Werbinich : In ihm ist eine Insel

Das war’s, lieber Sido: Der Rapper Pzyko aus dem Märkischen Viertel hat etwas mehr zu erzählen

Laurence Thio

Pzyko liegt in der Hängematte am Strand, hinter ihm steht die Villa. Dort drinnen spielt die Frau mit dem Kind. Ort: eine Südsee-Insel vielleicht, abgeschieden von Lärm, Krieg und Hass. Geld hat er genug, braucht es aber gar nicht zum Glücklichsein…

So in etwa geht der Lieblingstraum von Pzyko, der im wirklichen Leben Julius heißt und 22 Jahre alt ist. Woher er das Geld dafür nehmen will, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen? Er will es mit Hip-Hop verdienen.

Pzyko hat ein weißes Cap auf dem Kopf, trägt eine kurze Baggy-Hose und sitzt im Hof des Xcom. Er spielt einige seiner Tracks vor, ab und zu rappt er den Text mit. Das Xcom liegt am Senftenberger Ring im Märkischen Viertel. Viele Jungen und Mädchen kommen in den flachen Betonbau, laute Hip-Hop- Musik wummert durch den Flur. Das Jugendzentrum ist zwar nicht das Paradies, aber schlecht ist es auch nicht.

Für Hip-Hop interessiert sich Julius, seit dem Schüleraustausch nach L.A. „Damals hat dort jeder gerappt, ungefähr so wie jetzt im Märkischen“, sagt er. Der Rap, den die Jungs hier machen, ist hart. Ihre Texte handeln von Drogen, Gewalt und Sex. Die Rapper nennen sich King Orgasmus, Bushido und Sido. Nimmt man Sido wörtlich, dann wohnen im Märkischen Viertel im zweiten Stock die Huren und im siebten die Dealer, so weit Sidos Einschätzung im Song „Mein Block“. Julius findet, dass Sido ein Lügner ist: „In der Provinz können sie den Leuten vielleicht das Großstadt-Ghetto vorgaukeln, hier im Viertel geht das nicht. Sido hören nur noch die Kinder.“ Das sagt auch Christian Schmidt, der Inhaber des Plattenladens Hip-Hop Records an der Schönhauser Allee: „Zu 90 Prozent kaufen die zwölf- bis 15-Jährigen Aggro-Platten. Selten sind die Kunden älter.“ Angeblich wohnt Sido gar nicht mehr im Märkischen Viertel, und eine Freundin habe er inzwischen auch: die zarte Doreen von Nu Pagadi.

Früher hat Julius ähnlich hart wie die Skandal-Rapper getextet. Doch anders als die meisten Rapper im Märkischen Viertel macht Julius keinen Battle-Rap. Er will niemanden dissen. Stattdessen erzählt er in seinen Lyrics die eigene Geschichte, und die handelt von einem Leben nach der Überdosis: Pzyko nennt sich Pzyko, weil er schon mal in einer geschlossenen Anstalt untergebracht war. „Mit 17 habe ich mir eine Überdosis LSD gegeben und bin vom Trip nicht mehr runtergekommen. Meine Mutter hat mich sofort einweisen lassen“, sagt Julius. „Ich wurde fixiert und man hat mir Haldol verabreicht.“ Haldol ist ein antipsychotisches Medikament, das stark dämpfend wirkt.

Er hat die Geschichte schon oft erzählt, fast ein wenig routiniert spricht er über die „Scheißzeit in der Klinik“. Er habe „überkrasse Horror-Trips geschoben“ und sei „voll abgesponnen“ – kaum kann er in Worte fassen, was ihm damals durch den Kopf gegangen ist. In der Psychiatrie hat er angefangen, Texte zu schreiben. Hier hat er das Freestylen gelernt: Meistens hat er mit Beats aus dem Ghettoblaster gegen die Ärzte und die Psychiatrie angerappt. Julius erzählt das belustigt, und trotzdem wird klar, dass er Dinge erlebt hat, die die meisten 22-Jährigen nicht kennen. Während seine ehemaligen Mitschüler Abitur gemacht haben, hatte er wirre Kriegsfantasien und Paranoia. Nach der Entlassung fing er wieder mit dem Kiffen an, sieben Mal wird er eingeliefert. Ein aberwitziger Kreislauf: Julius wird aus der Klinik entlassen, er fängt an zu kiffen und wird wieder eingeliefert. Das Spiel beginnt von vorn, insgesamt dauert es zwei Jahre. Julius feiert seine Geburtstage, Silvester und Weihnachten in der Jugendpsychiatrie.

Irgendwann beschloss Julius, „vollkommen auszunüchtern“. Er hat keine Drogen mehr genommen, weiter mit seinen Kifferfreunden abgehangen und immer „nein“ gesagt. „Letztendlich ist es eine Frage des Willens“, sagt er. Die Ärzte haben ihn inzwischen für gesund erklärt. Eine Zeit lang habe er sich jeden Morgen getestet: Bin ich in Ordnung? „Von LSD oder Pilzen lasse ich die Finger“, sagt er.

Julius kommt eigentlich aus bürgerlichem Elternhaus, die Mutter ist Zahnärztin, der Vater Hotelbesitzer. Früher haben Julius, seine Schwester und sein Bruder gemeinsam in Kreuzberg gewohnt. Als er 14 Jahre alt war, trennten sich die Eltern. „Meine Kindheit war nicht schwer, erst nach der Trennung wurde es kompliziert“, sagt Julius nachdenklich. Er sei mit der Mutter und der Schwester nach Reinickendorf umgezogen, finanziell ging es bergab. Die Konflikte mit der Mutter wurden schwerer. Mit 17 zog er aus.

Julius sitzt in seiner Zwei-Zimmer- Wohnung, überall liegen CDs herum, an der Wand hängt ein Plakat von Bob Marley. Er wohnt hier gemeinsam mit seiner Freundin und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bald soll sein erstes Album erscheinen. Es enthält einerseits ziemlich austauschbare Songs über das Kiffen, andererseits wird Julius immer wieder von der Vergangenheit eingeholt Einer der besseren Songs ist „Still?“, ein Lied über seine Psychose: „Ich danke selbst Gott im Regen/Ich konnte lange nichts sehen außer Gitter/In meinem Kopf ein psychotisches Gewitter/Bin ich wirklich ein Verrückter/Kamikaze ohne Ziel?“

Julius hat das Label FdK gegründet, was für „F*** deinen Kopf“ stehen soll, wenn der große Major-Deal mit Sony ansteht aber schnell in „Für die Kunst“ umbenannt werden soll, fügt er scherzend hinzu. Zusammen mit Freunden hat er schon mal an einem Hip-Hop-Sampler gearbeitet, das Projekt ist gescheitert, weil viele der Künstler nicht mehr gemeinsam veröffentlichen wollten. Julius hat sich viel vorgenommen: Er will Musik machen, gleichzeitig das Label leiten und andere Künstler produzieren.

Volkanikman, ein Berliner Reggae-Künstler mit dem Julius einen Song aufgenommen hat, glaubt, dass der Weg für Julius schwierig wird: „Der Junge hat Potenzial. Aber das Geschäft lebt derzeit vom Battle-Rap, also genau dem, was Julius nicht macht. Er braucht Disziplin.“

Julius’ Traum träumen viele Jungen im Kiez. Bei den meisten ist die Chance, dass er in Erfüllung gehen wird, gering: Der Hype um die Skandal-Rapper flaut ab. Julius versucht, sich auf die Realität zu konzentrieren: „Ich habe mal als Krankenpfleger gearbeitet. Es ist eine ehrliche Arbeit und ich helfe damit.“ Aber das Bild von der Trauminsel verschwindet nicht so schnell. Samstag tritt er ab 22 Uhr auf der Insel der Jugend auf. Und die liegt gar nicht so weit weg – in Treptow.

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