Werbinich : Girls’ Day: Mädchen in die Produktion

Schülerinnen haben getestet, wie frauenfreundlich die Tagesspiegel-Redaktion ist. Ergebnis: ganz okay

M.-B. Klenke (12)[A. Preller (11)]

Potsdamer Straße, Tiergarten, Tagesspiegel-Redaktion. Es ist kurz nach 10 Uhr. Wir betreten den Konferenzraum im sechsten Stock – und denken: „Hier regieren ja nur Männer!“ Die Redakteure, die an diesem Morgen die Zeitung für den nächsten Tag besprechen, klopfen zur Begrüßung auf die Tische, fast ist es so wie in der Universität. Dann werden wir begrüßt. Und uns fällt auf den zweiten Blick auf: Es sitzen ja doch viele Frauen am Konferenztisch. Wir haben ein bisschen recherchiert und herausgefunden: Die durchschnittliche Journalistin in Deutschland ist 35 Jahre alt, verheiratet oder hat einen Freund, allerdings keine Kinder. Mal sehen, ob das stimmt. Heute sollen wir erst mal Interviews mit Redakteurinnen führen, Fotos schießen und dann noch unseren Tag beschreiben. Ganz schön stressig, der Zeitungsalltag. Also, Männer, passt auf! Wir Frauen erobern die Berufswelt.

Gut, gehen wir gleich zwei Etagen tiefer, in die Sport-Redaktion. Ist das nicht so ein klassischer Männerbereich? Fußball, Eishockey, Autos und so? Und tatsächlich: keine Frau im Blickfeld, außer Gitta Schlusche. Sie ist die freundliche Sekretärin, auf die hier alle Männer hören. Auch Frank Bachner, 46. Seit 13 Jahren ist er Redakteur beim Tagesspiegel, doch schon viel früher stand fest, dass er Journalist werden will. „Das ist mein Traumberuf“, sagt er. Frauen gibt es nicht viele im Sportjournalismus, sagt er, das ändere sich jedoch gerade: „Wir haben viel mehr Praktikantinnen als früher.“ Und was das Alltagsgeschäft in diesen Tagen angeht: Ohne eine Kollegin hätte Bachner kaum eine Chance! Er kümmert sich um den Schiedsrichterskandal in der Fußball-Bundesliga. Da geht es um Betrug, Schmiergelder und viele Millionen Euro. Er sei deshalb auf die Hilfe der Polizeireporter angewiesen, die ja einen viel besseren Draht zur Kriminalpolizei haben. Bachner meint damit konkret: Tanja Buntrock, die Polizeireporterin aus dem Berlin-Teil. Nicole Tichter (14)

Weitere zwei Etagen tiefer treffen wir Ursula Weidenfeld, sie ist die stellvertretende Chefredakteurin des Tagesspiegels. Anfangs wirkt unser Interviewopfer sehr in Eile, aber dann hat Frau Weidenfeld Zeit für uns. Beruf und Familie, das funktioniert, sagt sie, „mein Mann ist ja auch Journalist“. Weidenfeld muss einiges kombinieren, irgendwie: Wirtschaftsartikel schreiben, das Budget der Redaktion überwachen, Werbung für die Zeitung machen (deshalb tritt sie manchmal in Nachrichtensendungen im Fernsehen als Expertin auf). Und dann muss sie sich auch noch um ihre kleine Tochter kümmern. Ihr großes Hobby ist Kochen. Ihre Kollegen sagen, dass sie das sehr gut kann. Lara Gischler (13), Janina Fielder (13)

Wir treffen Sabine Kornbrust, 30 Jahre alt, sie ist für das Layout der Zeitung verantwortlich. Frau Kornbrust gestaltet zusammen mit anderen die Seiten und passt zum Beispiel auf, dass das Bild auf der Seite 1 immer eine Geschichte erzählt. Sie hat eben einen guten Geschmack. In ihrer Abteilung arbeiten fast nur Frauen. Weil Männer keinen Geschmack haben? Wir wissen es nicht. Ach ja: Zwischen den Computern steht eine große Schale mit Öko-Äpfeln und Traubenzucker. Achten Frauen auch mehr auf ihre Gesundheit? Jasmina Swarczinski (12)

Sechs Etagen, hunderte Bildschirme, viele Büros. Wir stellen fest: Es sind also doch einige Frauen unterwegs. Der Personalchef ist allerdings ein Mann, Moritz von Jagow heißt der. Er meint: „Journalismus ist eher eine Branche für Frauen.“ Es gebe halt unterschiedliche Interessen, und deshalb würden Männer nun mal eher im Sport arbeiten als Frauen. Was ihm spontan einfällt: „Frauen bewerben sich häufiger“, sagt von Jagow, „da können Männer nicht mithalten.“ Entscheidend sei für eine Einstellung jedoch allein die Qualifikation, nicht das Geschlecht.

K. Klöpperpieper (16), A. Weit (15)

In der Lokalredaktion steht dann Sabine Beikler vor uns. Sie kümmert sich um das Thema Landespolitik, ist also viel im Rathaus unterwegs. Sie setzt sich für Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein, das hat sie schon früher in der Schule gemacht, als Schulsprecherin oder als Redakteurin der Schülerzeitung. „Wir leben ja nicht mehr im 20. Jahrhundert!“ Bevor sie zum Tagesspiegel kam, hat sie beim Fernsehen gearbeitet und auch ein Buch geschrieben. Privat fährt sie gern auf dem Motorrad durch die Gegend, nur leider bleibe dafür wenig Zeit, sagt sie. Das liegt daran, dass oft auch abends noch etwas in Berlin passiert. Dann muss die Geschichte schnell in die Zeitung kommen. „Wir haben ja nicht jeden Tag um Punkt 18 Uhr Schluss“, sagt Frau Beikler. Désirée Alte (17)

„Systemadministration“, was für ein Wort! So heißt die Abteilung, in der Moana Weißenfels, 36, arbeitet. Dort wird die Produktion der Zeitung überwacht (ja, klar, mit Männern, sie ist die einzige Frau, aber immerhin). Und was sind die Kollegen? „Sehr nett“, sagt sie und lacht. F. Leich (15), N. Engels (16)

Und dann betreten wir die Politikredaktion und treffen die Chefin. Ingrid Müller empfängt uns und sagt: „Neugier, Skepsis und der Drang, alles zu hinterfragen – das ist entscheidend im Journalismus.“ Seit 1990 arbeitet sie schon beim Tagesspiegel. Heute ist sie in leitender Funktion, sie steht meist früh auf und kommt erst spät nach Hause. Morgens liest sie alle wichtigen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine, manche schon am Frühstückstisch. „Journalismus ist weder ein Männer- noch ein Frauenjob“, sagt sie. „Man muss sich vor allem darauf einlassen, dass jeder Arbeitstag anders ist.“ F. Mettke (16) , F. Malchow (16)

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