Werbinich : Ich geb Gas, ich will Spaß

Unser Autor, 18, hat endlich seinen Führerschein. Ein Selbsterfahrungskurs, Teil II

Julius Wolf

Was bisher geschah: Unser Autor Julius Wolf wollte nur eines – den Führerschein machen. Sein erster Fahrlehrer hatte leider einen nervtötenden Hund, der zweite ein kaputtes Auto, also suchte sich Julius einen dritten Fahrlehrer bei einer anderen Fahrschule. Er heißt Herr P.

* * *

Herr P. ist ein junger und freundlicher Fahrlehrer. Die Fahrschule, bei der er angestellt ist, unterbreitet keine ominösen Billigangebote, die am Ende nicht mehr gelten. Herr P. hat auch keinen Hund, den er mit in die Fahrstunde nimmt. Hätte ich früher gewechselt und wäre ich weniger faul gewesen, hätte ich wahrscheinlich keine acht Monate für den Führerschein gebraucht.

In der neuen Fahrschule war alles um einiges einfacher. Auch wussten sie dort über die Umstände meiner bisherigen Fahrausbildung Bescheid und waren entweder amüsiert oder erschrocken. Die erste Aufgabe in der neuen war die Theorieprüfung. Meine Welt wäre leichter, wenn für Mathe auch immer alle Antworten von vornherein angegeben wären. Ich weiß jetzt, dass der Konsum einer „Haschischzigarette“ zur Fahruntauglichkeit führt und wie viel Abstand ich beim Parken vor einem Bahnübergang einzuhalten habe, so rund 25 Meter nämlich.

Die Prüfstelle des Tüv ist in der Alboinstraße und von meiner Wohnung in Charlottenburg umständlich mit der BVG zu erreichen. Also habe ich zur Vorsicht vorher angerufen. Ich wollte wissen, in welchem Zeitraum man kommen muss. Es hieß, der allerletzte Zeitpunkt sei um 18 Uhr. Wunderbar, dachte ich mir, das schaffe ich noch. Und tatsächlich, um 17 Uhr 32 stand ich vor dem Prüfschalter. Der Tüv-Mann grinste mich schief an und sagte: „Um siebzehndreizich is Abjabeschluss. Kommse morjen wieder.“ Zwei Minuten? Wenn die Uhr überhaupt richtig ging? Die Prüfung habe ich am nächsten Tag in gestoppten sechs Minuten und dreiundvierzig Sekunden mit null Fehlern bestanden. Der Tüv-Mann, übrigens derselbe wie am Tag vorher, hat irgendwas von Rekordzeit geredet.

Am nächsten Tag saß ich das erste Mal mit Herrn P. im Auto. Herrn P. stand der Mund offen. Darum: Ich bin in bis dahin 34 Fahrstunden nicht einen Meter rückwärts gefahren. Stattdessen habe ich auf Geheiß des alten Fahrlehrers Sicherheitsblicke gemacht. Nur leider zur falschen Zeit. In falscher Anzahl. Ich meine, vor lauter Sicherheitsblicken habe ich nicht mehr auf den Verkehr achten können. Herr P. korrigierte. Dann fragte er mich, ob er mich duzen dürfte. Also, mir ist das egal, aber er fragte wenigstens, ich war anderes gewöhnt. Die Fahrstunden mit Herrn P. waren angenehm. Es gab keine griechische Volksmusik und auch keine Zigarettenpausen auf meine Kosten. Es wurde mehr über das Fahren an sich gesprochen. Nicht so viel über Beziehungen und private Problemchen.

Der größte Teil der Fahrstunden mit Herrn P. war ein gemütliches Abfahren der Prüfstrecken. Wahrscheinlich, damit ich alle möglichen Gemeinheiten der Prüfung schon einmal gesehen hatte. Man konnte bei Herrn P. tatsächlich davon ausgehen, dass er mir das Bestehen der Prüfung wünscht.

Trotzdem habe ich immer wieder Dinge falsch gemacht, die ich schon tausendmal gemacht hatte. Was mich zu meiner höchsteigenen Fahrstiltheorie bringt. Meine Fahrstiltheorie besagt, dass man nicht viel selbst tut, um seinen Fahrstil zu finden. Mit Ausnahme der Fahrlehrer. Die haben zwei Stile. Den, den sie ihren Schülern präsentieren, und ihren eigenen Privatstil. Man wird in seinen Fahrstil hineingeboren. Meine Mutter fährt, wie man es von ihrer Generation erwartet. Vorsichtig, nie zu schnell und schon fast mit der Nase auf dem Lenkrad. (Lüge, sagt die Mutter, Unverschämtheit). Bei meinem Vater erkennt man den Fahrstil schon daran, wie er im Auto sitzt. Fenster runter. Ellenbogen raus und Fluppe im Mundwinkel. Ist wahrscheinlich generationsbedingt. Als 68er kann er sich natürlich nicht die Blöße geben und auf so etwas wie Ordnungshüter und Verbotsschilder Rücksicht nehmen. (Lüge, sagt der Vater, Unverschämtheit).

Und nun zu mir. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Zugehörigkeit zur Generation Computer einen nicht unwesentlichen Einfluss darauf haben wird. Ich meine, wie soll man auch richtig fahren, wenn man mit Burnout, Need For Speed und Grand Theft Auto I–IV groß geworden ist? Es handelt sich hierbei um Autorennspiele oder Spiele, in denen auch Auto gefahren wird. Diese Spiele sind ein kleines bisschen unrealistisch. Man gewöhnt sich leider nur allzu schnell an die Grundlagen dieser Spiele: Wer bremst, hat Angst, verliert. Nach mir die Sintflut, und wenn mein Auto mit 250 Sachen an die Wand fährt, such ich mir eben ein neues. Es ist wahrscheinlich gesünder, mir einen anderen Fahrstil anzueignen.

Um überhaupt zu fahren, braucht man den Führerschein. Um dieses Stück Plastik zu bekommen, ist eine Prüfung nötig, und die ist der Keim aller Ängste eines Fahrschülers. Kann ich alles? Was ist, wenn ich nicht bestehe? Was, wenn der Prüfer schlechte Laune hat? Und so weiter. Nur merkt man erst nach der Prüfung, dass genau diese Gedanken zum Durchfallen geführt haben. So wie in der Schule. Eine Fahrprüfung läuft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ein Herr, in meinem Fall ein Herr G., setzt sich hinten in den Wagen und sagt: „Fahren Sie so wie immer, Wunder werden Sie keine vollbringen, also strengen Sie sich gar nicht erst an.“ Dann fängt man an zu schwitzen und fährt los.

Herr P. und Herr G. haben sich unterhalten. Erst dachte ich, dass mich das Gespräch stören würde. War aber nicht so. Ich habe viel Spaß gehabt. Unter anderem, weil Herr P. und Herr G. sich über die Teufel des Straßenverkehrs aufgeregt haben. Wer die Teufel sind? Na wer wohl? Wer ist für jeden Autofahrer das personifizierte Böse? Der Unhold auf zwei Rädern. An allem sind sie schuld, die Radfahrer. Sie fahren, ohne zu schauen, über rote Ampeln. Sie machen auch sonst alles falsch, was man nur falsch machen kann. Ja, ihr Radfahrer. Nehmt mehr Rücksicht auf die armen Autofahrer! Denn, wenn wir euch plattfahren, mit unseren durchschnittlich 1200 Kilo, dann bekommt ihr auch noch Recht. Unverantwortlich so was.

Nun gut, ich bin Radfahrer. Bekennender Nicht-Gucker, Über-Rot-Fahrer und rücksichtsloser Autoschneider. Kurz gesagt, ich mache den Autofahrern und besonders den Fahrlehrern das Fahren zur Hölle. Ich allein bin schuld. Ich lebe aber immer noch. Lieber Herr P., lieber Herr G., die vielen Schilder zum Beispiel an der Bundesstraße 5, auf denen so etwas steht, wie „Thomas, wir denken an dich“, kommen die eigentlich von Hochgeschwindigkeitsradrennfahrern?

Zurück zur Prüfung. Ich bin am Heckerdamm richtig gefahren und habe gewendet, dass Herrn G. die Tränen kamen. Meine Laune war toll. Grandios. So grandios, dass ich auf dem Rückweg, 100 Meter vor dem Prüfgelände, beim Rückwärtseinparken gnädig das schleifende Geräusch des Reifens am Bordsteinrand überhört habe. Im Rückspiegel sah ich ein Gesicht. Das Gesicht von Herrn G. Das Gesicht war schmerzlich verzogen als wäre es selbst der Reifen. Zurück auf dem Parkplatz gab Herr G. mir die Hand und meinen Führerschein. Herrlich. Göttlich. Ich hab’ es allen gezeigt. All meinen Fahrlehrern.

* * *

Die erste Fahrt. Alleine, okay, nicht ganz alleine. Mit meinem Vater. Aber der zählt in so einem Fall nicht. Die schon erwähnte, recht hohe Zahl an Strafzetteln gibt Anlass, meinen Vater nicht als fahrkünstlerisches Vorbild zu nehmen. (Lüge, sagt der Vater, Unverschämtheit!). Blissestraße/ Ecke Uhlandstraße: Die Ampel schaltet um auf Gelb. Ich halte. „Na, das hättest du aber noch geschafft“, sagt mein Vater. Auf der Potsdamer Straße werde ich überholt. Und dann werde ich wieder überholt und wieder. Ich fahre exakt 50 Stundenkilometer, wie vorgeschrieben. „Tut hier keiner“, sagt mein Vater, „ein bisschen schneller geht schon.“

Nun, ich habe zum 18. eine Vespa geschenkt bekommen, und so eine Fahrt auf der Vespa ist toll. Es wird Sommer. Und der Sommer ist Radfahrzeit. Das werde ich ausnützen. Jaja, liebe Autofahrer. Sie kommen wieder. Wir kommen wieder. Und wir werden euch das Leben so schwer wie möglich machen.

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