Werbinich : Hassen und bewundern

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Dreihundert Leute in einem Saal, und fast jeder möchte etwas sagen – die Diskussion über das „Lehrerhasserbuch“ am vergangenen Sonnabend in der Urania hat zumindest eines gezeigt: Gerlinde Unverzagt hat mit ihrem Buch über die angeblich faulen und unfähigen Pädagogen einen Nerv getroffen. Da standen sich, zahlenmäßig etwa gleich stark vertreten, Lehrer und Eltern weitgehend unversöhnlich und sehr emotional gegenüber: Man hörte Lehrer, die das Buch „am liebsten verbieten“ würden, auf ihre langen Arbeitszeiten verwiesen, sich empörten über die Pauschalaussagen im Buch; dagegen Eltern, denen Ähnliches passiert ist wie der Berliner Autorin und Mutter von vier Kindern. „Ich möchte Ihnen danken, dass Sie dieses Buch geschrieben haben, genauso ist es“, war ebenso zu hören wie „Ich bin selbst Mutter an der Schule, die Sie beschreiben, nichts davon stimmt“.

Fest steht: Pauschale Aussagen über ganze Berufsgruppen sind notwendigerweise ungerecht, das bewusst polemische „Hasserbuch“ trägt seinen Titel vor allem aus Marketinggründen. Aber es lohnt sich, über die Mängel im System nachzudenken, in dem Lehrer wie die von Unverzagt beschriebenen möglich sind: über die „Kultur der geschlossenen Klassenzimmer“ etwa, den Mangel an Transparenz, an Feedback-Kultur, an Kontrolle, aber auch an Leistungsanreizen für Lehrer. Für eine solche Diskussion allerdings müssten Lehrer Bereitschaft zur Selbstkritik zeigen. In der Urania war davon nicht viel zu spüren, der Ärger über die Angriffe war stärker als das Bemühen um gemeinsame Lösungen. Wie sagen die Psychologen? Der Mensch braucht eine wohlwollende Atmosphäre, um sich für Kritik zu öffnen. Vielleicht ein Lehrerbewundererbuch? eth

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