Hip-Hop : Schocktherapie für die Hauptstadt

„Verprügelt Polizisten“, ruft eine Hip-Hop-Crew und hat jetzt die Behörden am Hals – wie so oft in Berlin.

von und
Deineltan
Kein Respekt: Hip-Hop-Gruppe "DeineLtan" -Screenshot: Youtube

Es ist Mittwochmorgen, durch die Straßen des Bezirks Wedding jagt gerade mit voller Wucht der Sturm, als plötzlich alle Wut aus „Jod65“ herausplatzt und er stinksauer auf die Tastatur einhackt.

„Ihr könnt uns anzeigen, verbieten lassen und indizieren, aber ihr könnt uns nicht unsere Zungen herausschneiden!! FICK DICH Joachim Lautensack (GdP) FICK DICH Herr Innenminister Rech (CDU)!!!!!!!“

Es ist Tag zwei einer merkwürdigen Geschichte, die Montag in Baden-Württemberg beginnt und 629 Kilometer weiter in der Turmstraße ihr vorläufiges Ende findet. In Moabit sitzt die Staatsanwaltschaft Berlin. Und dessen Sprecher teilt nur wortkarg mit: „Die Strafanzeige ist eingegangen. Wir prüfen jetzt, ob die Musiker den Rahmen der künstlerischen Freiheit verlassen haben.“ Oder ob es nicht doch das ist, was Herr Lautensack von der Polizei-Gewerkschaft (GdP) und der Innenminister von Baden-Württemberg glauben: extrem gewaltverherrlichend.

Konkret ist ein Song der Rapper von „DeineLtan“ gemeint; der Titel heißt: „Fick die Cops“. Darin geht es um Blut, Steine, aus dem Kiefer geprügelte Zähne – und immer gegen Polizisten, die man doch bitteschön mit einem Teleskop verdreschen oder zumindest mit Pflastersteinen attackieren sollte.

Eigentlich muss man es nicht erwähnen, aber natürlich kommt auch dieser Song aus Berlin. In relevanten Magazinen wie „MKzwo“ oder „mzee“ ist nun eine lebhafte Diskussion entbrannt.

Die einen sagen: Hat der Innenminister nichts Besseres zu tun, als sich um eine kleine Hip-Hop-Crew in der Ferne zu kümmern? Die anderen sagen: Euer aggressiver Style aus Berlin geht echt auf die Nerven!



Exakt 34 Rap-Alben wurden seit den 90ern indiziert, sind also nicht mehr frei verkäuflich, sondern nur an Leute, die älter sind als 18 Jahre. Fast alle diese Platten kommen aus Berlin. Allein in diesem Jahr waren es bereits zehn Stück, die in der Stadt aufgenommen worden sind.

Doch die Politik will diesen Sound nicht mehr ertragen, sondern abdrehen. Wer solche Zeilen immer wieder höre, laufe Gefahr, Gewalt als logisches Mittel anzusehen, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn, 53 Jahre alt. Sie glaubt: „Zumindest bei labilen Menschen ist das ganz sicher der Fall.“

Nach zwei Tagen des Schweigens meldet sich plötzlich einer der vier Rapper von „DeineLtan“ am Telefon. „Ich bin’s, Jod“, sagt er. Ja, der Typ, der sich morgens um 10 Uhr noch so aufgeregt hatte im Internet. Der bürgerliche Name spielt keine Rolle, nur so viel: Er ist 24 Jahre alt, kommt aus Wedding. Deshalb die Ziffern „65“. Das ist die alte Postleitzahl.

„Unser Song ist doch völlig überdreht, hört das keiner?“, sagt er. Er spricht langsam, hochdeutsch. Na klar, er kenne korrekte Polizisten, aber „Weichspüler- Hip-Hop mit relativierenden Sätzen“, nee, das wolle keiner hören, und den Text verstünden ganz sicher auch die meisten Polizisten, „nur halt nicht die süddeutschen“. Und die ersten, die die Staatsmacht verbal attackierten, seien sie doch auch nicht, oder? „Was ist denn mit Ton, Steine, Scherben? Die hatten ein ähnliches Anliegen wie wir.“ Und das laute? „Na, dass es schwarze Schafe gibt bei der Polizei, mit denen du dauernd Stress hast – nur weil du wie ich einen türkischen Vater hast, schwarze Haare, einen schwarzen Dreitagebart.“ Vor wenigen Tagen habe er sich am U-Bahnhof Osloer Straße abtasten lassen müssen, „ohne Grund“. Er habe wohl ins potentielle Täterprofil gepasst, und das erlebten viele. Einer aus der Band hält im Video demonstrativ seinen deutschen Pass hoch, er trägt ein Fußballtrikot der deutschen Nationalmannschaft – doch er rappt über rassistische Polizisten. Er ist schwarz, sein Vater kommt aus Ghana. Jod sagt: „ So spricht die Jugend nun mal, vor allem in Berlin.“ Er wirft dem Politiker Rech „Populismus“ nach der G-8-Randale gegen Polizisten vor – „unser Song ist ja eineinhalb Jahre alt“.

Dennoch, jüngst wurde Sido beim Stadtfest in Leipzig ausgeladen; eine Prügelei im Ruhrgebiet machte Schlagzeilen – mittenmang: Berliner Rapper. Und die Kreuzberger von K.I.Z. wurden vom Festival Rock am Ring ausgeladen, weil ein Sponsor die Texte nicht mochte und lieber eine Band einlud, die sich My Baby Wants To Eat Your Pussy nannten. Englisch versteht halt nicht jeder.

In anderen Städten gibt es auch lebendige Hip-Hop-Szenen. In denen allerdings wird seltener zum verbalen Totschläger gegriffen und mehr auf Lyrik geachtet. In Berlin ist das oft anders: Bei Rako etwa, einem 24-jährigen Rapper aus dem bürgerlichen Lankwitz, reimt sich „Drogeneinfluss“ auf „Kopfschuss“. Er nennt sich „Panzer“, und kriegerisch gibt er sich in seinen Texten. Er rappt, wie er Menschen verstümmelt, zerfleischt und zerquetscht. „Wenn ich den Abzug berühre, wird mir eines klar/Ich muss sie alle töten, dafür bin ich da“. Auch dieses Album wurde indiziert – wie auch die Platte des Tempelhofer Manny Marc: „Ich verspeise dein Gehirn, meine Messer fetzen deinen Torso auf“. Auf der CD ist die Rede davon, dass „schwule DJs“ exekutiert werden.

Drohungen gegen Homosexuelle gehören zum guten Ton. Auf Rakos Album wird vorgeschlagen, Schwule in der „Gaskammer“ zu ermorden. Auch Bushido kam mal massiv in die Kritik, nachdem er einen Song mit der Zeile „Ihr Tunten werdet vergast“ geschrieben hatte. Heute lautet die Zeile: „Ihr Tunten werdet verarscht“. Bushido markiert mit Zeilen wie dieser den Harten, dabei ist er im direkten Gespräch überaus nett, wohnte bis vor kurzem bei seiner Mutter in Marienfelde und zieht nun in eine hübsche Villa in Dahlem. So viel zum Klischee des Gangsters.

Die Rapper sagen: Die Reime sind metaphorisch gemeint. Eine Zeile wie „Ich bin Krieger und schlachte euch nieder“ bedeutet so viel wie „Ich kann besser rappen als Du“. Und wer Schwule vergasen will, der will sie doch nur dissen. Veralbern. Und für Erziehung seien doch bitteschön die Eltern zuständig, nicht wahr?

Als sich die Politikerin Griefhahn mal eingemischt hat, wurde sie allerdings bedroht. Vor zwei Jahren hatte sie gefordert, Videos von Bass Sultan Hengzt, Bushido und anderen zu verbieten, weil sie so sexistisch seien. Seitdem wird sie in anonymen Briefen und im Netz bedroht. Andererseits bekomme sie auch viel Post von dankbaren jungen Frauen, sagt Griefahn. „Manche Rapper bezeichnen Frauen durchgängig als ,Schlampen‘ oder ,Nutten‘. Das kriegen dann die Mädchen auf dem Schulhof von ihren Klassenkameraden zu hören.“

Das Album des sexistischen Berliner Rappers Manuel Romeike – er tritt unter dem schwer beeindruckenden Namen King Orgasmus auf – wurde nicht indiziert, sondern einkassiert. Es war das erste Mal, dass die Behörde so einen Schritt gegen die Rapper gewagt hat.

Das umstrittene Youtube-Video von "DeineLtan":

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