Große Liebe : Liebeskummer ist Luxus, Baby!

Achterbahn der Gefühle: Die erste große Liebe - wer kann sich nicht mehr daran erinnern? Warum wir sie nicht vergessen können. Zwei junge Autoren blicken zurück.

Lisa Zimmermann,Julius Wolf
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Bis die Liebe zerplatzt. Hoffen, bangen, lieben - und irgendwann ist plötzlich Schluss.Foto: Nelly Ampersand/Imago

Vom Mädchen:



Es gibt ein seltsames Klischee, Mädchen und Beziehungen betreffend. Es geht so: Baby sitzt in „Dirty Dancing“ mit schlimmer achtziger-Jahre-Dauerwelle im Fond des Familienautos und denkt über die früheren sechziger Jahre nach. Ja, ja, die Beatles waren noch nicht groß, und ganz sicher wird sie niemals einen so tollen Typen finden wie ihren Vater. Der Vater lächelt versonnen in den Rückspiegel.

Ich, und ich glaube, für Mädchen an und für sich sprechen zu können, war heilfroh, dass meine erste große Liebe Ben ganz anders war als mein Vater. Geduldig, treu, gelassen.

Es sind die Bens und auf gar keinen Fall unsere Väter, die den ersten und sehr hohen Maßstab setzen. Mädchen werden sich nie wieder in ihrem Leben für irgendetwas oder irgendjemanden derart ins Zeug legen wie für diesen einen Jungen.

Es gibt zum Beispiel dieses Buch mit dem Titel „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“. Das ist kein Kinderbuch, finden Mädchen, auch wenn die Protagonisten Hasenmutter und Hasenkind heißen. Dieses Buch verschenken Mädchen, die glauben, die große Liebe gefunden zu haben. Deshalb werden auch in Zukunft Generationen von Mädchen das Buch in die Amazon-Bestsellerliste pushen. Ich habe Ben einen herzförmigen Bilderrahmen aus rotem Yeti-Fell, einen Adventskalender mit selbstgeschriebenen Haikus und einen Kalender mit Bildern von mir, die in einem Studio namens „Cheese!“ aufgenommen wurden, geschenkt.

Mit Ben ging es nach drei Jahren zu Ende. Ich war mir sicher, dass ich nie wieder auch nur ein ganz kleines bisschen glücklich werden würde, auch wenn all die Lügner und Ignoranten um mich herum hartnäckig das Gegenteil behaupteten. Direkt nach der Katastrophe tat ich erstmal das, was man so tut, um die Fassungslosigkeit, Trauer und Wut irgendwie zu kanalisieren. Ich ließ meine Freundinnen bei mehreren Gallonen Wein so oft „Ey, du warst doch echt viel zu gut für den, von so einem willste echt keine Kinder später“ lallen, bis ich irgendwann auch fand, dass das stimmte.

Erst nach vielen quälenden und unbeantworteten Fragen (was würde geschehen mit leicht entzündlichen Flokati-Bilderrahmen und der Tasse, auf der „alles doof ohne dich“ steht?), begann ich zu akzeptieren: Der Junge, der mir zeigte, dass eine Beziehung führen sich nicht darin erschöpft, sich einmal pro Woche auf ein Spaghettieis zu treffen, wird nicht der sein, mit dem ich meinen Alterssitz in Marbella kaufen werde. Ein Kapitel in meinem Leben war vorbei, von dem ich dachte, es würde nie enden. Kaum ein Mensch hat mich und meine Vorstellungen von „geht“ und „geht nicht“ so geprägt wie Ben. Jungen, die den Bens nachfolgen, haben es nicht leicht. M. findet nicht, dass „King of Queens“ eine wahnsinnig komische Serie ist? L. trägt im Ernst das Hemd unter dem Gürtel? R. sagt zum Abschied „Tschüssi“? – Bäh.

Irgendwann ertrug ich den Gedanken, dass ein anderes Mädchen Bens T-Shirts tragen und womöglich Witze über das unglaublich bescheuerte Bild im Fotokalender machen wird, auf dem ich eine riesige Krawatte trage. Die höhere Bedeutung des Bildes wird sie nicht verstehen können, die kennen nur Ben und ich. Es ist ein Trost, zu wissen, dass dieses andere Mädchen und alle, die ihr folgen, nie die Rolle spielen werden, die ich in Bens Leben hatte. Denn diese Rolle gibt es nur einmal, und es ist meine.

Vom Jungen:

Ihr Name ist Lisa. Das erste Mal gesehen habe ich sie in einem Freibad. Sie hat mich beobachtet. Ein paar Tage später stand in der Pause ihre Freundin, Amanda, vor mir und fragte mich nach meiner Handynummer. Sie sei für eine Freundin, die mich süß fände und sich nicht trauen würde, zu fragen. Damals hatte ich kein Handy und wollte Lisa erst mal selber sehen.

In der nächsten Pause kam Amanda wieder, diesmal mit Lisa. Ihr Kopf war noch röter als ihre Haare. Der erste Gedanke, den ich hatte war: „Dieses Mädchen soll auf mich stehen? Super!“ Das erste Gespräch war verkrampft, und eigentlich war es auch kein Gespräch, sondern nur der Austausch von „Ähms“ und „Hmms“. Aber am Ende hatten wir uns fürs Kino verabredet. Ich war 15 Jahre alt, Lisa 14.

Beim Treffen waren wir so nervös, dass wir kein Wort gesprochen haben. Aber dass es ein zweites Treffen geben muss, habe ich gewusst. Da kam es dann auch zum ersten Kuss. Der war sehr schnell, sehr heftig, sehr unerfahren. Am nächsten Tag fragte Lisa per Mail, ob wir jetzt ein Paar wären.

Elf Monate waren wir zusammen, was von einigen Freunden so typisch jungsmäßig als eheähnlicher Zustand belächelt wurde. Wir aber wollten uns jeden Tag aufs neue übertreffen mit Liebesbeweisen. Frühstück ans Bett bringen (nachdem das erste Mal geschafft war), kleine oder größere Geschenke von grandioser Nutzlosigkeit, die aber alle ausdrücken sollten: Ich liebe dich!

Nach neun Monaten stand die erste große Trennung an. Lisa sollte mit ihren Eltern in den Ferien nach Amerika fliegen. Bis dahin hatten wir uns fast jeden Tag gesehen oder wenigstens zwei Stunden telefoniert. Die Vorstellung, uns drei Wochen lang nicht zu sehen, war unerträglich. Lisas Eltern fragten, ob ich nicht mit wolle. Meine Eltern haben mir dann vorab ein Geburtstagsgeschenk gemacht: Ein Lastminute-Ticket nach Florida. Lisa und ihre Eltern flogen vor, ich flog ein paar Tage später hinterher, allein, mit meinem schluckenden Vater am Gate und Fini, meinem alten Kuscheldelfin im Gepäck.

In diesen drei Wochen habe ich Lisa besser kennengelernt als sonst jemanden in meinem Leben. Diese Vertrautheit ist uns bis heute erhalten geblieben.

Trotzdem war unsere Beziehung nach diesen drei Wochen nicht mehr dieselbe. Wir haben uns meist nur in der Schule gesehen und kaum geredet. Und wenn doch, haben wir uns gestritten. Ich weiß nicht, was anders war, und warum. Aber so traumhaft die Beziehung war, so widerwärtig ist sie zu Ende gegangen.

Lisa hat mich mit meinem damals besten Freund betrogen. Sie hat dieses Arschloch zwar nach einer Woche wieder abserviert. Trotzdem hat mich die Trennung völlig aus der Bahn geworfen. Es hat mich unendlich viel Kraft und Zeit gekostet, sie zu überwinden und zu verkraften, wie Lisa, ausgerechnet meine Lisa, mir so etwas antun konnte. Danach wollte ich von Beziehungen erst mal nichts mehr wissen, weil ich nicht noch einmal so verletzt werden wollte. Und trotzdem, bis heute, fünf Jahre älter und einige Mädchen weiter, erlebe ich die Zeit mit Lisa als die intensivste, die ich bisher hatte.

Vor zwei Monaten hab ich Lisa wieder getroffen. Die alte Vertrautheit war nach zehn Minuten wieder da. Wir haben es versucht, und auch der Sex war wunderbar. Aber eine Liebe, so eine wie sie war, nein, das haben wir schnell gemerkt, das haben wir nicht wieder hingekriegt. Wir sind jetzt gute Freunde.

Mitmachen: Seid ihr auch jung und wollt uns eure kleine Liebesgeschichte erzählen? Sehr gern. Wir sind gespannt. Schickt einfach eine Mail an werbinich@tagesspiegel.de (Alter bitte nicht vergessen!). Die besten drucken wir freitags bei uns auf der jungen Magazinseite ab.

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