Im Passbild-Automaten : Was guckst du denn so?

Es wird getuschelt, getratscht und gekichert: Kleine Geschichten aus einem beliebten Foto-Automaten in Prenzlauer Berg. Unsere Autorin hat die Jungs und Mädchen einfach mal angequatscht.

Johanna Lühr
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Maren grüßt. Und zwar mit lieber Botschaft.Foto: David Heerde

Die meisten sind verliebt. Verliebt in den andern, verliebt in sich selbst, verliebt in den Augenblick. Es blitzt vier Mal, sie schieben den Vorhang zur Seite und warten. Bis es in die offene Klappe fällt: ihr Foto, ihr Fotostreifen, ihre vier kleinen Bilder. Und jedes Mal ist eine kleine Geschichte dahinter.

Kastanienallee, ein Sonntag um 18 Uhr. Es könnte auch jede andere Uhrzeit sein, denn vor dem Fotoautomaten, der gegenüber von dem „Prater“ auf dem Bürgersteig steht, ist immer etwas los.

Wieso bloß? Wieso drängeln die sich alle in eine Kabine, um sich in Schwarz- Weiß knipsen zu lassen? Und das gerade jetzt, wo wir doch locker immer und überall selber ein Bild machen können. Das Handy beim Konzert in die Luft halten oder die Digicam aus der Hosentasche ziehen. Und uns das Foto dann angucken und – wenn es nicht gefällt – löschen und noch mal machen. Wer heute noch einen Schnappschuss bewahrt, ist selber schuld. Aber gerade das wollen die Leute hier.

Das ist ihr Automat, war es schon immer

Sie kommen alle paar Monate hierher, um die Zeit festzuhalten. Mara, 26, Dennis, 24, und ihr Sohn Nils, 1. Sie kennen sich jetzt seit ein paar Jahren, Mara stammt aus Bayern, aus Hof, und ist zur Ausbildung nach Berlin gekommen. Da hat sie Dennis kennengelernt. Und sich verliebt. Eigentlich wohnen sie in Treptow, aber sie kommen immer hierher, das ist „ihr Automat“. Dennis ist hier in der Nähe aufgewachsen. Auch wenn es damals noch ziemlich anders aussah. Wirklich heruntergekommen und nicht so gestylt abgefuckt.

Es beginnt zu regnen, sie drängeln sich in die Kabine, bis der Streifen draußen ins Fach fällt. Man hört einen Föhn pusten, dann nehmen sie das Papier in die Hand und wedeln mit spitzen Fingern weiter, bis es ganz trocken ist. „Oh nein, ich hab ja die Augen halb zu, und sein Kopf ist riesig, oh wie süß, guck mal, Nils, das bist du!“ Das war heute und hier.

Handykamera? Digicam? Wie langweilig

Der Fotoautomat ist ein Relikt aus nichtdigitalen Zeiten, und darum passt er so gut nach Berlin. In diese melancholische Stadt, in der sich so viel tut, die aber auch so langsam ist. Eine Stadt, in der man das Unperfekte liebt, das Verrutschte, Lässige – und sei es auch inszeniert. Eine Stadt für Romantiker, die Fotos machen, um sie nachher zu zerreißen (ein paarmal auf den Löschknopf seiner Kamera zu drücken, ist tatsächlich deutlich weniger dramatisch). Mit den alten Fotos ist es wie mit der neuen Liebe, man findet sie immer schön.

So wie bei Adeline, 23, und David, 31. Sie kommt aus Stockholm und legt in Berlin als DJ auf, er ist Engländer und spielt Keyboard. Diesen Sommer haben sie sich in Berlin getroffen. Und sind seitdem ein Paar? „Well, …“ Oder kurz davor. Von dem Automaten haben sie gehört, dass man hier auch zwei Pennys einstecken könne, sagt David, das wollten sie dann mal ausprobieren (und es klappt, aber nicht weitersagen). Im Februar will er hierherziehen. So lange wird das Foto wohl an einem Badezimmerspiegel hängen oder in der Brieftasche langsam zerknittern. Bis es zerfällt. Und man wieder zum Automaten geht. Aber es wird nie wieder so sein wie das erste.

Als Nächstes ist Maren, 26, dran. Sie hat schon eine Weile im Regen gestanden und von einem Fuß auf den anderen gewippt, bis schließlich eine der zwei Kabinen frei geworden ist. Sie hält ein Papierzettel in den Blitz: „Alles Gute.“ Das Ergebnis ist verbesserungsfähig: die Geburtstagswünsche verschwinden am unteren Bildrand. „Mist, muss ich noch mal machen.“. Außerdem ist sie nur auf drei der vier Bilder zu sehen, das erste zeigt jemand anderes. Das scheint nicht zum ersten Mal zu passieren. Viele abgerissene Einzelbilder stecken schon an dem kleinen Spiegel am Automaten. „Dann müssten die nächsten ja das letzte von mir haben“, folgert sie. Und so geschieht’s. Eine Kettenreaktion mit kommunikativen Folgen. Ein Defekt, würde Asger sagen.

Asger ist einer der zwei, der ans Telefon geht, ruft man die Handynummer an, die am Automaten steht. Zusammen mit seinem Freund Ole hat er 2004 den ersten Automaten am Rosenthaler Platz aufgestellt. Heute sind es acht oder zehn in Berlin. Den letzten haben sie gerade am Schlesischen Tor vor den Club Lux gekarrt. Die Idee kam aus Zürich, dort waren die schwarz-weiß-Automaten schon lange Kult. Die Gebrüder Balke hatten die Automaten in den 60er Jahren von Amerika in die Schweiz gebracht, mittlerweile sind sie in Pension und alle ihre „Einfränkler-Kästen“ durch digitale Automaten ersetzt. Für die Berliner fängt es gerade erst an. Noch arbeitet Asger als Kameramann, aber irgendwann kann er vielleicht mal davon leben.

Jetzt sind vier Mädchen aus Frankreich im Automaten ...

Am Automaten in der Kastanienallee ist kein Ende der Schlange in Sicht. Agathe, 21, Juliette, 20, Lola, 20, und Violette, 21, aus Frankreich haben ihr Erinnerungsbild gemacht. Zwei von ihnen machen ein Erasmusjahr hier, die anderen haben sie besucht. Ganz cool hier, also wirklich, ziemlich kalt. Auf den Fotos sieht man vor allem ihre Jacken und hier und da ein weißes Gesicht. Aber sie sind begeistert. Jetzt müssen sie die Bilder nur noch aufteilen. „Haben Sie eine Schere?“, fragt die Erasmusfranzösin herum. Aber so gut ausgestattet ist hier dann doch keiner.

... und anschließend drei aus Island

Es kichert hinter dem Vorhang. Drei Mädchen türmen sich übereinander auf dem Stuhl. Annavala, 22, Thelma, 21, und Laufey, 21. Sie kommen aus Island, Reykjavik, und sind froh, endlich in einer großen Stadt zu sein. Und wie sie Berlin mögen! Die eine hat einen Job in der Kastanienallee gefunden, die andere studiert hier Gesang. Die Berliner seien extreme Leute, „superfriendly“ oder total unverschämt. Die Laune verderben kann ihnen nichts davon. „Das ist unser Jahr!“ Über das Lachen und Erzählen vergessen sie völlig ihren Fotostreifen. Dann ist er weg. Davongeflogen im Wind. Der Moment ist vorbei. Dann eben das nächste Mal.

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