Werbinich : Gleiche Fragen von Dahlem bis Marzahn

2007 gibt es das erste Berliner Zentralabitur 14 000 Schüler bereiten sich bereits darauf vor

Florian Urschel

Eigentlich sind Lydia aus Pankow, Martin aus Steglitz und Sonja aus Reinickendorf ganz normale Berliner Schüler. Alle drei sind in der Jahrgangsstufe 12, alle drei haben die Leistungskurse Deutsch und Englisch gewählt. Seitdem werden sie von ihren Lehrern „Vorreiter“, „Pioniere“ oder auch „Versuchskaninchen“ genannt. Ganz gewöhnliche Schüler sind Lydia, Martin und Sonja nämlich doch nicht: Sie gehören zu den ersten, die im Frühjahr 2007 das Zentralabitur schreiben werden. Von Dahlem bis Marzahn brüten Gymnasiasten wie Gesamtschüler dann über denselben Prüfungsfragen.

Seit Beginn dieses Schuljahres stellen die Lehrer ihre Zwölftklässler aufs Zentralabitur ein – allerdings nur in Mathematik, Deutsch und in den Fremdsprachen. Über die passenden Abiturfragen brauchen sie sich also keine Gedanken mehr zu machen. Dafür müssen sie neue Lehrpläne umsetzen, die aufs Zentralabitur vorbereiten sollen – und deshalb zum Teil völlig anders aufgebaut sind als die Curricula früherer Jahre.

Am radikalsten wurde der Lehrplan für Deutsch verändert. Bisher durchliefen die Schüler der Grund- und Leistungskurse in zwei Jahren die deutschsprachige Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Generationen von Schülern haben Deutschunterricht genossen, der in der zeitlichen Abfolge von literarischen Epochen wie Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik und Romantik aufgebaut war. „Jetzt taucht diese Gestaltung nach Epochen im neuen Lehrplan gar nicht mehr auf“, sagt Nicola Draheim, Deutschlehrerin am Freiherr-von-Stein-Gymnasium in Spandau. „Stattdessen sollen wir Lehrer ganz allgemeine Themenvorgaben erfüllen.“

Diese Vorgaben sind etwas nebulös umschrieben. Da geht es um „Figuren, Themen und Motive der Literatur im Vergleich“, um „Figuren wie Faust, Medea, Don Juan“ oder um Motive wie „der verlorene Sohn, Liebesverrat, Wanderung, Ehre“. Andere Themenbereiche tragen schwammige Titel wie „Literarisches Leben“ und „Reflexion über Sprache“. Ähnlich unscharf klingen die Lehrpläne der Fremdsprachen. Welche Autoren, welche Werke die Schüler in ihren Kursen bis zum Abitur lesen und besprechen – das wird jedem Lehrer selbst überlassen.

Doch die Ungenauigkeit der Curricula sei nur scheinbar ein Widerspruch zur allen gemeinsamen Abschlussprüfung, sagt Elke Dragendorf von der Senatsverwaltung für Bildung. „Es geht nicht mehr so sehr um die konkreten Inhalte des Unterrichts. Die Schüler sollen Kompetenzen erwerben, die sie ganz allgemein anwenden können.“ Hinter „Kompetenzen“ – dem Zauberwort der aktuellen bundesweiten Bildungsreformen – verbirgt sich dabei vor allem die Fähigkeit, spontan bestimmte Probleme zu verstehen und bearbeiten zu können. Ob man dieses Können an Faust, Medea oder Don Juan erprobt, ist dabei zweitrangig.

Dragendorf verweist auch auf ein weiteres Hauptziel der neuen Lehrpläne zum Zentralabitur: „Wo es möglich ist, sollen die Lehrer ihren Unterricht fächerübergreifend vernetzen.“ Falls sich also der Deutschlehrer entschließt, einen Text von Gotthold Ephraim Lessing zu behandeln, solle der Geschichtslehrer möglichst die Aufklärung durchnehmen. „Wenn die Schüler auf diese Weise aufs Abitur vorbereitet werden, haben sie die besten Chancen“, sagt Dragendorf – „egal, auf welche Schule sie gehen“.

Die erfahrene Deutschlehrerin Draheim ist da skeptisch. Sie bezweifelt, dass sämtliche Berliner Schulen mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen innerhalb von zwei Jahren dasselbe Niveau erreichen können. Außerdem gibt sie zu bedenken: „Geistige Spritzigkeit reicht nicht, wenn man ein gutes Abitur schreiben will. Es macht viel aus, ob man das Buch, um das es in der Prüfung geht, gelesen hat oder nicht.“ Weil aber auch die Lehrer erst am Prüfungstag die Aufgaben erhalten, falle die Vorbereitung ganz ohne Hinweise schwer. Dies hat wohl auch die Senatsbildungsverwaltung erkannt; jedenfalls hat sie im Internet äußerst genaue Hinweise zu den Abiturthemen in Deutsch für 2007 veröffentlicht (siehe Kasten).

Weniger Kopfzerbrechen müssen sich die Mathematiker machen: Bei ihnen orientieren sich die Aufgaben ausdrücklich „an der Tradition des bisherigen, dezentralen Berliner Abiturs“.

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