Werbinich : Hochnäsige Europäer

Anna Dissmann[17 Jahre]

Mir war noch nie wirklich wichtig, dass ich Deutsche oder gar Europäerin bin. Doch während meines Auslandsjahres in Chile wurde mir klar, dass ich ja sozusagen mein Land vertrete. Alle, die mich dort kennengelernt haben, müssen denken, dass so die Deutschen sind – eine unerwartete Aufgabe.

Vor allem eins wurde mir klar, als ich mit jungen Chilenen ins Gespräch kam: Ich werde beneidet. Viele erzählten mir von dem Wunsch zu reisen, andere Sprachen zu sprechen und ohne die nervige Zollprozedur im Nachbarland Argentinien mal schnell billige Bücher einzukaufen. Auch in Südamerika hätten manche gerne eine Union. Doch die aktuellen Unterschiede zwischen den Ländern müssen erst behoben werden und das wird wohl noch viele Jahre dauern.

Die Regierungen vieler südamerikanischer Länder sind noch sehr jung und haben mit Problemen zu kämpfen, die auch die Europäer nicht innerhalb kurzer Zeit lösen konnten. Auch die Mitglieder der Europäischen Union haben lange gebraucht, um sich zu dem zu entwickeln, was sie heute sind.

Trotzdem ist Chile ein tolles Land; ich bin glücklich, dass ich die Kultur durch meine Gastfamilie kennengelernt habe.

Mir war es unangenehm, wie andere deutsche Gastschüler über ihre chilenischen Gast-

familien sprachen.

In den Pausen bildeten sie ihr deutsches Grüppchen, und meistens redeten sie abwertend über die Chilenen.

Auch erwachsene Touristen aus Europa, die ich getroffen habe, verurteilten die Chilenen für die Lage in ihrem Land, ohne die Gründe verstehen zu wollen. Sie sprachen von oben herab und dachten, sie könnten sie belehren, da sie ja aus Deutschland kommen. Genau wegen diesem Verhalten der Europäer finde ich es erstaunlich, dass doch so viele Chilenen Europa loben und sich freuen, wenn du als Deutsche zu ihnen kommst.

Anna Dissmann, 17 Jahre

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