Werbinich : Im Sturm des Lebens

Endlich das Abi in der Tasche – und was kommt jetzt? Eine Zeit der Unsicherheit, stellt unsere Autorin fest.

Stefanie Engel
Schutzlos ausgeliefert. Das Abitur ist wie ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Ist das erst mal geschafft, steht man ohne Sicherheiten da. Die ersehnte Ruhe stellt sich nicht ein. Im Gegenteil. Es fühlt sich an, als müsse man sich nun auf einen Orkan vorbereiten. Foto: Raffiella / photocase.com
Schutzlos ausgeliefert. Das Abitur ist wie ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Ist das erst mal geschafft, steht man ohne...

Es gibt kein Wort für dieses Gefühl. Das Gefühl, wenn man durch das Schultor schreitet, ein allerletztes Mal, wenn es nach all den Jahren plötzlich vorbei ist. Es ist ein Gefühl der Angst und Hilflosigkeit. Die Abiturergebnisse stehen fest, man kann nichts mehr tun. Nur noch warten. Während Fragen über Fragen durch den Kopf kreisen und zu einem Strom aus Ungewissheit, Spannung und Hoffnung werden.

Was geschieht jetzt, wie geht es weiter? Haben sich all die Arbeit, all die Entbehrung der letzten Monate ausgezahlt? Kann man das Ende, auf das man immerhin mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens hingearbeitet hat, mit Stolz und Anerkennung abschließen, vielleicht sogar mit einem kleinen Triumph?

Als ich das Foyer erreiche, läuft mir ein Mädchen entgegen. Ich kenne es, wenn auch „mehr vom Sehen“. Das Mädchen ist in Tränen aufgelöst, als es an mir vorbeiläuft, raus aus der Schule, das Handy in der Hand. Freundinnen eilen hinterher, sogar einige Lehrer. Sie hat es nicht geschafft.

Es ist ein schöner Tag, wolkig, mit etwas Sonne. Aber wir können diese Schönheit nicht genießen. Es ist der Tag, an dem wir die Ergebnisse unseres Abiturs erhalten, der Tag, an dem eine neue Freiheit, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Noch nie zuvor hatten wir so viel Angst.

Wir versammeln uns im Zeichensaal. alle Plätze sind belegt. Ich setze mich auf den Boden, lehne mich gegen die Wand. Augen zu, tief durchatmen. Und vor allem: Bloß nicht die Nerven verlieren. Dann geht es los. Unsere Schulleiterin hält eine kurze Rede, anschließend wird jeder Einzelne aufgerufen. Applaus, ein kurzer Händedruck, dann berühren die Finger den Zettel, der in diesem Augenblick die Welt bedeutet. Mein Name fällt, ich laufe nach vorn. Mein Herz bleibt fast stehen. Bestanden! Ich fühle … nichts.

Erst als meine Freundinnen aufgerufen werden und ihre Ergebnisse erhalten, begreife ich, was geschieht. Wie mir geschieht. Es ist geschafft. Das Abitur, dieser große, scheinbar endlos emporragende Berg, er ist erklommen. Ich stehe auf dem Gipfel. Wir alle, die es geschafft haben. Der eine mehr zufrieden, die andere weniger. Doch auf dem Weg nach draußen begegnen mir auch Mitschüler, die trotz guter Abinote mit einer Eins vorm Komma den Tränen nahe sind. Manchen fehlen nur wenige Punkte. Punkte, die darüber entscheiden, ob sie eine realistische Chance darauf haben, das zu studieren, was ihnen am Herzen liegt.

Durch die Verkürzung der Regelschulzeit von 13 auf zwölf Jahre, steigende NCs und einen immer größeren Ansturm auf die Universitäten – insbesondere in Berlin – ist die Aufnahme in ein Studienfach der Wahl keineswegs mehr so einfach wie noch vor ein paar Jahren. Ich behaupte nicht, dass es damals grundsätzlich einfach war. Doch durch die immer höheren Anforderungen und den damit verbundenen Konkurrenzkampf wiegt der Druck auf den Schultern der Studenten schwerer als je zuvor.

Ein Beispiel: Eine Klassenkameradin meiner Mutter, die ihr Abitur mit einer gut durchschnittlichen Note abgeschlossen hatte, nahm im Anschluss ein Psychologiestudium auf, ohne Wartesemester. Das heutzutage zu schaffen grenzt an ein Wunder. Die einzige Chance: Losverfahren. Aber darf man sich auf sein Glück verlassen? Und selbst wenn: Wie lange soll man darauf warten? Was in dieser Zeit tun? Arbeiten, okay. Trotzdem fühlt es sich so an, als hinge man in der Luft.

Und dann ist da noch ein anderes gravierendes Problem. Nämlich die Frage nach der Wahl des Studienganges. Ich, die sich für Geisteswissenschaften interessiert, nicht allein, weil ich mich dazu berufen fühle, sondern weil darin meine Stärken liegen, muss mir im Klaren darüber sein, in einer Zeit der Schnelllebigkeit und der stetig wachsenden wirtschaftlichen Interessen eher geringe Aussichten auf einen Job zu haben. Denn wer braucht heute einen Germanisten, einen Kunstsoziologen oder Historiker?

Und selbst wenn eine Fachrichtung gewählt wird, die hohe Aufstiegschancen und Sicherheit verspricht: Wer sagt mir, dass das in zehn Jahren auch noch der Fall ist? Wo ist die Garantie? Was ist mit den Menschen, die zwar kein Abi haben, aber dennoch hochqualifiziert sind? Was wird aus ihnen, wo bleiben sie, wenn für immer mehr Berufe ein Hochschulabschluss gefordert wird?

Ich sitze jetzt also hier und frage mich: Was tun? Es hinnehmen, etwas „Anständiges“ lernen, das gebraucht wird, vielleicht nicht von mir, aber vom System? Dieser globale Wettbewerb, in dem es immer nur darum geht, möglichst erfolgreicher zu sein als alle anderen. Im Notfall auch mal den Ellenbogen auszufahren, frei nach dem Motto: „Schneller, höher, stärker!“ Soll das die Lösung sein?

Ich bezweifle das. Aber ich gebe auch zu, dass ich nicht weiß, was ich allein dagegen tun könnte. Jetzt, da das Abi vorbei ist, merke ich schnell, dass die ersehnte Ruhe nicht eintritt. Im Gegenteil. Es fühlt sich an, als stünde ein großer Sturm bevor. Der Sturm, den man Leben nennt.

Während der Schulzeit hatte man seine festen Abläufe. Manchmal störte man sich daran, und dennoch war die Schule ein Ort, der Beständigkeit vermittelte. Er glich einer eigenen Welt, die vielleicht nicht immer schön und einfach war, aber sie war da. Ein Sinnbild für Sicherheit. Jetzt spüre ich diese Sicherheit nicht mehr. Ich muss sie mir neu erarbeiten, diese Sicherheit, auf der ich dann die Bausteine für den Weg meines weiteren Leben setze. Und dennoch ist da die Gewissheit darüber, dass das alleine nicht ausreichen wird. Es gehört immer mehr dazu. Willkommen im Leben.

Wenn man mich jetzt also fragt: „Wohin des Wegs?“, dann antworte ich: „Geradeaus.“ Ich werde eine Geisteswissenschaft studieren, habe meinen Weg also klar vor Augen. Auch wenn mir bewusst ist, dass er wahrscheinlich anders verlaufen wird als geplant. Vielleicht nicht schlechter, aber doch anders.

Weitere Texte unserer Schülerreporter findet ihr unter www.tagesspiegel.de/zehlendorf

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