Werbinich : Im Problem-Dreieck

Ein Blick in die Bildungsstatistik zeigt: Kreuzberg, Neukölln und Wedding liegen ganz hinten

Susanne Vieth-Entus

Wenn der Regierende Bürgermeister Kinder hätte, würde er sie nicht in einen Stadtteil wie Kreuzberg zur Schule schicken. Und er könne jeden verstehen, der ebenso handelt. Dieses Bekenntnis Klaus Wowereits, für das er sich gestern bei einem Auftritt in der Kreuzberger Lemgo-Grundschule entschuldigte, hat eine erregte Debatte ausgelöst. Aber wie steht es tatsächlich im bekanntesten West-Berliner Bezirk? Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Wahrscheinlichkeit, mit sozial benachteiligten Kindern bildungsferner Schichten in Kontakt zu kommen und bis hin zum Abitur mit leistungsschwächeren zu tun zu haben, ist in Kreuzberg sehr hoch. Nur Wedding macht Kreuzberg in diesem Sinne Konkurrenz, teils auch Neukölln.

SOZIALES

Jedes Jahr werden alle rund 25 000 künftigen Berliner Erstklässler vor ihrer Einschulung untersucht. Eine umfassendere Untersuchung in Sachen Gesundheit, Kompetenzen und soziales Umfeld gibt es nicht. Die Daten werden zudem für die 23 Altbezirke einzeln aufbereitet. Somit sind sie nicht dadurch verwässert, dass sozial schwächer oder stärker belastete Regionen in einen Topf geworfen werden, wie das bei den Daten über die Großbezirke der Fall ist.

Ein Blick in den jüngsten Einschulungsbericht zeigt, dass Kreuzberger Kinder in allen Kategorien zu den Schlusslichtern gehören – egal ob es um den Zustand der Zähne, den Impfstatus, um das Rauchverhalten der Eltern, die Motorik und Koordination oder um Übergewicht geht. Immer finden sie sich auf den letzten zwei bis vier Plätzen. Nur Wedding steht im Schnitt noch schlechter da als Kreuzberg, des weiteren sind Tiergarten und Neukölln auf den letzten Rängen. Kreuzberg und Wedding sind die einzigen Bezirke, in denen der Anteil deutschstämmiger Erstklässler unter 40 Prozent liegt. Bei der Arbeitslosenquote liegt Kreuzberg-Friedrichshain mit 19,1 Prozent gleich hinter Mitte und Neukölln (22,4 bzw. 21,1 %).

DEUTSCHKENNTNISSE

Für die Deutschkenntnisse der Fünfjährigen gab es im Laufe der Jahre unterschiedliche Untersuchungen. 2003 wurde der Bärenstark-Test angewandt. Er zeigte, dass in Friedrichshain-Kreuzberg 60,2 Prozent der Erstklässler einen Förderbedarf in Deutsch hatten. Nur Neukölln (62,9) und Mitte (66,8) übertrafen diesen Anteil, wobei man wissen muss, dass der Großbezirk Mitte eben auch Wedding umfasst. In Bezug auf die Kategorie „intensiver Förderbedarf“ landete Friedrichshain-Kreuzberg hinter Mitte auf Platz 2. Inzwischen gibt es den neuen Test „Deutsch Plus“. Hier kam Friedrichshain-Kreuzberg in den Jahren 2004 und 2005 auf dem drittletzten Platz – wieder hinter Mitte und Neukölln.

MITTLERER SCHULABSCHLUSS

Wohin diese Voraussetzungen führen, zeigen die jüngsten Daten zum Mittleren Schulabschluss. Hier steht Friedrichshain-Kreuzberg sogar auf dem letzten Platz: Nur 77 Prozent der Zehntklässler hatten die Prüfung bestanden. Unmittelbar auf dem Fuße folgen Neukölln (78 Prozent) und Mitte (79 Prozent).

ABITUR

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Abitur. Eine derart hohe Durchfallquote wie bei den Kreuzberger Gymnasien gibt es andernorts fast nur in Gesamtschulen. Die betreffenden Zahlen sind allerdings von 2001, weil die Senatsverwaltung für Bildung – wohl wegen der Proteste der betreffenden Schulen – aufgehört hat, diese Angaben zu veröffentlichen. Inzwischen gibt es nur noch die Gesamtzahlen für die Großbezirke und da landet Friedrichshain-Kreuzberg mit der Durchfallquote von 8,25 Prozent immerhin auf dem fünftletzten Platz – wohl dank der starken Gymnasien mit überregionaler Anziehungskraft in Friedrichshain.

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