Werbinich : Im Soll

Er ist 23 und gab jahrelang mehr Geld aus, als er hatte. Was trieb ihn in die Schuldenfalle?

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Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte! Das wäre gut. Dann würde ich an dem Tag, als ich bei meiner Tante ausgezogen bin, noch mal von vorn anfangen. Das heißt, eigentlich musste ich bei meiner Tante ausziehen. Das war kurz nach meinem 18. Geburtstag. Ich kam spät in der Nacht nach Hause, völlig betrunken und sie hat mir mal wieder so ein Gespräch aufgedrückt. Dass ich endlich mein Leben in die Hand nehmen soll. Ich wohnte damals seit vier Jahren bei ihr. Seit mein Vater bei einem Autounfall gestorben ist. Da war ich 14 und gerade zu Besuch in Berlin. Das war schlimm. Er war die einzige Bezugsperson, die ich hatte, meine Mutter kenne ich kaum. Die habe ich in meinem ganzen Leben vielleicht drei Mal gesehen. Und dann war er plötzlich tot.

Ich musste umziehen von Frankfurt nach Berlin – neue Schule, neue Freunde. Meine Tante war viel strenger als mein Vater, auch, was Geld anging. Bei meinem Vater habe ich eigentlich alles gekriegt, was ich wollte. Er hat mit Autos gehandelt, hatte eine kleine Werkstatt. Mit dem Geld kamen wir ganz gut hin. In Berlin bin ich auf die Gesamtschule gekommen und in der zehnten Klasse ganz knapp mit zwei Punkten am Realschulabschluss vorbeigeschlittert. Ich habe nur den erweiterten Hauptschulabschluss. Ich wollte gerne eine Ausbildung zum Trockenbaumeister machen. Ein schöner Beruf ist das. Wände hochziehen, das hätte ich gut gefunden. Aber ich habe die Lehre geschmissen, bevor ich überhaupt angefangen hatte. Das war so eine Zeit in meinem Leben, während der ich auf gar nichts mehr Lust hatte. Abends bin ich immer weggegangen mit meinen Kumpels, saufen und so. Bis es meiner Tante an diesem einem Tag einfach zu viel wurde. Sie wollte mit mir reden, aber ich habe nichts gesagt. Da hat meine Tante gesagt: „Entweder du bleibst und wir reden noch mal über alles. Oder du gehst, aber dann ist es für immer.“ Ich bin einfach gegangen. Ohne Klamotten, ohne alles. Zu einem Freund.

Das Sozialamt hat sich um mich gekümmert. Die haben meine Sachen bei meiner Tante abgeholt, und ich bin in eine Jugend-WG nach Friedrichshain gezogen. Eine neue Lehre habe ich auch angefangen, als Schlosser. Ich hatte verdammt viel Geld zur Verfügung: jede Woche 150 Mark vom Jugendamt für Essen und Klamotten, plus Kindergeld und noch das Geld von der Lehre. Das waren fast 1000 Mark im Monat, ich musste ja keine Miete zahlen. Aber da hat es auch so richtig angefangen mit den Schulden. Wir haben zu acht in der WG gewohnt, fast alle aus zerrütteten Verhältnissen, und der Sozialarbeiter hat sich eigentlich gar nicht um uns gekümmert. Ich habe in dieser Zeit angefangen mit dem Kaufen von Markensachen, dem Bestellen aus Katalogen und den Handys, alles über meine Verhältnisse. Ich wollte unbedingt cool sein. Dazu braucht man auf jeden Fall Markensachen.

Ich war 18, also hatte ich ein Konto mit Dispokredit, eine Kreditkarte und durfte Handyverträge abschließen. Meine erste Handyrechnung war ungefähr 500 Mark hoch – das hat mich nicht weiter gestört, das Geld wurde direkt vom Konto abgebucht und dann war es vergessen. Ich habe auch aus Katalogen bestellt, Pullis von Nike, Schuhe von Osiris, manchmal zwei Paar an einem Tag. Am schönsten war es immer, wenn die Kartons bei mir zu Hause ankamen und ich die Verpackung aufreißen konnte. So ein richtiger Kick kam dann, der hielt vielleicht vier Tage an, dann brauchte ich schon wieder was Neues.

Noch schlimmer war es mit den Handys. Ich habe mir immer neue gekauft, weil ich wollte, dass die anderen sagen: Cool, ist das neu? –Dann fühlte ich mich gut. Als das Geld nicht mehr reichte, habe ich auf Raten gekauft. Schulden bei meinen Freunden habe ich auch gemacht. Und den Dispokredit überzogen. Kaufen war mein einziger Lebensinhalt. Die Schlosserlehre habe ich nach drei Monaten geschmissen, ich wollte mich nicht stressen lassen. Das war so eine Gesamteinstellung in der WG. Nicht stressen lassen, nicht reinreden lassen. Wir haben morgens bis zehn Uhr geschlafen, und wenn der Sozialarbeiter vorbeikam, haben wir gesagt: Hau ab. Tagsüber alles scheißegal, abends saufen. Ich hatte 15 000 Euro Schulden.

Irgendwann hat es bei mir klick gemacht. Ich hab mir gesagt: Du musst hier raus. Es ist nichts Besonderes passiert, ich weiß auch nicht mehr, ob die Sonne geschienen oder es geregnet hat an diesem Tag, aber ich wusste: So geht das nicht weiter. Ich bin umgezogen in eine kleinere WG am Prenzlauer Berg. Da hat auch niemand mehr die Kühlschränke von den anderen aufgebrochen.

2002 war dann ein Platz frei, als Schlosserlehrling. Das hat mir unglaublich Auftrieb gegeben. Ich bin nämlich jeden Morgen aufgewacht und dachte: Scheiße, Schulden. Und nachts konnte ich nicht mehr schlafen. Mein Sozialarbeiter hat gesagt, ich soll zur Schuldnerberatung. Mir war das zuerst peinlich, mit einem Fremden über meine Geldprobleme zu reden. Aber für die war ich gar nichts besonderes, 15 000 Euro ist nicht so viel, da kommen junge Leute mit bis zu 100 000 Euro Schulden hin. Ich denke, man muss die Schulden selbst loswerden wollen, sonst kann einem keiner helfen.

Jetzt gehe ich einmal alle vier Wochen zu meiner Beraterin. Ich habe einen Antrag auf Privatinsolvenz gestellt. In sechs Jahren ist das Insolvenzverfahren abgeschlossen, dann kann mich niemand mehr anarschen. Der Gerichtsvollzieher war bei mir zu Hause, hat aber nichts mitgenommen, auch nicht die Playstation. Solange ich nicht mehr als 1000 Euro im Monat verdiene, muss ich auch nichts von den Schulden zurückzahlen. Ein schlechtes Gewissen? Manchmal, aber nicht sehr oft. Ich begegne meinen Gläubigern ja nicht.

Eine Arbeit als Schlosser habe ich nicht gekriegt. Keine Berufserfahrung, hieß es. Ich arbeite jetzt bei Burger King. Jeden Tag Fleisch braten und belegen. Kein toller Job, aber irgendwas muss ich ja machen. 700 Euro netto kriege ich raus. Davon kann ich leben und meine Wohnung finanzieren. Ich möchte wirklich gerne als Schlosser arbeiten.

Was ich gelernt habe? Dass man nicht viel braucht, um zufrieden zu sein. Heimkommen und sich wohl fühlen. Dass man arbeiten muss, um sich was zu leisten, das sollen meine Kinder später kapieren. Und, dass Geld nicht das Wichtigste ist im Leben. Vor zwei Wochen habe ich mir neue Schuhe gekauft, von Osiris. Ich habe gespart und dann in bar bezahlt. Außerdem waren sie herabgesetzt.

Aufgezeichnet von Stéphanie Souron

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