Werbinich : Ich will meine Zeitung

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Der Bösewicht sitzt im Restaurant,zufrieden mit sich und seinen grausamen Taten. Doch nicht weit entfernt sitzt der Held. Was nur wir vor dem Fernsehbildschirm wissen: Die Zeitung hat Gucklöcher, der Bösewicht wird bald überführt sein.

Die Zeitung mit Löchern: ein alter Detektivklassiker, über den ich immer gelacht habe. Wird dieser Gag unmodern? Vor allem unter Jugendlichen bemerke ich den Drang nach effektiveren, schnelleren, auch kostengünstigen Varianten, an Informationen zu kommen.

Jede Zeitung ist heute online, um nicht unterzugehen. An sich nicht schlecht, Informationen per Mausklick rund um die Uhr – aber doch stillos! Bin ich altmodisch, wenn ich nicht darauf stehe, mir beim Zeitunglesen am PC einen steifen Nacken zu holen?

Ist die Zeitung heute nicht mehr der Wegbegleiter ins Büro? Kaffee oder Tee, serviert mit einer druckfrischen Tageszeitung, die beim Umblättern raschelt, nach Druckerschwärze duftet und aus der man sich die kuriosesten Artikel ausschneidet und aufhebt?Ach ja, heutzutage läuft das bei den coolen Kids übers Handy. Da haben wir’s doch: Ich bin out, genauso wie mein Handy, das mit Internetzugang nicht dienen kann.

Aber selbst wenn – ich will lieber etwas Greifbares. In einer Zeit, in der alles so rund läuft, dass einem schwindlig werden kann, soll meine Zeitung real sein. Ich muss lachen, wenn jemand in der S-Bahn mit seiner ausgebreiteten Zeitung einen halben Wagen blockiert. Ich will nach meinen eigenen Artikeln nicht im unberechenbaren Internet forschen, sondern meinen Namen gern schwarz auf grau lesen. Caroline Stelzer, 18 Jahre

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