Werbinich : Glücklich erst im zweiten Anlauf

In diesen Wochen fliegen rund 1000 Elftklässler zum Highschool-Jahr. Vorsicht ist geboten: Nicht wenige Schüler erleben ein Desaster und müssen die Gastfamilie wechseln

Sandra Dassler

Etwas mulmig war Christiane Vogel schon zumute, als die Boeing am Flughafen Tegel abhob. Doch ihre 16-jährige Tochter Janett hatte immer von einem Jahr in den USA geträumt und ihre Eltern letztlich überredet zuzustimmen. Aus Gesprächen mit Bekannten und aus Presseartikeln wussten Vogels, dass für die meisten Austauschschüler alles gut ging – sie kannten aber auch andere Fälle. Deshalb hatten sie die Organisation für ihre Tochter sorgfältig ausgewählt.

Das half zunächst wenig: Zwei Wochen vor Abflug stand noch immer nicht fest, in welche Familie Janett aufgenommen werden sollte. Nach ihrer Ankunft meldete sich das lebenslustige Mädchen nur kurz: „Sie haben mir das Handy abgenommen. Ich darf nur einmal im Monat mit euch telefonieren. Internetbenutzung ist verboten. Die Schule kann ich erst nächste Woche besuchen. Und ich darf nicht darüber reden, was hier passiert, sonst schicken sie mich sofort nach Hause zurück.“

Christiane Vogel rief bei den Gasteltern an, doch die Nummer stimmte nicht. Auch die Nummer der Betreuer war falsch. Nachdem sie von der deutschen Organisation die richtige Nummer erhalten hatte, sprach sie mit dem amerikanischen Betreuer. Der erklärte ihr, dass die Schule noch nicht begonnen habe – eine glatte Lüge, wie sich bald herausstellte. Außerdem habe man schlechte Erfahrungen mit ständig telefonierenden Schülern gemacht, weshalb der Kontakt nach Hause streng reglementiert sei.

Aus Janetts Briefen erfuhr die Mutter, dass die Gastfamilie täglich eine Kirche besuchte, in der die Gläubigen bei Reden ihres Gurus öfter in Ohnmacht fielen. Die 17-jährige leibliche Tochter der Gastfamilie hatte diese angeblich wegen Drogenproblemen verlassen, ihre 15-jährige Schwester drohte ständig, die Mutter eines Tages „abzumurksen“. Als die beiden jüngeren Geschwister mit dem Riemen geschlagen wurden, musste Janett zusehen. Das Schlimmste für Christiane Vogel aber war der 17. Geburtstag ihrer Tochter: „Ich wollte am Telefon gratulieren, aber die Gastmutter verweigerte mir das, weil noch kein Monat seit dem letzten Telefonat vergangen sei. Ich sagte: ,Debbie, du bist doch selbst Mutter, mein Kind hat heute Geburtstag.‘ Dann durfte ich Janett sprechen – für 30 Sekunden.“

Janett bat die Mutter, nichts zu unternehmen: „Ich versuche, eine andere Familie zu finden. Aber das ist nicht so einfach. Bei unseren Betreuern leben schon mehrere Schüler, die eigentlich bei Familien sein sollten.“ Genau da liegt das Problem: Schon seit Jahren gibt es in den USA und anderen Ländern zu wenige Familien für die stetig wachsende Zahl von Austauschschülern. Zwar sind die Schülerzahlen aus Deutschland rückläufig, dafür drängen aber mehr junge Menschen aus Asien und Osteuropa in die Programme. Das ursprüngliche Konzept, wonach interessierte und materiell abgesicherte Mittelklassefamilien Gastschüler kostenlos bei sich aufnehmen, funktioniert nicht mehr. Die Veranstalter wollen das freilich nicht zugeben, kassieren sie doch von deutschen Eltern für ein Schuljahr zumeist 6000 bis 10000 Euro. Das Geld teilen sie sich dann mit ihren amerikanischen Partnerorganisationen, die wiederum die Betreuung vor Ort übernehmen.

Die örtlichen Betreuer erhalten allerdings Geld für die Schüler, sind also bestrebt, möglichst viele zu vermitteln – egal wie. So verbrachte ein Junge aus Brandenburg sein Jahr im Campingwagen. Sein Gastvater besaß nicht einmal einen festen Wohnsitz. Viele Betreuer nehmen mehrere Gastschüler einfach bei sich selbst auf. Und immer wieder kommt es vor, dass die jungen Ausländer bei Familien landen, die uninteressiert oder einfach völlig überfordert sind. Um das vor ihren Chefs in den Zentralen der amerikanischen Organisationen zu verbergen, setzen viele Betreuer die Teenager unter Druck. Sie drohen, sie ins nächste Flugzeug zu setzen, weil sie mit der Mutter des Mitschülers nach Hause fuhren, sie heimlich nach Hause angerufen oder sie untereinander deutsch gesprochen haben.

Barbara Engler von der Verbraucherschutzorganisation „Aktion Bildungsinitiative“ (ABI) erlebt jedes Jahr im August und September das Gleiche: Besorgte und geschockte Eltern rufen bei ihr an und bitten um Rat. „Man darf nicht vergessen, dass die meisten Austauschschüler bei geeigneten Familien unterkommen“, sagt sie. Doch zahlreiche Schüler haben nicht dieses Glück. Mindestens 20 Prozent der deutschen Austauschschüler in den USA müssten die Familie wechseln, bis zu fünf Prozent kehrten sogar vorzeitig zurück – freiwillig oder unfreiwillig, so Engler.

Die Rückkehr der Jugendlichen, denen von den Veranstaltern „das schönste Jahr des Lebens“ versprochen war, bringt neuen Ärger. Die Eltern erhalten das gezahlte Geld nicht zurück – auch Klagen vor Gericht sind schwer durchzusetzen. „Schuld“ sind schließlich immer die Schüler, und die haben oft unter ihrem scheinbaren Versagen und der Häme mancher Klassenkameraden zu Hause zu leiden. ABI rät deshalb, frühzeitig die deutschen Organisationen zu informieren und notfalls auch einen Anwalt einzuschalten. „Das führt zumindest dazu, dass die deutschen Veranstalter sich verstärkt kümmern“, sagt Engler: „Obwohl diese häufig nicht den erforderlichen Einfluss auf ihre US-Partner haben.“

Für Christiane Vogel zahlte sich die sorgfältige Auswahl einer seriösen Organisation doch noch aus. Als ihre Tochter nach acht schrecklichen Wochen beschloss, die Familie zu wechseln, wurde das von deutscher Seite vorbehaltlos unterstützt. Die neue Gastfamilie sorgte dafür, dass Janetts Amerika-Jahr doch noch ein wunderbares Erlebnis wurde.

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