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„Ich könnte ohne Kegeln nicht leben“, sagt Janina. Eine Geschichte über Sport und Geselligkeit

David Denk

Die „Sportkegelhalle am Anhalter“ liegt hinter einer Kreuzberger Autowerkstatt. Man geht vom Hof in den Keller. Die Kegelhalle versteckt sich, als würde dort was Illegales passieren. Was zuerst auffällt, sind die kleinen roten Tischdecken, die jemand versetzt über die großen weißen gelegt hat, und die Plastikblümchen. In der Kneipe zur Kegelhalle gibt es dunkle Holzmöbel und schlammfarbene Polsterstühle. In der Luft hängt der Geruch des Reinigungsmittels, mit dem ein Mann im Vorraum Pokale poliert, bis sie glänzen. Dazu gibt es Kaffee im Kännchen und Gulaschsuppe mit Brot.

Roger Wenning ist nicht zum Kaffeeklatsch in die Sportkegelhalle am Anhalter gekommen. Der 17-Jährige ist eines von 50 Nachwuchstalenten, die der Landesfachverband der Berliner Sportkegler zur Sichtung eingeladen hat. Wer hier überzeugt, darf ein Jahr lang jede Woche an einem kostenlosen Zusatztraining teilnehmen. Roger will seinen Platz unter den besten 35 verteidigen.

„Was die wenigsten wissen: Sportkegeln ist Leistungssport“, sagt Martin Preugschat. Der Berliner Landeslehrwart beobachtet in kurzen Trainingshosen und Hallensportschuhen Roger Wenning und die anderen auf den Bahnen drei bis sechs. Preugschat freut sich, wenn jemand was über das Sportkegeln wissen will. Das sind nämlich nur wenige, vor allem nur wenige junge Leute. Preugschats Aufgabe ist auch, klarzustellen, dass es beim Kegeln um mehr geht als um süße Schnäpse und Ausflüge nach Rüdesheim am Rhein. Das seien die „Geselligkeitskegler“, sagt er. Hier geht es um Sport und nicht – wie beim Bowling – um Spaß in neonfarben ausgeleuchteten Hallen.

Sportkegeln ist eine Randsportart. In Berlin kegeln ungefähr 1000 Leute unter 27 im Verein. Zum Vergleich: 52 400 Jugendliche sind in Fußballvereinen. Roger hat es auch schon mal mit Fußball versucht. „Ich hab’ mich dann aber fürs Kegeln entschieden, weil ich da schon mehr erreicht habe“, sagt er. Er hält die Arme vor der schmalen Brust verschränkt und verdeckt dabei den Aufdruck seines roten T-Shirts, als wäre der ein bisschen peinlich. „Deutsche Jugendmeisterschaften Cuxhaven 2003 – Sportkegeln Bohle“ steht drauf. In Cuxhaven ist er mit der B-Jugend-Mannschaft des Berliner Sportkeglervereins Zweiter geworden. Und aus Bremerhaven ist Roger im Juni in der gleichen Wertung sogar als deutscher Meister zurück nach Hause gekommen. Seit kurzem wohnt er im brandenburgischen Lindenberg. Seine Eltern haben einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. Er geht auf die Realschule in Schwanebeck und kommt jeden Freitag extra nach Berlin, um in der „Sportkegelhalle am Anhalter“ binnen zwei Stunden bis zu 300 Kugeln zu werfen. Immer der gleiche Bewegungsablauf: drei Schritte anlaufen, dabei den Oberkörper vorbeugen, die Kugel gerade halten, „auflegen, nicht werfen“, zwei Schritte auslaufen – „um die Knie zu schonen“, erklärt Roger. Und abwarten, ob die richtigen Kegel fallen. Sportkegeln ist ein einsamer Sport. Ein Mann, eine Kugel, eine Bahn. „Jede Bahn ist anders“, sagt Roger.

Gerade ist es gut gelaufen für ihn. Bei der Sichtung für den Landesjugendkader und die Talentfördergruppe hat er bei 80 Wurf 556 Holz umgeschmissen. Er wird weiter am kostenlosen Zusatztraining teilnehmen. Und trotzdem stellt sich Roger auf eine schwierige Saison ein. „Die anderen werden erst mal besser sein“, kommentiert er seinen Aufstieg in die A-Jugend. Er muss sich jetzt von der „Jugendkugel“ verabschieden, die nur 14 statt 16 Zentimeter Durchmesser hat.

Roger kegelt seit 1997, da war er sieben und in der 2. Klasse. „Ich bin mit meinem Vater zu Wettkämpfen gefahren und habe es einfach ausprobiert.“ Warum er kegelt? Was ihn daran fasziniert? Darüber denkt er nicht viel nach. Er mag es, sich zu konzentrieren, er mag das Geradeausgucken in die tiefe Flucht der Bahn, die schwere Kugel. Er mag das klickende Geräusch, wenn die Kegel fallen und das Surren der Maschine, die die Kegel wieder für den nächsten Wurf aufstellt. Roger kegelt, weil sein Vater kegelt. Es ist ein bisschen so, als wäre Roger mit 17 schon sehr lange erwachsen. Wahrscheinlich kommt der Eindruck daher, weil es Freizeitbeschäftigungen gibt, die für 17-Jährige typischer sind als Kegeln. Zum Beispiel Partys und Musik. Aber Roger geht lieber auf die Bahn.

„Man darf nicht denken, dass man gleich kegeln kann“, sagt Janina Zinow. Auch Janina ist über ihre Familie zum Kegeln gekommen und wie selbstverständlich dabei geblieben. Auch Sportarten kann man erben. Janina findet es okay, das gleiche Hobby zu haben wie ihre Eltern. Wenn die 17-Jährige nicht gerade arbeitet – sie macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einer Druckerei – trifft sie ihre Freunde im Verein. „Ich könnte ohne Kegeln gar nicht leben“, sagt sie. Sportliche Erfolge sind dabei Nebensache. Die meisten ihrer Freunde hat sie beim Kegeln kennen gelernt. Man trifft sich auf der Bahn. Janina trägt ein blaues Italien-Trikot.

Janina und Roger fügen sich nahtlos ein in die gutbürgerlich eingerichtete Gaststube der „Sportkegelhalle am Anhalter“. Das vielleicht zwölf Jahre alte Mädchen hinter ihr krault Janina zärtlich durchs blondierte Haar. Einer der rauchenden Jungs, die schon die ganze Zeit dumme Sprüche machen, hat erst vor kurzem den Verein gewechselt. „Ist ’ne schwierige Phase für ihn“, witzelt einer. So schlimm kann’s nicht sein, denn laut Janina sind Kegler „wie ’ne große Familie“. Bei ihren Arbeitskollegen stößt Janina oft auf Unverständnis für ihre Freizeitgestaltung. „Wenn die wüssten, wie es hier ist, würden die mich besser verstehen“, glaubt Janina. „Vielleicht sollte ich die einfach mal mitnehmen.“

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