktik, nicht viel anders als ehedem mit meinen eigenen Kindern. Aber mir ist viel wacher zumute für den Ernst dessen, worum es hier geht: um ein sicheres Lebensfundament in der zweiten Heimat, ein Fundament, das unabdingbar auf dem der gut beherrschten Sprache ruht. Spricht, liest und schreibt jedes dieser Kinder am Ende seiner Schulzeit unsere Sprache so sicher wie wir und wie – im Idealfall – auch seine eigene, so wird es zum unschätzbaren Direktvermittler zwischen seiner und unserer Kultur.

Doris M. Fittler, freischaffende Lektorin

DARF ICH JETZT MAL LESEN?

Ich bin einer der Lesepaten, die diese schöne Aufgabe neben ihrer Arbeit ausüben. Deshalb fahre ich einmal wöchentlich vor den eigenen Terminen für zwei Stunden in die Grundschule am Amalienhof. Dort besorge ich vor dem Unterricht ein oder zwei schuleigene Bücher aus dem Lesepaten-Schränkchen, das extra für solcherlei Aufgaben mit neuen Kinderbüchern bestückt wurde. Manchmal habe ich aber auch eigene, private Kinderbücher mit dabei.

Wenn ich dann den Klassenraum der Klasse 3c betrete, stürmt eine Woge von Kindern mit erhobenen Armen auf mich zu: „Hallo, guten Morgen Herr Dahlke! Darf ich heute mit? Nein ich! Nein ich!“ Welche Kinder ich dann betreue, bespreche ich mit der Klassenlehrerin. Mit den Kindern gehe ich dann in den sogenannten „Raum der Stille“, ein Zimmer mit Teppich, ohne Möbel, dafür mit Matten zum Draufliegen. Es heißt: Schuhe aus, und dann wird es gemütlich. Hier lese ich nach Wunsch das eine oder andere vor. Aber, und das überraschte mich zu Beginn dieser Tätigkeit angenehm, die Kinder möchten fast alle auch mir zeigen, wie sie selbst lesen können. Und siehe: Oft können die Kinder, die schnell im Lesen sind, auf meine Nachfrage hin dann den Inhalt gar nicht erklären, weil sie ihn nicht verinnerlicht haben. Dagegen sind diejenigen, die mit krauser Nase sich die Ohren beim Lesen brechen, oft viel stärker beim Nacherzählen.

Ein Junge sagte mir gleich in der ersten Stunde, er könnte sowieso nicht lesen und hätte „eh ’ne Sechs!“ Ich ließ ihn in Frieden. Ich nahm ihn oft mit, aber ich zwang ihn niemals zum Vorlesen, dem er sich stets verweigerte. Dieser Junge kam immer gerne mit, las aber niemals selbst. Am 16. November 2006 saß er beinebaumelnd auf dem Berg der Matten im Schulwohnzimmer und fragte mich am Ende der Stunde: „Herr Dahlke? Darf ich jetzt mal lesen?“ Und er las. Und als er geendet hatte, sah ich ihn an und fragte ihn: „Wie kommst du eigentlich nur auf die Idee, dass du nicht lesen kannst?! Das war doch eben völlig in Ordnung!“

Mit dem schulbekannten Klassenschläger, unintegrierbar in allen Fragen der Schule, wenn nicht gar des Lebens, hatte ich ähnliche Erfolge: Wir beide haben einen Draht zueinander. Die Klassenlehrerin sagt, er würde durch mich erkennen, dass es Männer gibt, die nicht zuschlagen oder Gewalt verherrlichen. Ihm las ich eine ganze Stunde lang „Gulliver in Liliput“ von Jonathan Swift vor. Und er hörte mucksmäuschenstill zu. Ihm konnte ich auch dabei helfen, Gedichte auswendig zu lernen. Wenn man nur ein Kind neben sich hat, kann man das natürlich viel besser als eine Lehrerin mit 26 Kindern. Wenn er mich in der Schule sieht, strahlt er und ruft mir zu: „Hy, Herr Dahlke!“ – Auch das ist eine Belohnung.

In der zweiten Stunde betreue ich seit kurzem ein kleines Mädchen aus der 1a. Dieses Kind ist eigentlich nicht schultauglich. Es kann nicht sprechen, es ist aggressiv zu andern Kindern und schafft es nur, sich mit Dingen zu beschäftigen, die es selbst interessant findet. Es ist kein dummes Kind. Aber es ist verkümmert. Das Jugendamt ist eingeschaltet, es regieren Gewalt, Interesselosigkeit und Verwahrlosung in dieser Familie. Das kleine Mädchen riecht unangenehm.

Ich lasse es meistens agieren und spreche ruhig mit ihm über alles Mögliche. An Vorlesen oder Bücher ist bei diesem Kind vorerst nicht zu denken. Allerdings habe ich die Kleine letztens damit überrascht, das Kinderbuch „Lauras Stern“ auf Türkisch zu lesen. Im Buch sind beide Sprachen geschrieben, und ich begann, diese für mich völlig fremde Sprache einfach nach den lateinischen Buchstaben auszusprechen. Drei Seiten lang gestattete es mir das Mädchen, in meinem falschen Türkisch weiterzulesen. Dann befühlte es mit seinen Fingern den im Buch glänzenden Stern auf jeder Seite. Für mich war es der Lohn meines Daseins in dieser Klasse.

Man ist nicht nur Vorleser. Man ist Tröster der kleinen Seelen, man ist ein Gegenüber für die Kinder, die manchmal so aufgeregt sind, dass sie ihre eigene Spucke nicht mehr runterschlucken vor Freude, dass ein Erwachsener mit ihnen spricht und sie vor allem ernst dabei nimmt. Ich möchte dieses Miteinander mit den Kindern nicht mehr missen.

Thomas Dahlke, Angestellter im öffentlichen Dienst

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