Werbinich : „Ich bin eitler geworden“

Kim Frank, 24, war der Sänger von Echt. Dann kam die Krise. Jetzt ist er wieder da – solo

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Kim Frank, schön, mal wieder was von Ihnen zu hören. Ihr neues Album heißt „Hellblau“ – und welche Farbe hat Berlin?

Berlin ist eher ein ekliges Grün.

Wie kommen Sie denn darauf?

Weil ich Berlin nicht mag. Der Rand der Stadt ist schön, aber in der Innenstadt hat man das Gefühl, Berlin ist allen egal. Es ist so schmuddlig. Die Berliner tendieren dazu, sich selbst gegenüber nachlässig zu werden. Ein bisschen Eitelkeit würde den Berlinern gut stehen. Oder Stolz. Davon haben die Hamburger zu viel.

Ende der 90er Jahre waren Sie der Sänger der Band Echt, Sie räumten Preise en masse ab, 2002 kam der Bruch. Jetzt singen Sie „Ich muss mich neu begreifen“. Haben Sie das geschafft?

Naja, nach der Auflösung von Echt und privatem Ärger gab es den Zwang, mich neu zu erfinden. Der Prozess dauerte ein Jahr. Zwölf Monate, in denen ich musikalisch in eine komplett andere Richtung lief.

In welche?

Ich habe elektronischen George-Michael-Pop gesungen, nur halt auf Deutsch. Ich dachte, deutsch-sprachige Gitarrenmusik würde mich langweilen. Es war eine unzufriedene Zeit.

Wegen der Trennung von Echt?

Die Probleme hatten sich vorher auch lange aufgestaut, fast ein halbes Jahr. Jeder von uns fragte sich: Ist Popmusiker wirklich mein Lebensziel? Ich glaube, ich bin der Einzige, für den dieser Weg der einzig denkbare war. Bei den anderen Jungs war der Wunsch nicht so stark. Ich wurde irgendwann krank, lag tagelang flach, hatte Bauchschmerzen und wusste nicht, woher die kamen. Meine Ärztin konnte nichts feststellen.

Sie sind nach Tokyo geflüchtet.

Genau, eine spontane Entscheidung. Am Abend telefonierte ich mit einem Freund, der als Choreograph dort lebte, am nächsten Morgen saß ich schon im Flieger, immer noch krank – aber als ich ankam, fühlte ich mich wie neugeboren. Zwei Wochen habe ich in Japan verbracht. Es war wie ein Urlaub auf dem Mars – so fremd war das alles. Ich konnte nichts lesen. Die Restaurants stellten ihre Gerichte zum Glück in Plastik und Silikon am Eingang nach. Als Tourist kann man sich so ein Essen aussuchen. Ich mochte Aal auf Reis, inzwischen weiß ich, dass das auf Japanisch „onagi“ heißt.

Und was machte die Band?

Die saß im Proberaum und wartete auf mich. Die Jungs wussten nicht, dass ich in Japan war. Aber ich musste weg. Als ich wieder zu Hause war, wurde mir klar: Ich muss ein Treffen organisieren und mich von der Band lösen.

Wie war die Reaktion?

Wir hatten einen Clubraum in einem Restaurant. Ich bat die Jungs dorthin, entschuldigte mich erst, dass ich sie sitzen gelassen habe, erklärte aber, dass ich eine ausgedehnte Pause bräuchte.

Und was haben die geantwortet?

Alle nickten. Dann fragte ich: Wie organisieren wir das – Pause oder Trennung? Unser Gitarrist Kai sagte: Wir trennen uns. Das war eine unemotionale, längst überfällige Entscheidung.

Dann kam die große Freiheit?

Ich habe das Leben mit meiner Freundin genossen, bin mit ihr in ein Haus an die Ostsee gezogen und habe begonnen, neue Lieder zu schreiben. Leider haben wir uns einige Monate später getrennt – nach vier Jahren Beziehung. Das war härter als die Trennung von Echt. Ich saß in diesem Haus, in denen mit einem Mal einige Möbel fehlten.

Welche zum Beispiel?

Wir hatten ein Fernsehzimmer, das war der einzige weiße Raum im Haus. An der Wand stand ein Projektionsfernseher, davor zwei Sofas – und neben ihnen eine Leselampe. Ein sehr klarer, gemütlicher Raum. Das Schlimme war nicht der Umstand, dass meine Freundin nicht mehr da war, sondern, dass die Leselampe fehlte. Das war das endgültige Zeichen, dass sie nicht zurückkommt. Immer wenn ich den Kopf hob, sah ich diese Leerstelle .

Das war alles ein bisschen viel, oder?

Ich habe es mit Psychotherapie probiert, allerdings schon vor der Trennung von Echt. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, was die Therapeutin von mir wollte. Flach gesagt: Dass ich für alles einen Schuldigen oder eine Ursache suchen muss. Das ist eine schöne Ansicht, aber Ursachen sollte man erst mal bei sich suchen. Das liegt ja nicht daran, dass deine erste Freundin dir mal gesagt hat, deine Nase sei ganz schön groß. Ich habe die Therapie schnell wieder abgebrochen.

Wohnen Sie noch an der Ostsee?

Nein, im Moment wohne ich zur Untermiete bei einem Freund in Hamburg. Das ist eine nette Übergangs-Lösung. Er ist Plattensammler, in der Wohnung stehen 7 000 Platten und noch mal so viele CDs. Ich brauche etwas Eigenes, aber zurzeit passiert mit Platte und Promotion so viel, dass ich keinen Bock habe, ein neues Zuhause zu suchen.

Vor dem Solo-Album haben Sie in dem Film „NVA“ gespielt. Wie wirkt die Erfahrung nach?

Mir hat das Spielen geholfen, ein neues Körperempfinden aufzubauen. Für Schauspieler ist Körperspannung wichtig, deine Haltung, was sie vermittelt. Dadurch bin ich eitler geworden – und das hasse ich. Vorher war mir egal, wie die Haare standen oder welche Kleidung ich trug. Heute agiere ich bewusster.

Wie sieht das aus?

Wenn ich mal ins Studio gehe, dann kleide ich mich so ganz ordentlich.

Was tragen Sie denn?

Also nicht das, was gerade auf dem Bett liegt, sondern was farblich oder vom Stil zusammenpasst. Dass ich mal ein Jackett überziehe, so wie im Moment. Das ist eine Gewohnheit, die während der Studiozeit entstanden ist. Ich kaufe ja ungern Klamotten ein, zuerst trug ich die ganze Zeit zwei Hosen, ein paar Pullis, aber irgendwann gefiel ich mir nicht mehr. Da habe ich festgelegt: Ich trage nur noch beim Sport sportliche Klamotten. Es verändert mich, wenn ich heute besser angezogen bin.

Wie denn das?

Wenn ich mich mit Anzug vor dem Spiegel betrachte, kommt so etwas wie Stolz auf. Mein Kraftverhältnis verändert sich. Ich fühle mich energetischer. Nicht so schlampig, wie wenn ich Sportklamotten trage. Ein Anzug wirkt durch den schmalen Schnitt, den Stoff und den Kragen besser.

Hassen Sie Sport?

Ich laufe gerne um die Alster. Ohne Musik! Aber am liebsten fahre ich Fahrrad. Was ich gar nicht mag, sind Fitness- Studios. Die sind mir zu eitel.

Eitelkeit ist Ihnen für Ihr Image allerdings auch ein wenig wichtig, oder?

Klar, ich muss auf den Fotos gut aussehen. Weil die Menschen sich mit gut aussehenden Menschen nun mal besser identifizieren. Das sieht man extrem bei Schauspielern. Aber ein Foto beschönigen oder retuschieren mag ich auch nicht. Oft wird es dadurch nicht besser.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz

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