Werbinich : Gesellenstücke

Ferien. Das ist auch die Zeit für Praktika, Bewerbungen und zum Nachdenken: Was bloß werden? Fünf ehemalige Auszubildende erzählen über ihren Job.

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Der Parkettverleger

Robert Mutschall, 24

„Mit Holz wollte ich schon immer arbeiten, das ist einfach ein tolles Material. Am Anfang fand ich die Ausbildung zum Parkettleger aber etwas langweilig, ich war in einem Betrieb, der einfach nur Böden abgeschliffen hat. Das ist es nicht, habe ich mir gesagt, und jetzt arbeite ich in einer Firma, die vor allem alte Böden ausbessert. Dafür müssen wir die Dielen rausnehmen, die Verbindungen zwischen den Planken durch neue ersetzen, wieder verlegen und abschleifen. So bleibt der schöne alte Charakter des Bodens erhalten. Parkett hält ewig, man kann es immer wieder abschleifen, und es erzeugt gleich ein ganz anderes Wohlbefinden als Laminat oder Teppich. Wir kriegen auch ab und zu auch Aufträge aus dem Ausland – letztes Jahr war ich drei Monate in Rom, ein deutscher Arzt dort wollte seinen Boden erneuern. Bekannte von ihm waren dann gleich ganz begeistert, da haben wir noch ein paar Aufträge bekommen. In Paris hat mein Betrieb in alten Aufzügen aufwendiges Tafelparkett verlegt – wenn man gut ist, kommt man rum. Einmal im Jahr gibt es so einen besonderen Auftrag, theoretisch kann auch mal ein Schlossboden darunter sein. Für meine Gesellenprüfung habe ich eine Tischplatte mit einem Flechtmuster gemacht. Damit bin ich Landessieger der Lehrlinge geworden, jetzt mache ich mit einem Stipendium des Landes meinen Meister. Und die Platte ist mein Schreibtisch.“

Der Kfz-Mechaniker

Benjamin Sieglinski, 21

„Als Kind habe ich mit meinem Vater und meinem Opa schon alte Autoteile zusammengeschraubt. Aber bei der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker habe ich gemerkt, dass man ein bisschen mehr draufhaben muss. Abstrakt denken zum Beispiel: Wenn ich eine technische Zeichnung anfertige, muss ich mir vorstellen können, wie das Ganze funktioniert. Am meisten Spaß macht mir, wenn ein Kunde kommt und sagt „mein Wagen fährt nicht mehr richtig vorwärts“ oder so, und wenn ich dann den Fehler suchen kann. Da braucht man Köpfchen und handwerkliches Geschick, das ist viel spannender als eine einfache Inspektion. Neulich hatten wir einen BMW 535d Touring bei uns in der Werkstatt, der war schon halb zerlegt, aber der Fehler noch nicht gefunden. Also habe ich mich erstmal in das System eingelesen, jedes Auto ist ja anders, und schließlich habe ich rausgekriegt, dass die Unterdruckleitung kaputt war. In einer größeren Werkstatt wie bei uns ist man viel allein mit dem Auto. Klar kann man mal mit den Kollegen schwatzen, aber wer gerne mehr Kundenkontakt hat, sollte sich eine kleine Werkstatt suchen.Als Kfz-Mechaniker bleibt man schon mal irgendwo dran hängen und holt sich einen Kratzer, dann macht man eben ein Pflaster drüber und es geht weiter. Eine Weichmutti, die dauernd „Aua!“ schreit, ist da fehl am Platz. In so einer Werkstatt voller Männer muss man auch mal `nen blöden Spruch wegstecken können. Frauen haben es da sicher schwerer, aber in meinem Jahrgang hatten wir eine Auszubildende - und meine Freundin ist auch Kfz-Mechanikerin.“

Die Fleischfachverkäuferin

Katrin Stolzmann, 21

„Für mich ist ein gutes Stück Fleisch besser als jedes Stück Torte. Geekelt habe ich mich nie vor Fleisch. Bei der Gesellenprüfung mussten wir eine Wurstplatte und eine Fleischplatte aus Hackfleischerzeugnissen zusammenstellen. Ich habe eine mit Hack gefüllte Schweinerolle gemacht, das ist ein bisschen ausgefallener als beispielsweise gefüllte Paprika. Oft fragen mich die Kunden, ob ich eine Idee habe, was sie heute kochen könnten. Wenn ein Kunde zum Beispiel Lust auf Geschnetzeltes hat, dann empfehle ich ihm Fleisch aus der Keule, das ist schön zart. In der Ausbildung habe ich gelernt, welches Fleischstück aus welchem Teil des Tieres kommt und wofür es sich eignet. Ich muss auch den Stand einräumen. Schön voll sollte die Theke aussehen, nicht von jeder Wurstsorte nur drei Scheiben, und frisch natürlich, denn eine gräuliche Scheibe Schinken will ja niemand kaufen. Zur Gesellenprüfung gehörte auch ein Beratungsgespräch für ein Buffet – Fleischereien bieten heute meistens noch Partyservice an. Jetzt lasse ich mich zur Verkaufsleiterin ausbilden. Und vielleicht mache ich mich irgendwann mit meiner eigenen Fleischerei selbstständig.“

Der Steinmetz und Schriftsteller

Tobias Hülswitt, 33

„Nach dem Zivildienst wollte ich auf keinen Fall studieren. Ein Freund erzählte mir von der Ausbildung zum Steinmetz und Bildhauer, und das klang, als wäre es was für mich – kreativ und zugleich bodenständig. An der Berufsfachschule haben wir die Hälfte der Zeit mit Theorie verbracht, die andere in der Werkstatt. Überrascht hat mich, dass man Zeichnen und Modellieren tatsächlich lernen kann, und dass es körperlich ganz schön anstrengend ist, genau hinzugucken, was man da tut. Als Gesellenstück habe ich ein irisches Hochkreuz aus rotem Sandstein gehauen. Mich hat die irische Mystik und ihre Vermischung mit dem Christentum sehr interessiert. Drei Wochen lang habe ich daran gearbeitet, ich war sehr stolz, als es fertig war. Danach habe ich noch ein paar Monate als Steinmetz gearbeitet. Warum ich aufgehört habe? Steinmetzen machen typischerweise viel mit sich selbst aus, man ist ja immer alleine mit dem Stein, der wie ein Symbol für einen selbst ist: Man arbeitet sich an ihm ab und lernt seine Eigenheiten immer besser kennen. Dazu braucht man Technik und viel Geduld. So war es auch bei mir, ich habe in dieser Zeit herausgefunden, dass ich eigentlich nur kreativ arbeiten möchte. Jetzt ist mein Material die Sprache. Und manchmal hilft mir die Steinmetz-Ausbildung beim Schreiben: Wenn man zum Beispiel eine Fläche meißelt, dann braucht man viele Arbeitsschritte, bis die Fläche sichtbar wird. In den verschiedenen Phasen muss man den Überblick behalten, wissen, wo man ist und hin will. Und so ist das beim Schreiben auch.“

Der Zahntechniker

Martin Heimann, 24

„Als ich in der neunten Klasse eine Zahnspange bekam, fand ich das überhaupt nicht schrecklich. Im Gegenteil, ich war fasziniert von der Möglichkeit, Zähne so zu richten, dass Patienten wieder richtig zubeißen und essen können – und auch noch schöner aussehen! Mir macht es Spaß, Spangen, Prothesen und Brücken herzustellen, allerdings wird die Geduld dabei oft ziemlich strapaziert: Denn wenn man so winzige Sachen modelliert, dann klappt nichts auf Anhieb. Da muss man sich einfach viel von den Kollegen abgucken. In der Ausbildung lernen wir Anatomie und den Umgang mit den unterschiedlichen Werkstoffen wie Gips, Edelmetall-Legierungen, Kunststoffe, Keramiken oder Wachs. Für die Gesellenprüfung arbeite ich gerade an einer totalen Ober- und Unterkieferprothese, nach der Prüfung will ich auf jeden Fall meinen Meister machen. Mit Patienten haben Zahntechniker eigentlich wenig zu tun, ich fahre aber gerne zu den Ärzten raus und schaue mir an, wie meine Spange oder Prothese sitzt, denn so lerne ich am besten. Jedes Modell ist ein Unikat, deshalb gefällt mir der Beruf, da wiederholt sich nichts. Als Zahntechniker schaut man allen Menschen sofort auf die Zähne – das ist Berufskrankheit.“

Protokolle von Anna Kemper

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