Werbinich : „Ich hatte keinen Stimmbruch“

Es gibt ein Leben nach dem Grand Prix – Max Mutzke hat ein neues Album aufgenommen

Esther Kogelboom

Max Mutzke hat auf dem Foto keine sichtbaren Schäden davongetragen. Er sieht ganz normal aus, trägt einen normalen Pullover und versteckt seine normale Frisur unter einer normalen Mütze. Seine Augenbrauen sind immer noch eher eine Augenbraue und damit leicht problematisch im internationalen Showbusiness. Max ist ein Symbol dafür geworden, dass man ein Recht darauf hat, berühmt zu werden, wenn man eine Sache wirklich gut kann – auch, wenn man nicht unbedingt so aussieht wie Robbie Williams. Was Max richtig gut kann, klingt noch im Ohr: Just can’t wait until tonight, baby/ ’til I have you by my side, baby/ Just can’t wait until tonight, baby/ For being with you. Und so weiter. Max kann ziemlich gut singen.

Entdeckt in Stefan Raabs Castingshow, hat er Deutschland beim Grand Prix vertreten und landete auf Platz acht. Danach hat man ganz lange nichts mehr von ihm gehört. Jetzt gibt es eine neue Platte, „Schwarz auf Weiß“ heißt sie. In dem Video zu dem Lied sieht man Max, wie er nach einer Frau verrückt ist. Nein, so hat den jungen Mann aus Waldshut noch niemand gesehen, abgesehen von seiner Freundin vielleicht. Mal sehen, wie Max so ist.

Wir sind verabredet im „Westin Grand“, einem Hotel an der Berliner Friedrichstraße. In solchen Hotels schläft Max Mutzke, wenn er unterwegs ist. Er sitzt in der Lobby an einem kleinen Tisch, überall blinken Weihnachtslichter, er lächelt freundlich, und putzt sich erst mal kräftig die Nase. Vorher war schon ein Journalist da, der mit ihm gesprochen hat, und nachher wird noch jemand kommen. „Promotion Tour“ nennen die Leute im Musikgeschäft das. Es geht darum, Werbung zu machen für die neue Platte. „Es gibt Schlimmeres“, sagt Max und steht kurz auf, um das zerknüllte Taschentuch besser in die Hosentasche stopfen zu können.

Wie ist das, Abitur zu machen und gleichzeitig ständig im Fernsehen aufzutreten? Max erzählt davon, wie er die Schule geschwänzt hat und von Waldshut nach Köln gefahren ist, um bei Stefan Raabs Casting vorzusingen. Wie er für seine Klausuren gelernt hat, sich zwischendurch nicht sicher war, ob er es schafft: „Stefan hat gesagt: Mach’ das Abitur, das ist das A und O.“ Jetzt hat er’s – die Prüfungsfächer waren Betriebswirtschaftlehre, Sport, Deutsch und Mathe – nur, mit welchem Numerus Clausus, das will er nicht erzählen.

„Liegt er im Dreierbereich?“

Max zuckt mit seiner Augenbraue. Das kann man als „ja“ deuten. Er lenkt schnell ab und berichtet, wie schön es in Waldshut ist, was man dort so macht (Motocross fahren, klettern) und dass er manchmal in sein Auto steigt, zu einer Waldlichtung fährt, von wo aus er (bei klarem Wetter) das Alpenpanorama betrachtet. „Kreativ sein kann ich am besten in meinem gewohnten häuslichen Umfeld“, sagt er und betrachtet die Lichterketten im „Westin Grand“.

Max, der mit zweitem Namen tatsächlich „Nepomuk“ heißt, kommt aus einer tendenziell musikalischen Familie – sein Vater spielt schon seit 40 Jahren Schlagzeug. Und als er seiner Mutter im zarten Alter von sechs Jahren ein Lied vorsang, merkten die Eltern, dass Max den Soul in der Stimme hat. „Der kann echt singen“, habe die Mutter zum Vater gesagt . Das sollte sich auch nicht mehr ändern – „Ich hatte einfach keinen Stimmbruch“, sagt der Casting-Star und kichert. „Ich habe nie so gekrächzt.“ Groß geworden ist er trotzdem – mit den Schallplatten seiner Eltern: Funk, Jazz und eben Soul. Deswegen hat Max Mutzke auch nie die Musik gut gefunden, die die anderen in der Schule mochten: „Techno finde ich immer noch schlecht, bei der Love Parade war ich nie und von der ersten Goa-Party bin ich sofort wieder abgehauen.“ Es war eine Zeit, in der Max dachte: Mit „echter“ Musik hast du keine Chance, und in eine Boygroup willst du auch nicht. Dann kam die Ära von R&B, und Max ging es wieder etwas besser.

Richtig gut ging es ihm natürlich dieses Jahr. Der zweitschönste Moment war, als er bei Raabs Castingshow „Ain’t no Sunshine“ vorgesungen hat, erklärt er. Der schönste Moment war der, als er die deutsche Vorentscheidung für den Grand Prix gewonnen hat – „ein euphorisches Gefühl“. Als er später in seinem gewohnt grauen Pullover in Istanbul auf der Bühne stand, sei für ihn der größte Teil der Aufregung schon lange vorbei gewesen.

Doch wirklich gewöhnt an den Rummel um seine Person hat er sich noch nicht. Neulich kam nach einem Auftritt zum Beispiel die Sängerin Anastacia und wollte unbedingt seine Single haben. „Das sind dann so Momente“, sagt Max, „wo du zuerst gar nicht weißt, was los ist.“ Anastacia sei ganz begeistert gewesen, habe ihre Gänsehaut vorgeführt und ihm eine Karriere in den USA prophezeit. Max redet jetzt sehr schnell und verschluckt ganze Wörter. Im Gesicht bekommt er ein paar rote Flecke. Man merkt, wie ihn das freut, wenn er so viel Lob bekommt. Er kann es gar nicht glauben, dass er der Gänsehautverursacher ist. Er selbst bekommt schließlich nur welche bei Joe Cocker und den Neville Brothers.

Abgesehen von Anastacia trifft Max viele berühmte Menschen; auch mit Alexander Klaws, dem Gewinner der ersten „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel, hatte er eine kurze Begegnung. „Er ist nett“, sagt Max. Doch Klaws, der von Dieter Bohlen produziert wurde, sei eine ganz andere Welt. Man merkt, dass er mit dieser Welt nichts zu tun haben will. Vielleicht findet er es insgeheim ein bisschen blöd, dass alle über die verschiedenen Castingshows in Deutschland herziehen. Und Stefan Raab ist ja normalerweise einer, der alle außer Lionel Richie an der Nase herumführt. Wie ist es also, das erste ernst gemeint Stefan-Raab–Projekt zu sein?

„Ich komme mit Stefan super aus“, sagt Max – naja, eine andere Antwort war nicht zu erwarten. „Stefan muss die ganze Woche arbeiten, also haben wir uns immer am Wochenende im Studio getroffen.“ – „Gibt es nie Streit?“ – „Nee, aber manchmal telefonieren wir nach einem Auftritt, da sagt der Stefan dann ganz offen, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist.“ Gemeckert werde, wenn sich Max nicht beherrschen kann und improvisiert. Gerade bei einem neuen Titel sei es wichtig, das Publikum nicht durch neue Textzeilen oder ein „Schalala“ an der falschen Stelle zu irritieren. „Die Leute haben ein Recht darauf, bei einem Auftritt genau das Gleiche zu hören wie auf der Platte“, glaubt er.

Wie es weitergeht? Wenn Raab sich weiter so um Max kümmert, wird er wahrscheinlich Erfolg haben. Max hat es ganz gut überlebt, so schnell bekannt geworden zu sein.

Das Album von Max Mutzke erscheint im Januar. Für 2005 plant er gerade eine Clubtour.

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