Werbinich : Große Ferien

Wie ist es, das erste Mal ohne die Eltern zu verreisen? Sechs erfahrene Traveller erinnern sich

Ariane Bemmer (38)

Hamburg – Gedser – Marielyst

Wir waren drei Mädchen, zwei Jungs, 15 und 16 Jahre alt, und wir wollten mit dem Fahrrad nach Dänemark. Ich durfte nur mit, weil meine Mutter fand, wenn die Eltern von B. so was erlauben, dann könne sie das auch erlauben. Und B.s Eltern fanden, wenn meine Mutter zustimme, dann sei so eine Reise auch für ihre Tochter okay. Das Zittern darum, dass ich überhaupt mit darf, war die größte Aufregung an dem Urlaub. Die zweitgrößte war, als wir auf der Fährfahrt von Lübeck nach Gedser feststellten, dass wir zwar eine Flasche Wein dabei hatten, aber keinen Korkenzieher. Wir saßen auf dem Sonnendeck, wurden schon braun und waren ziemlich geknickt. Freundin M. hatte dann eine große Idee. Wenn wir den Korken nicht ziehen können, dann stopfen wir ihn eben rein. Wir pulten die Folie vom Korken, bohrten ein Messer hinein und drückten. Minutenlang und immer abwechselnd drückten wir auf dem Korken herum, bis er endlich nachgab und mit einem Blubb in der Flasche verschwand. Als wir in Dänemark ankamen, war der Wein alle. Den Rest des Urlaubs haben wir weiterhin ausgesprochen viel Alkohol konsumiert und auf den letzten Kilometern des Rückwegs ist mir ein Reifen geplatzt.

Westerstede – Langeoog

Im Sommer 1980 war ich 14 und hatte gerade den Konfirmationsunterricht bei den Lutheranern geschmissen. Drei Monate zuvor war mein Vater gestorben. Autounfall. Fünf Wochen Koma. Nierenversagen. Gott säte den Zweifel und erntete meinen Glauben. Ich wollte mich mennonitisch taufen lassen, also fuhr ich mit dem Pastor und einer Jugendgruppe zu einer Menno-Freizeit auf die Nordseeinsel Langeoog. Die Mennoniten sind eine protestantische Freikirche, Pazifisten und Eidverweigerer, das Bekenntnis meiner westpreußischen Vorväter. Unsere orthodoxen Geschwister in Pennsylvania leben ohne Strom und fahren nur in Kutschen ohne Gummibereifung, damit es ja nicht zu bequem wird. Bei uns im Feriencamp ging es aber ganz locker zu. Wir wohnten in Sechs-Mann-Zelten, nach dem Frühstück hatten wir Bibelstunde, nachmittags schrieb ich christliche Gedichte. Nachts machten wir Geländespiele, oder wir gingen mit dem Pastor nackt baden (1980 konnte man mit Geistlichen noch nackt baden, ohne dass die Leute gleich was dabei dachten). Und ich rauchte meinen ersten Joint. Matthis aus Zürich, einer der Älteren, hatte selbst gezogenes Gras dabei. Ich erwartete eine Erleuchtung, spürte aber nichts. Trotzdem habe ich das später als Erweckungserlebnis mystifiziert. In diesem Sommer suchte ich nach göttlichen Zeichen. Auf Teufel komm raus. Stephan Wiehler (39)

Halle-Neustadt – Boltenhagen

Fünf Uhr früh würde es losgehen, der Weg war weit, 438 Kilometer, das Motorrad langsam, von Halle-Neustadt, Bezirk Halle, DDR, nach Boltenhagen, Bezirk Rostock, auch DDR, es stand noch sicher verwahrt in der Garage, in der auch Vaters Auto stand. Es ist 20 Jahre her. Der 16-Jährige lief los, es zu holen. Garagen in Halle-Neustadt befanden sich in der Regel mindestens fünf Kilometer entfernt von der Wohnung. Es war dunkel, drei junge Männer kreuzten seinen Weg, sie fragten nach der Uhrzeit. Vier, antwortete er. Er wusste, was kommen würde, und tatsächlich, sie liefen hinterher, sie wurden schneller. Er war noch schneller, rannte über Umwege wieder heim, bat den Vater, doch bitte schön mitzukommen zur Garage, da draußen seien welche. Vater kam mit. Ohne Eltern hätte der erste Urlaub ohne Eltern womöglich nicht stattgefunden. Wie die Reise weiterging, weiß er heute nicht mehr. Torsten Hampel (35)

Bremen – Pineda Del Mar

An meine erste Urlaubsreise allein mag ich mich kaum erinnern: Es war im Sommer 1992, ich war 16 Jahre alt. Die Gruppen-Busreise führte uns nach Pineda Del Mar in Spanien. Leider sind dort viele Dinge geschehen, auf die ich heute nicht mehr stolz bin. Ich „lernte“, nach einer halben Flasche Batida de Coco plus einer halben Flasche Campari-Orange plus mehreren Dosen Bier noch halbwegs geradeaus gehen zu können, ohne mich zu übergeben. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir dazu die erste Zigarette meines Lebens angesteckt habe. Aber viel schlimmer ist, dass mich und Olaf fast der Blitz getroffen hätte: Wir wurden auf dem Weg zum Einkaufen von einem Platzregen mit Gewitter überrascht. Und da standen wir eng umschlungen, ich vor Angst bibbernd, ausgerechnet in einer riesigen Pfütze, weil die spanischen Straßen bei stärkerem Regenfall sofort überlaufen. Und was tue ich abends in der Disco? Ich lasse Olaf, meinen Beschützer, stehen, und ziehe mit einem zwei Jahre älteren Holländer ab. Während des Urlaubs lief die Fußball-Europameisterschaft. Deutschland hat gegen Holland 1:3 verloren. Tanja Buntrock (29)

Rotterdam – Bremerhaven

Ich sollte in Rotterdam an Bord gehen, und mein Vater brachte mich hin. Wir übernachteten in einem Hotel am Hafen mit Blick auf den Rhein und die vielen Schiffe, die sich zwischen Raffinerien, Kaianlagen und Containerterminals hindurchfädelten. Mein Vater machte in dieser Nacht kein Auge zu. Er saß auf der Bettkante, um auf das funkelnde Lichtermeer zu starren. Am nächsten Morgen war die „Karthago“ da. Sie war sehr groß, größer als ich mir das vorgestellt hatte, als ich einige Wochen zuvor das Büro einer Hamburger Reederei betreten und gefragt hatte, ob sie mich auf einem ihrer Schiffe mitnehmen würden. Mir war egal, wohin. Da ich noch zur Schule ging – ich war gerade 16 geworden – durfte die Reise nicht länger als meine Sommerferien dauern. Das tat sie dann doch.

Die „Karthago“ war über hundert Meter lang, hatte zwei Kräne, eine Maschine mit 3500 PS und einen kahlköpfigen Kapitän, der ständig sagte: „Wie denn, Müller, geht nicht?“ Er hasste Ausreden. Die Mannschaft setzte sich aus deutschen Matrosen, einem Türken, einem Marokkaner und einem Portugiesen zusammen. Am meisten kümmerte sich ein hünenhafter Kerl um mich, der wie ein Zehnkämpfer aussah und die Kammer neben meiner bewohnte. Meist saßen wir an Deck in der Sonne, schauten auf den leeren Horizont oder trafen uns in Achmeds Kammer, wo sich die Männer die Zeit vertrieben, bis in der Messe ein Videofilm lief. Mehr Romantik gab es nicht. Ich hatte noch nie so hart geschuftet. Anlegen, Ablegen, mit einem Stahlkeil schlug ich auf rostige Stellen am Schiffsrumpf ein, bei 50 Grad Raumtemperatur wechselten wir einen Kolben, der größer war als ich.

Wir fuhren durch den englischen Kanal, über den Atlantik, an Gibraltar vorbei (wo ich erstmals über Seefunk nach Hause telefonieren durfte) bis nach Alexandria und Port Said am Suezkanal. Später nach Beirut, Latakia und Malta. Da wir Container geladen hatten, waren wir meist schnell wieder weg. Viel gesehen habe ich so nicht. Doch ich kann mich noch an die kalkweiß gepuderten Gestalten erinnern, die Säcke von einem Zementwerk zur nahe gelegenen Verladepier schleppten. Es waren Kinder, die ein ständiger Nebel umgab. Als ich nach acht Wochen von meiner ersten eigenen Reise zurückkam, war etwas mit meinen Schultern passiert. Meine Mutter, die die Ankunft in Bremerhaven erwartete, sah mich aus einiger Entfernung und hielt mich für einen anderen. Für einen Seemann. Kai Müller (37)

Cottbus – Harrachov

Bei meinem ersten Urlaub ohne Eltern war meine Mutter irgendwie doch dabei. Sie hieß Christian, der andere Christian unserer Reisegruppe. Christian organisierte die Fahrt, buchte die Unterkunft, sorgte dafür, dass wir fünf 16-jährigen Jungs im ungarischen Harrachov nicht verhungerten, und er kümmerte sich mit einem Eimer in der Hand rührend um mich, als mir der Inhalt meines Magens verloren ging. Leider war aber auch Christian machtlos, als uns eine etwa gleichaltrige Reisegruppe aus Eberswalde in einer Disco zeigte, dass sie in Sachen körperlicher Entwicklung weit vor uns lag. Völlig versagte Christian, als er Thomas erlaubte, mit angeschnalltem Rucksack auf den Skilift zu steigen. Wenig später flog Thomas aus fünf Metern Höhe in den Schnee. Als ich den Außenspiegel eines vorbeifahrenden Schweizer Autos abriss, schlug Christian vor, der Zahlung von 500 Schweizer Franken zuzustimmen. Ich sah mich schon bis an mein Lebensende Werbeprospekte in Plattenbausiedlungen verteilen, um wöchentlich einen großen Umschlag voller Bargeld nach Zürich schicken zu können. Am Ende schaffte ich es, den Spiegel eigenständig zurück in die Fassung zu fummeln. Von diesem Moment an fühlte ich mich, na ja, nicht erwachsen – aber emanzipiert. Von meiner Mutter und von Christian. Christian Hönicke (26)

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