Werbinich : „Ich liebe einen kleinen Terroristen“

Manuela hat mit 15 ein Baby bekommen und lebt in einem Mutter-Kind-Heim. Es geht ihr ganz gut

Luzie Mülsch

Es ist 8 Uhr 30 Uhr. Manuela gähnt und streckt sich. Sie trägt einen verwaschenen Pullover, die Haare hängen in ihr müdes Gesicht. In der Nacht hat ihr Baby wieder kaum geschlafen. Manuela nimmt einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse. „Für Mama“ steht darauf.

„Am meisten vermisse ich das Ausschlafen“, sagt Manuela. Seit ungefähr einem Jahr muss sie früh aufstehen. So lange schon ist sie Mutter des kleinen Rafael. Der ist im Gegensatz zu ihr hellwach, zieht sich am Tisch hoch, greift nach der Kaffeetasse und schmeißt sie auf den Boden. Erst, als er den Kühlschrank öffnen will, ruft sie: „Nein, Rafael.“ Dann bindet sie die Kühlschranktür mit einer Schnur zu, genauso, wie sie es auch mit den anderen Schranktüren gemacht hat. Die Handgriffe der 17-jährigen Manuela sind routiniert.

Sie sagt, Rafael sei ein kleiner Terrorist und dass sie ihn liebt. Das merkt man. Vielleicht eine Art hilflose Liebe, weil Manuela sie selbst nicht so ganz versteht. Eine Liebe, die einfach da war, als sie Rafael zum ersten Mal in den Armen gehalten hat und die sie manchmal gar nicht richtig zeigen kann.

Manuela ist eines von 27 000 Mädchen unter 18, die im Jahr 2003 in Deutschland Mutter geworden sind. Mit 15 Jahren hat sie festgestellt, dass sie schwanger war. „Das war schon ein echter Schock für mich. Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass es sich doch noch als Irrtum herausstellen würde.“ Gegen den Rat der Jugendberaterin, entschied sich Manuela, das Kind zu behalten: „Als ich ihn das erste Mal auf dem Ultraschallbild gesehen habe, stand fest, dass ich ihn bekommen wollte.“ Manuela sagt, das sie stolz darauf war, schwanger zu sein. Auf Fotos streckt sie ihren Bauch in die Kamera. Nach einer komplizierten Schwangerschaft mit Vorwehen fiel die Geburt dramatisch aus: Rafael wurde mit der Saugglocke auf die Welt geholt.

Manuela steht am Wickeltisch und klebt die Windel an den Seiten fest. Sie versucht, ihm seine gestreifte Hose über die strampelnden Beine zu ziehen. Rafael reißt den Mund auf und fängt an zu schreien. Windeln wechseln und baden, das mag er gar nicht, sagt seine Mutter.

Während andere Mädchen sich mit 17 wie der kleine Rafael benehmen und ständig herumbrüllen, muss Manuela ruhig und konsequent bleiben. Das klappt manchmal nicht so gut. „Wenn er schreit, bekomme ich oft Mitleid und dann kann ich meinen Willen nicht durchsetzen“, sagt sie. Auch sonst unterscheiden sich Manuelas Probleme sehr von dem, was ihrer Altersgenossinnen beschäftigt: Während die sich Gedanken darüber machen, ob das Taschengeld für den neuen „Pimkie“-Pullover reicht, sorgt sich Manuela um hohe Windelpreise. In „Bravo“ und den Mädchenmagazinen, die Manuela gerne liest, stehen eben nur Ratschläge, wie man das seltsame Verhalten des Freundes versteht. Doch wie soll man das Geschrei eines Babys interpretieren? Darüber steht da natürlich nichts.

Einige Monate nach Rafaels Geburt hat Manuela versucht, den Einstieg in den Schulalltag zu schaffen. Doch als der Kleine krank wurde und sie das Gefühl bekam, dass sie kaum noch Zeit mit ihm verbrachte, brach sie die ohnehin ungeliebte Schule wieder ab. Als Manuela dreizehn Jahre alt war, starb ihr Vater, während sie im Unterricht saß. Seitdem wollte Manuela nicht mehr hingehen. „Ich hatte Angst, dass während ich da sitze und lerne, jemand aus meiner Familie stirbt“, erklärt sie ihr schlechtes Verhältnis zur Schule. Man mag es ihr glauben, denn bei der Erinnerung an diese Zeit kommen die Tränen. Statt Schule macht Manuela jetzt eben den Haushalt und erledigt Besuche beim Sozial- oder Jugendamt, wenn Rafael in der Krabbelgruppe ist. Da sie noch nicht volljährig ist, ist das Jugendamt Rafaels gesetzlicher Vormund. Daher muss sie Genehmigungen, wie beispielsweise eine Impferlaubnis für Rafael, dort einholen.

Auch die 850 Euro, von denen die beiden im Monat leben, zahlt das Amt. „Das meiste geht für den Kleinen drauf, vor allen Dingen für Kleidung. Er wächst so schnell aus seinen Sachen heraus.“ 150 Euro Miete kostet das Mutter-Kind-Heim, in dem die beiden leben. Hier wird Manuela Schritt für Schritt auf ein eigenständiges Leben als Alleinerziehende vorbereitet. Zuerst teilte sie sich ihren Wohnraum mit anderen Mädchen, aber inzwischen lebt sie in einer eigenen Wohnung, die Teil des Heims ist. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Müttern bekommt Manuela außerdem noch Hilfe von ihrer Familie. Die vier Jahre ältere Schwester setzt sich sofort in die S-Bahn, wenn Manuela anruft und auch die 43-jährige Oma passt gern auf ihren Enkel auf.

Das Verhältnis zwischen Manuela und ihrer Mutter war nicht immer so gut. Als rauskam, dass Manuela ständig die Schule schwänzte, war ihre Mutter richtig sauer. Die Mutter war ohnehin schon überlastet mit ihren drei Töchtern, der Nachtarbeit, die sie seit dem Tod ihres Mannes zusätzlich übernommen hatte und dem schwer behinderten Sohn, sagt Manuela heute. Sie landete zuerst beim Jugendnotdienst und kam von dort aus in eine therapeutische Wohngemeinschaft. Manuela sagt, sie habe sich von ihrer Mutter verraten gefühlt. „Ich hatte das Gefühl, keiner versteht mich.“

Dort lebte sie schließlich zusammen mit sieben anderen Jugendlichen. Sich darauf einzulassen, fiel der damals 14-jähriegen Manuela nicht leicht, denn schon bei kleineren Streitereien mit den anderen, kam immer wieder das Gefühl hoch: „Keiner versteht mich.“ In diesen Situationen wusste sie oft nicht weiter und anstatt sich auszusprechen, flüchtete sie –packte ihre Sachen und ging einfach zu Freunden oder zu ihrer Schwester.

Bei ihrer Schwester lernte sie dann auch Christoph kennen. Die beiden wurden ein Paar und schliefen in dieser Zeit auch miteinander. Manuela nahm die Pille, allerdings nur ab und zu. Nach fünf Monaten machte sie Schluss – kurz darauf merkte sie, dass sie schwanger war. Sie erzählte Christoph, er sei der Vater. Dieser glaubte es zuerst nicht, akzeptierte es schließlich und reagierte trotzdem völlig gleichgültig. Obwohl er gegenüber Manuela weder Freude noch Sorge noch sonst irgendwelche Gefühle äußerte und in ihrer Anwesenheit kiffte, kamen die beiden wieder zusammen. Sie wollten sich gemeinsam einen Namen für das Baby überlegen. Doch schließlich kam es anders: Als Manuela wegen vorzeitiger Wehen ins Krankenhaus gebracht wurde. kümmerte sich der 22-jährige Christoph nicht um sie. Mit Hilfe ihrer Mutter und ihrer Schwester bringt sie Rafael schließlich ohne Christoph auf die Welt.

Christoph, sagt Manuela heute, weigere sich, Unterhalt zu zahlen. Er habe seinen Sohn inzwischen einmal zufällig auf der Straße gesehen. Sein Kommentar: „Hübsches Kind.“

Manuela will dieses Jahr in eine eigene Wohnung ziehen und mit Hilfe einer Therapie ihre Angst vor der Schule überwinden und diese dann nachholen, um Rafael „später etwas bieten zu können“. Und was möchte sie mal machen? „Weiß nicht genau. Was mit Kindern“, sagt sie, gibt Rafael einen Kuss und zieht leise die Zimmertür hinter sich zu.

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