Werbinich : Getrennt lernen, besser werden Der Pisa-Ländervergleich hat die Befürworter

der Gemeinschaftsschule in der SPD ausgebremst

Claudia Keller

Dass sich Deutschland beim Pisa-Test verbessert hat, ist vor allem dem Leistungssprung der Gymnasien zu verdanken. Das geht aus dem zweiten Teil des Ländervergleichs hervor, der im November veröffentlicht werden soll. Die deutschen Gymnasien haben sich demnach zum Beispiel in Mathematik um 50 Punkte verbessert und liegen damit sogar vor Pisa-Sieger Finnland.

Innerhalb Deutschlands hat der Pisa-Vergleich ergeben, dass die Bundeländer über dem Bundesdurchschnitt und auch über dem internationalen Schnitt liegen, die auf ein dreigliedriges Schulsystem setzen und auf Gemeinschaftsschulen verzichten. Auch die Aufsteiger der vergangenen drei Jahre, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die sich mit ihren Leistungen zum Teil ins obere Drittel katapultiert haben, setzen auf das gegliederte Schulsystem. Schlecht stehen hingegen Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Berlin da: die Länder, die sich für das gemeinsame Lernen ausgesprochen haben.

Die Berliner SPD hatte zuletzt im April ihr Votum für die Gemeinschaftsschule bekräftigt und auf ihrem Bildungsparteitag mit großer Mehrheit „eine Schule für alle“ bis zum Ende der zehnten Klasse beschlossen. Heute sagt einer, der damals zugestimmt hat, nun aber nicht mehr genannt werden will: „Die Debatte um die Gemeinschaftsschule ist tot.“ Vor zwei Monaten hielten Befürworter der Gemeinschaftsschule noch hitzige Reden über die Vorteile des gemeinsamen Lernens, heute will am liebsten keiner mehr darüber sprechen. Der Lernerfolg hänge gar nicht vom Schulsystem ab, heißt es nun. „Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man die guten oder schlechten Ergebnisse der Länder auf das Schulsystem bezieht“, sagt Fraktionschef Michael Müller. Andere Faktoren wie die frühe Sprachförderung, die Ganztagsbetreuung und die individuelle Förderung der Kinder seien viel wichtiger. „Wir wollen die Gemeinschaftsschule ja auch nicht morgen einführen“, sagt Felicitas Tesch. „An dem Fernziel wollen wir aber festhalten.“ Tesch ist schulpolitische Sprecherin der SPD und eine starke Befürworterin der Gemeinschaftsschule.

Die Mitglieder des konservativen Parteiflügel, des Britzer Kreises, konnten sich noch nie mit der Abschaffung des gegliederten Schulsystems anfreunden. Sie fühlen sich nun bestätigt. „Das Thema Gemeinschaftsschule ist keines, das jetzt ansteht“, sagen Renate Harant, die dem Arbeitskreis Bildung in der Berliner SPD-Fraktion vorsitzt, und Bildungspolitiker Karlheinz Nolte. „Wir sollten das, was wir haben, weiterentwickeln und nicht alles umkrempeln.“ Das ist auch die Meinung von Bildungssenator Klaus Böger. „An den Problemen in einem Gebiet wie Neukölln würde sich sowieso nichts ändern, wenn ich alle Schüler in eine Schule stecken würde“, sagt er. Vielmehr müsse die Unterrichtsqualität weiter verbessert werden.

„Entscheidend ist, dass der Leistungswille zunimmt“, sagt CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid, „und zwar bei Lehrern, Eltern und Kindern“. Dass sich Deutschland zwischen dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 und dem zweiten drei Jahre später deutlich verbessert hat, erklären sich nicht nur Schmid, sondern auch die Kultusministerkonferenz mit dem Mentalitätswechsel, der in dieser Zeit stattgefunden habe. Denn große Reformen wurden in diesen drei Jahren nicht angestoßen. Es mache sich bemerkbar, dass das schlechte Abschneiden Deutschlands beim ersten Pisa-Test vor allem bei bildungsbewussten Eltern einen Schock ausgelöst hat, sagt Schmid. Die spornten ihre Kinder seitdem zu mehr Leistung an. Statt eines Feuerwerks an Reformen wünscht sich Schmid gezielte und mit Bedacht umgesetzte Veränderungen, die das Schulklima verändern. Das gegliederte Schulsystem abzuschaffen, wäre der falsche Weg. Das scheinen nun auch die Sozialdemokraten einzusehen.

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