Werbinich : „Ich bin der Beweis“

Wie ist das, 22 zu sein und Jüdin? Sharon mag Charosset. Und sie sagt: Ich bin nicht einfach nur ich

Stefan Hermes

Eigentlich möchte niemand so sein wie alle anderen auch. Als Außenseiter will man sich aber trotzdem nicht fühlen. Und manchmal ist es ganz schön schwierig, beides gleichzeitig hinzukriegen. Ob das bei Sharon genauso ist?

Ein bisschen anders ist sie jedenfalls schon. Obwohl sie nicht gerade groß ist, fällt sie sofort auf – an der Uni, wo sie Philosophie und Medienwissenschaften studiert. Oder im Café, wo sie literweise Kaffee trinkt und viel zu viele Zigaretten raucht. Denn kaum jemand hat ein so charmantes Lächeln wie sie. Außerdem redet sie ziemlich laut und viel, aber nie so, dass es einem auf die Nerven geht. Ganz im Gegenteil. Und sie kann Dinge, die sonst keiner kann – zum Beispiel ein Glas Wasser zwischen ihre Füße klemmen und dann eine Rolle rückwärts machen, ohne was zu verschütten.

Ihr Name, der ist auch eher ungewöhnlich. Wenn die 22-Jährige jemanden kennen lernt, wird sie manchmal gefragt, was „Sharon“ denn bedeutet. Und ob sie vielleicht Jüdin ist. Die erste Frage kann sie natürlich leicht beantworten. Das Wort ist hebräisch; es gibt eine Blume, die so heißt, und ein Tal in Israel. Sie hat aber auch noch einen zweiten Namen, Leila, und beides zusammen bedeutet „Blume der dunklen Nacht“. Mit der nächsten Frage ist es komplizierter. Schließlich ist es schon etwas seltsam, wenn man einem Menschen, den man gerade erst getroffen hat, sofort erklären soll, woran man denn glaubt. Trotzdem – wenn sich jemand wirklich dafür interessiert, gibt Sharon auch die zweite Antwort gern. Sie lautet: „Ja, bin ich.“ Ihre Mutter ist schließlich Jüdin, und dadurch ist sie es auch. So sind die religiösen Regeln. Die wichtigere Frage ist, was das für Sharon eigentlich bedeutet.

Das sind ganz verschiedene Dinge. Natürlich geht es auch um Gott, mit dem sie sich oft streiten muss, weil nun mal vieles so ungerecht ist. Aber das ist für sie vielleicht gar nicht das Entscheidende. Eher sieht sie ihr Judentum als eine Aufforderung an, sich mit ihrer Herkunft, mit ihrer Identität auseinander zu setzen: „Manchmal ist das gar nicht einfach. Aber das erzähle ich später.“

In der Synagoge ist Sharon jedenfalls seit zwei Jahren nicht mehr gewesen, und wann welche Feiertage sind, vergisst sie auch immer wieder. Aber wenn sie kommen, feiert Sharon gern mit. Auch wegen des Essens, das so aufwändig zelebriert wird. Vor allem mag sie Charosset, eine Matsche aus Äpfeln, Zimt und Nüssen, die man an Pessach isst. Das Fest erinnert an die Gefangenschaft des jüdischen Volkes in Ägypten – und an ihr Ende vor vielen Jahrhunderten. Charosset symbolisiert den Lehm, aus dem die Juden damals Ziegel herstellen mussten.

Natürlich gibt es aber auch traditionelle Gerichte, die Sharon ekelig findet. Gefillte Fisch zum Beispiel, also Fische mit irgendetwas drin. Und koscher, also den jüdischen Speisegesetzen entsprechend, isst sie sowieso nicht. Außerdem feiert ihre Familie neben jüdischen Festen auch christliche wie Weihnachten. Ihr Vater ist nämlich gar kein Jude, sondern „auf eine eigensinnige Art katholisch“, sagt sie. Und ohnehin meint Sharon, dass man nicht allzu streng sein sollte, wenn es um religiöse Fragen geht, sondern den Humor behalten soll. Einmal, als ihre Familie an Pessach bei Freunden eingeladen war, sollten Sharon und ihr Bruder vor dem Essen etwas vorlesen. Und zwar auf Hebräisch – was natürlich nicht gerade leicht ist, wenn man die Sprache nicht kann. Also haben sie ziemlich lange herumgestottert. Aber Spaß hat es trotzdem gemacht.

Andere Dinge, die auch irgendwie mit ihrem Judentum zu tun haben, findet Sharon aber gar nicht komisch. So ist es manchmal vorgekommen, dass Leute gemeint haben, sie sei bestimmt so schlau, weil sie jüdisch ist. Was natürlich größtmöglicher Quatsch ist.

Außerdem wird Sharon doch recht häufig gefragt, was sie denn von der Lage in Israel und den besetzten Gebieten hält. Jedenfalls häufiger als andere. „Manche erwarten ganz krasse Pro-Israel-Meinungen von mir“, erzählt sie. „Die habe ich aber nicht.“ Im Gegenteil: Mit der Politik der aktuellen Regierung ist sie überhaupt nicht einverstanden. Andererseits will sie es auch nicht hinnehmen, dass manch einer plötzlich durchdreht und meint, jeder Israeli sei ein Verbrecher. Solche Situationen können auf Dauer ziemlich anstrengend sein. Trotzdem behält Sharon meistens die Geduld und kann ganz gut mit solchen Szenen umgehen. Das hat sie gelernt.

Allerdings gibt es etwas anderes, das für sie oft nur sehr schwer auszuhalten ist. Etwas, von dem sie eben nicht weiß, wie sie damit umgehen soll: „Eigentlich ist es ein riesiger Zufall, dass ich überhaupt geboren bin. Meine ganze Familie sollte ja im Dritten Reich ausgelöscht werden.“ Und fast wäre das auch gelungen. Viele ihrer Verwandten sind damals von Deutschen ermordet worden. Weil sie Juden waren, wie die Familie ihrer Mutter. Oder weil sie „Zigeuner“ waren – Sharons Vater stammt aus einer Roma-Familie.

Später hat ihre Großmutter ein Buch geschrieben über die langen Jahre, in denen sie sich und ihre Verwandten vor den Nationalsozialisten verstecken musste. Über all die Verbrechen und Demütigungen, die sie erleiden und aushalten musste, Tag für Tag. „Lange wollte ich das gar nicht lesen“, sagt Sharon. „Denn wie soll man mit so etwas klarkommen können?“ Schließlich ist es auch so, dass ihr dadurch eine große Verantwortung übertragen wird, sagt sie nachdenklich. „Ich bin nicht nur einfach nur ich. Ich bin auch der Beweis dafür, dass es eben nicht geklappt hat, uns alle zu vernichten.“ Deshalb könne sie sich manchmal nicht gegen das Gefühl wehren, irgendwie „alles richtig machen“ zu müssen. Und es ist oft nicht einfach für sie zu wissen, wer sie überhaupt ist, wohin sie gehört: „Im Urlaub habe ich früher niemandem gesagt, dass ich Deutsche bin. Und ich sage immer noch lieber ,Ich komme aus Berlin’.“

Einmal, auf einer Klassenfahrt, ist Sharon in Auschwitz gewesen. Das hat sie damals ziemlich mitgenommen. Sie musste so sehr weinen, dass sie stundenlang nicht mehr aufhören konnte. „Aber mittlerweile habe ich gelernt, dass es sinnlos ist, das Judentum nur mit dem Holocaust in Verbindung zu bringen. Wenn man das macht, erscheint alles so sinnlos. Man sollte entdecken, dass es viel mehr bedeutet“, sagt Sharon.

Natürlich ist es Sharon dennoch sehr wichtig, dass man nicht wegguckt und schweigt, wenn irgendwer mit abstrusen Vorurteilen um sich wirft. Schon als sie klein war, hat ihr Vater häufig gesagt, „dass das Böse nicht weg ist, wenn man die Augen zumacht“. Und dass man das Böse so lange angucken muss, bis es mehr Angst hat als man selber.

Aber trotz all dem kann es Sharon oft eben auch locker nehmen, dass sie irgendwie besonders ist. Und sei es, dass sie nachts um drei mit Freunden jüdische Lieder grölt – in einer schummrigen japanischen Karaokebar und auch nicht mehr unbedingt nüchtern. Sharon macht das manchmal. Obwohl sie zum Teil natürlich Probleme damit hat, die Texte richtig zu singen. Zumindest dann, wenn es hebräische sind.

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