Gewalt : Dein ist mein ganzer Schmerz

Wenn Liebe wehtut: Melanie und Fuad lieben und schlagen sich. Voneinander los kommen sie nicht.

Nana Heymann
Gewalt
Wer als Kind bereits Gewalt erlebt hat, dem fällt es später schwer, Konflikte konstruktiv zu lösen. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als er dann auf dem Boden lag, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, da tat er ihr fast schon wieder leid. Das hatte sie nicht gewollt, sie fühlte sich wie in einem schlechten Film. Dabei hatte sie sich diesmal nicht mehr anders zu helfen gewusst, als die Polizei zu rufen, diesmal musste sie was tun, endlich. Kurz zuvor stand er in ihrer Wohnung, flippte aus, wieder mal, fing an, die Möbel zu zerlegen. Diesmal wenigstens bloß die Möbel. Und das alles, weil sie den nächsten Abend mit ihren Freundinnen verbringen wollte. Und nicht mit ihm.

Melanie, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, sitzt in einem kleinen Café in Prenzlauer Berg, während sie ihre Geschichte erzählt. Sie ist 20, ein hübsches Mädchen mit langen dunklen Haaren und dunklen Augen. Seit drei Jahren ist sie mit Fuad zusammen, der eigentlich auch anders heißt, sie lernten sich beim Basketballspielen im Park kennen. Er ist ihr erster Freund, ihre erste Liebe. Aber kann man jemanden lieben, der einen schlägt, immer wieder, manchmal sogar so sehr, dass die Lippe aufplatzt? Melanie schweigt, ihr Blick geht ins Leere.

„Ich weiß, dass es ihm hinterher selbst immer leidtut“, sagt Melanie, „und dass er mich liebt.“ Das erste Mal „rutschte ihm die Hand aus“, da waren sie gerade zwei Monate zusammen. Melanie wollte einen Rock anziehen, aber Fuad wollte das nicht, er sei viel zu kurz, damit würde sie nur die Blicke fremder Männer auf sich ziehen. Quatsch, sagte Melanie, und schon spürte sie den scheppernden Knall seiner Hand auf ihrer Wange. An das Geräusch kann sie sich heute noch gut erinnern. Und an die Stille danach, an die Sekunden, in denen beide die Luft anhielten. Es tue ihm leid, sagte Fuad, das habe er nicht gewollt. Er nahm sie in den Arm, drückte sie fest an sich. Melanie konnte kein Wort herausbringen.

Beim ersten Mal dachte sie noch, es sei ein Ausrutscher gewesen, ein Versehen. Wochen vergingen, Fuad war sehr liebevoll und verwöhnte sie. Blumen, Liebesbriefe, Kinobesuche. Sie sei seine Traumfrau, er wolle immer mit ihr zusammenbleiben, beteuerte er. Melanie war wieder glücklich. Es schien, als hätte es den Schlag nicht gegeben, als wäre nie etwas passiert. Bis zum nächsten Knall. Experten bezeichnen das, was Melanie erlebt, als Gewaltspirale. Dabei unterscheiden sie drei Phasen: den Moment der Tat, die Entschuldigung, die anschließende Ruhephase. Wie viel Zeit dazwischen vergeht, ist individuell verschieden. Fest steht nur: Danach beginnt alles wieder von vorn, durchbrechen lässt sich die Gewaltspirale meist nur mithilfe von Außenstehenden. Und fest steht auch, dass Menschen zumeist dann gewalttätig werden, wenn sie bereits als Kind häusliche Gewalt miterlebt haben, sei es, dass der Vater die Mutter schlug, oder dass sie selbst misshandelt wurden. „Die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu lösen, ist dann nicht sehr ausgeprägt“, sagt Ute Paul, Koordinatorin des Präventionsprojekts „Gewalt ist nie o.k.“, das an Berliner Schulen Workshops zum Thema häusliche Gewalt anbietet.

Ob Fuad als Kind Zeuge häuslicher Gewalt geworden ist, weiß Melanie nicht, er hat ihr nie viel von seiner Kindheit erzählt. Sie nahm es hin. Männer reden halt nicht viel über Gefühlskram, dachte sie, so ist das eben. Manchmal denkt sie auch, dass ihm die Hand ausrutscht, weil er zu viele von diesen Rap-Songs hört, in denen Männer Frauen als Schlampen bezeichnen und davon reden, wie man diese Schlampen zu behandeln, unter Kontrolle zu bekommen habe.

Ute Paul kann diesen Verdacht nur bestätigen. Das Verhalten sowie die moralischen Wertvorstellungen von Kindern und Jugendlichen werden durch die Jugendkultur geprägt. Insbesondere Musiker hätten Vorbildfunktion. „Deshalb ist es besonders wichtig, welche Botschaften sie vermitteln.“ Wenn jemand gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Texte hört, dann wirkt sich das auch auf seine eigenen Vorstellungen vom zwischenmenschlichen Miteinander aus.

Gewaltverherrlichend und frauenfeindlich sind die Texte von Chris Brown, den Melanie gerne auf ihrem MP3-Player hört, zwar nicht, eher im Gegenteil. Romantisch. Fast schon kitschig. Aber trotzdem soll der Musiker seine Freundin, die Popsängerin Rihanna, geschlagen haben. Im Internet kursierten Fotos des Popstars mit aufgeplatzten Lippen und blauen Flecken im Gesicht, sie sollen im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen aufgenommen worden sein. Schlimm hätten die ausgesehen, sagt Melanie, und dass sie sich dabei ein bisschen an ihre eigene Geschichte erinnert gefühlt habe. Angeblich soll die Sängerin ihrem Freund, der sich am Donnerstag wegen der Vorwürfe vor Gericht verantworten musste, verziehen haben. Angeblich sollen die beiden inzwischen sogar heimlich geheiratet haben.

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