Werbinich : „Ich halte nichts von Grabenkämpfen“

Der neue Bildungssenator Jürgen Zöllner meidet Festlegungen – jedenfalls in der Diskussion um die Gemeinschaftsschule

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Herr Zöllner, wir sitzen hier im Senatorenbüro am Spittelmarkt – links und rechts gibt es große Fenster, durch die man das neue Berlin sehen kann. Häuser über Häuser. Was haben Sie von Ihrem Mainzer Zimmer aus gesehen?

Den Dom, den Rhein, den Taunus. Sicher ein Unterschied.

Ist das vielleicht symptomatisch für diesen Wechsel, dass sich sogar die Aussicht verschlechtert?

Was heißt „sogar“. Das vermittelt hat ja den Eindruck ja, dass alles andere auch schlechter wäre. Ich sehe das ganz und gar nicht so. Ich bin doch hierher gekommen, weil ich glaube, das ist hier eine große und spannende Aufgabe.

Sie werden nicht viel Zeit haben, sich einzuarbeiten. Die Lehrerschaft ist erregt wegen der Belastung und jetzt auch noch der Streichung der Altersteilzeit. Gerade haben sich hunderte Reinickendorfer Lehrer symbolisch verabschiedet, weil sie sich überfordert fühlen. Macht Ihnen das Angst?

Das macht mir keine Angst, aber das besorgt mich sehr. Auf der einen Seite ist der Lehrerberuf sicher einer der schönsten, auf der anderen Seite auch einer der schwersten, weil die Probleme, die wir in der Gesellschaft haben, auf die Schule abgeladen werden. Wenn dann auch noch Veränderungen bei den Arbeitsbedingungen auftreten, ist das sicher ein Problem. Auf der anderen Seite glaube ich, sollten die Lehrerinnen und Lehrer auch sehen, dass der höherer Stellenwert für Bildung, den man spürt, auch ein Zeichen dafür ist, dass man die Arbeit der Lehrer ernst nimmt. Das sollten sie wahrnehmen.

Viele glauben, dass schlicht Lehrer fehlen.

Man muss sich genau ansehen, wohin das Geld geht. Berlin ist ja im Bundesvergleich nicht schlecht ausgestattet. Wir müssen genau darauf achten, dass das Geld effizient eingesetzt wird.

Lehrer und Eltern werden Ihre Durchsetzungsfähigkeit im Senat daran messen, wie schnell sie in der Lage sind, die Gelder für den Vertretungsunterricht an die Schulen zu geben. Wann ist es soweit?

Ich werde sicher das Hauptaugenmerk auf die schnelle Realisierung dieser Frage legen, denn ich halte es für einen guten Ansatz, dass Schulen ihre Vertretungslehrer selbst einstellen können. Dieser Weg trägt überproportional Rendite. Aber das wird sicher das Problem aufwerfen, dass er den Schulen Freiheitsgrade und Verantwortung bringt, an die sie nicht gewöhnt sind. Das ist ein Entwicklungsprozess. Die Schulen haben sich daran gewöhnt, hierarchisch gesteuert zu werden. Dies geht heute nicht mehr, weil es letzten Endes Kreativität und Einzelverantwortung wegnimmt. Hier muss man umsteuern. Das geht nicht von heute auf morgen. Die Schulen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und selbst zu steuern.

Berlin ist Vorreiter dabei, Lehrer nicht zu verbeamten. Gute junge Lehrer wandern ab, weil sie als Beamte anderswo mehr verdienen. Kann Berlin das durchhalten?

Es wird immer Einzelne geben, die gehen, aber die Attraktivität dieser Stadt führt auch dazu, dass viele Lehrer hierherkommen. Ich kann mir vorstellen, dass der Wanderungssaldo selbst unter diesen Bedingungen für Berlin noch positiv sein wird. Langfristig wird sicher auch bundesweit die Entwicklung in Richtung der Nichtverbeamtung gehen.

Die Pisa-Forscher haben kürzlich eine Studie vorgelegt, wonach an 60 Prozent der Berliner Hauptschulen Bedingungen herrschen, die eine „außerordentlich schädliche Auswirkung auf die Leistungsentwicklung von Jugendlichen" haben. Das betrifft immerhin 8000 Kinder und Jugendliche. Wie lange kann sich das eine Regierung noch ansehen?

Wir haben in jedem Bundesland das Phänomen, das wir schwächere Schüler nicht ausreichend fordern. Das Problem konzentriert sich an den Hauptschulen. Die Situation hier zu verbessern, muss eine primäre Anstrengung sein. Aber ich würde davor warnen, dass man in Berlin so ein Underdog-Gefühl vermittelt. In Ballungsräumen anderer Bundesländer ist die Situation auch nicht viel besser.

Könnte man das Problem denn nicht dadurch abmildern, dass man die Hauptschulen mit Realschulen verschmilzt.

Natürlich sehe ich da eine Möglichkeit, ohne dass ich mich da jetzt festlege. Man muss die Bevölkerung und auch die Schulen mitnehmen. Ich halte nichts von fundamentalistischen Grabenkämpfen. Gute Erfahrungen haben wir in Rheinland-Pfalz damit gemacht, dass Schulen das auf freiwilliger Basis entscheiden. Da war plötzlich eine Welle da. Man muss aber sehen, dass man dann praktisch auf ein zweigliedriges System umstellt.

Wie stehen Sie zur Gemeinschaftsschule?

Ich muss erstmal sehen, wo in Berlin die Probleme konkret sind. Es hat keine Sinn, dass ich herkomme und die großen Sprüche mache und sage, wo es lang geht. Aber eines ist klar: Es gibt nicht nur eine Lösung. Es gibt junge Menschen, die in gleichen Leistungsgruppen besser gefördert werden und es gibt eben andere junge Menschen, für die es besser ist, in gemischten Leistungsgruppen zu sein. Es gibt kein Patentrezept für alle Schüler und alle Schulen. Das wäre wieder ein Überstülpen.

Der Bereich „Jugend“ erscheint im Senatorentitel nicht mehr. Ist das nicht wichtig?

Im Gegenteil. Ein Grund, dass ich hierher gekommen bin, liegt darin, dass ich hier auch für den Jugendbereich zuständig bin. Die Bildungspolitik vom Kindergarten bis zur Universität muss aus einem Guss sein. Sie können sich darauf verlassen, dass ich da eher ein überproportionales Engagement investieren werde.

Das Gespräch führte S. Vieth-Entus

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