Werbinich : Goleo braucht Hilfe

Kisten schleppen, freundlich sein. Volunteers arbeiten gratis in Fußball-Stadien. Warum tun die das?

André Görke

Da kommt der Kanzler! Über den Schotterparkplatz rollen dunkle Limousinen, Männer mit Kurzhaarschnitten steigen aus, in ihrer Mitte läuft Gerhard Schröder. „Mmh, ich dachte, der Kanzler wär’ größer“, flüstert Philip, der bestimmt zwei Meter groß ist. Es ist Sonntagabend, kurz vor 20 Uhr, und im Fußballstadion von Hannover tritt Mexiko gegen Brasilien an. Mehr als 40 000 Zuschauer sind gekommen; der Bundeskanzler und die Vips in dunklen Anzügen, die Fans in bunten Trikots. Die dritte Gruppe im Stadion trägt hellgrüne T-Shirts und kurze, schwarze Hosen. Die sieht man nicht nur in Hannover. Es sind hunderte junge Menschen, die in dieser Uniform rumrennen, die auch einem Bademeister gut stehen würde. „Volunteers“ werden sie genannt, weil sie zwei Wochen lang freiwillig Getränkekisten tragen oder verwirrten Fans zu ihrem Platz helfen. Die Uniform bekommen sie geschenkt – als einzige Gegenleistung. „Die Klamotten sind okay“, sagt der 22-jährige Philip. „Leider hatten sie keine passenden Schuhe für mich.“ Welche Größe er denn hat? „Naja, 50.“ Er ist wirklich sehr groß.

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Mehr als 12 000 junge Männer und Frauen haben sich als Volunteer für den Confederations-Cup beworben, bei dem die Meister der Kontinente gegeneinander spielen. 12 000 Bewerbungsgespräche wurden geführt und Schulungen veranstaltet. Wer hat einen Führerschein? Wer spricht englisch und wer russisch? Wer kennt sich mit Computern aus? Am Ende sind 1500 übrig geblieben. 70 Prozent sind männlich, fast alle jünger als 30 Jahre. Volunteers sind im Grunde ehrenamtliche Helfer. Aber Volunteer klingt natürlich viel besser. Philip, der große Typ aus Hannover , macht den Job wegen seines Studiums. Er will später als Dolmetscher arbeiten, und wenn er jetzt täglich spanisch und englisch rede, „kann das nur von Vorteil sein, auch für meinen Lebenslauf“. Die Philosophie: Wer einmal freiwillig gearbeitet hat, ist auch im Unternehmen gut zu motivieren. Das soll Firmenchefs überzeugen.

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Jeder Volunteer muss sich eine große Plastikkarte um den Hals hängen, auf die sein Foto geklebt und der Name gedruckt wurde. Darunter stehen Zahlen, die anzeigen, in welche Bereiche er darf. Mit etwas Glück ist die „1“ angekreuzt, die berechtigt zum Zugang zum „Field“, also in den Innenraum eines Fußballstadions. Wer seinen Job zuverlässig macht, kann sich Chancen ausrechnen, auch bei der Fußball-WM 2006 als Volunteer dabei zu sein. 15 000 Freiwillige werden gesucht und ab Herbst ausgewählt. Wer daran teilnehmen will, muss sich auf der Internetseite www.fifaworldcup.com bewerben.

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Franz Beckenbauer, der Chef der Fußball-WM, sagt: „Es werden sehr, sehr viele ausländische Gäste kommen. Es geht darum, sie freundlich und herzlich zu begrüßen. Und deshalb muss der Volunteer die typisch deutschen Eigenschaften haben: er muss freundlich und nett sein.“ Die Freundlichkeitsoffensive sieht nun so aus: „Welcome to Frankfurt“, sagt am dortigen Bahnhof eine junge Frau in ihrem grünen Hemd, als vor einer Woche der Confederations Cup beginnt. Dann merkt sie: „Oh, Sie sind Deutscher. Na dann: Herzlich Willkommen!“ Wann wird man am Bahnhof schon persönlich begrüßt?

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Die Volunteers arbeiten ja nicht nur in den Stadien. Die älteren dürfen auch Chauffeur spielen und fahren die silbernen Shuttle-Fahrzeuge von den Mannschaftshotels zu den Stadien. Es ist ein lustiges Bild, die älteren Herren, die von Sponsoren eingeladen wurden, auf der Rückbank zu beobachten, wenn sich der Wagen ziemlich scharf in die Kurve legt und der Fahrer den örtlichen Jugendsender im Radio eingestellt hat. Reden dürfen die freiwilligen Fahrer nicht, schon gar nicht mit der Presse, „wurde uns ausdrücklich verboten“, sagt einer. Reden darf eigentlich auch sonst kein Volunteer, deshalb heißt der große Philip aus Hannover auch gar nicht Philip. Groß ist er aber wirklich.

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Nennen wir sie Michaela. Sie ist 21 Jahre alt und arbeitet als Volunteer in Nürnberg. Es ist Dienstagabend, im Frankenstadion spielt gleich die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien. Ein paar hundert Meter entfernt befindet sich das Medienzentrum, in dem sich knapp 1000 Reporter ihre Arbeitskarte abholen. Auch Michaela trägt das hellgrüne Hemd und die kurze, schwarze Hose. Und auch sie schimpft ein bisschen über die weißen Turnschuhe. „Wir haben gefühlte 35 Grad in der Halle. Und wir laufen in dicken Socken in diesen Schuhen rum“, sagt sie. „Weißt du, wie schön jetzt Flip-Flops oder Sandalen wären?“ Seit Neun Uhr morgen ist sie unterwegs. Telefonieren. Übersetzen. Lächeln. Michaela wollte eigentlich in Berlin studieren, daraus ist erst mal nichts geworden. Aber bevor sie in der fränkischen Provinz rumhängt, „will ich mir lieber so eine riesige Organisation anschauen“. Gegen die Hitze helfe übrigens ein kluger Gedanke, sagt sie noch. „Das hier ist eigentlich eine kalte Eishockey-Halle. Denk halt daran.“

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Die Jugend von heute will nur noch Geld. Auch das sagen Eltern gern. „Quatsch“, nennt das Philip. „Ja, ich muss in der Freizeit arbeiten und bekomme kein Geld.“ Dann aber erzählt er eine kleine Anekdote. Neulich haben die Brasilianer im leeren Stadion trainiert, die Reporter wurden rausgeschmissen. Philip durfte bleiben und setzte sich auf die Tribüne. Als das Training vorbei war, holte er sich ein Autogramm von Ronaldinho, dem besten Brasilianer und fragte, ob er auch ein Foto mit ihm machen dürfe. Klar, sagte Ronaldinho. Jetzt lächeln sie auf dem Foto um die Wette. Ronaldinho hat er sich vermutlich auch größer vorgestellt.

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