Werbinich : Indianer spielen

Wanja ist Zivi in der Prärie. Er kocht und bastelt täglich für 30 Kinder. Ein Bericht aus South Dakota

Wanja Malik[Eagle Butte]

Ein Mädchen starrt durch die Scheibe. „Hey Mimi, wie geht’s dir? Komm rein, jetzt ist Bücherstunde!“, sagt Liz. Sie ist zuständig für die Zivis im Jugendprojekt, und Mimi ist das erste Indianermädchen, das ich sehe. Liz holt ein Buch, es heißt „Buffalo Women!“, drückt es mir in die Hand und lässt Mimi, Daniel und mich allein. Zwei Zivildienstleistende an ihrem ersten Tag und ein geistig behindertes Mädchen – was tun, jetzt? Daniel ist mutig und fragt, ob er ihr vorlesen soll. Schüchtern sagt sie „okay then“. Das ist Mimis Lieblingssatz, ich werde ihn noch hundertmal hören. Mimi ist mit 22 Jahren geistig so weit wie eine Fünfjährige. Ihre Mutter war während der Schwangerschaft Alkoholikerin.

So begann mein erster Tag in South Dakota. Ein Jahr, gerade sind drei Monate davon vergangen, werde ich als Auslands-Zivildienstleistender im „Cheyenne River Reservat“ verbringen. Das Reservat ist ein wenig kleiner als das ganze Land Brandenburg, hier leben Nakota, Lakota und Dakota-Indianer. Es sind die Stämme, die oft als die „Sioux“ bezeichnet werden, sich selbst aber nie so nennen würden. Als ich ankam, sah alles so aus, wie ich mir die „großen Ebenen“ und die Armut in einem Indianerreservat vorgestellt habe: Hügellandschaften, ein ewig lang geradeaus laufender Highway. Das Jugendprojekt, für das ich arbeite, „The Main“, liegt im 5000-Seelen Ort Eagle Butte. Alles sah an diesem ersten Tag trostlos aus, trotz hellem Sonnenschein: Winzige Holzhäuser, davor Müll und verrostete Autos. Kinder sitzen am Straßenrand, Erwachsene sehe ich gar nicht. Dafür laufen wilde Hunde und Katzen herum.

Mein Tag hier beginnt um 11 Uhr morgens, meist mit Unkrautjäten im Biogarten oder Aufräumen in der Küche. Bis die Kinder um 15 Uhr kommen, bereiten wir fünf Volunteers, also freiwillige Helfer, Spiele und das Essen vor. Um 15 Uhr ist erst mal Bücherstunde, und danach gehen wir mit den Kindern raus: Etwa in die Pow-Wow Arena zum „Räuber und Gendarm“ spielen. Da finden ab und zu traditionelle Tänze statt, es ist ein altes Holzstadion, das einsam auf einem riesigen Feld steht. Oft basteln wir auch, letztes Mal Krepp-Papierblumen. Dazu gibt es nachmittags einen Snack. Als ich ankam, waren das vor allem Chips. Jetzt versuchen wir, öfter mal was Gesundes zu machen: Karottensticks mit Dip oder so. Ernährung ist hier nämlich eine Katastrophe. Viele sind dick, denn gutes Essen – Gemüse, Obst – ist teuer. Die Kinder laufen fast alle ständig mit Süßigkeiten in den Händen herum: Mit Lollys, Schokoriegeln, Marshmallows. Abends, nach dem Essen, legen wir den Kindern noch einen Film ein. Das fand ich anfangs echt komisch. Aber für Amerikaner scheint es normal zu sein, die Kinder regelmäßig vor den Fernseher zu setzen. „Findet Nemo“ und „Die Unglaublichen“ kann ich schon mitsprechen, so oft habe ich sie gesehen.

Das hört sich nicht besonders anstrengend an, oder? Das ist es aber. Tobende Kinder, Lärm, ständig alles im Blick haben zu müssen – manchmal fühle ich mich völlig erschöpft. Wie schön ist dann der Moment, wenn ich die Tür schließe, mich aufs Sofa setze und die Augen schließe!

Die Kinder sehen für europäische Augen ungepflegt aus: Fast allen läuft die Nase, viele haben gelb-schwarze Zähne und Zahnlücken, manche haben einen Monat lang denselben Pulli an. Süß sind sie trotzdem, es sind eben kleine Kinder.

Manche von ihnen riechen stark nach Urin. Für uns ist das ein Warnsignal. Denn der Uringeruch ist ein Nebeneffekt von Metamorphin, einer Droge, die viele Jugendliche hier aus Glasfasern selbst herstellen. Wir sollen darauf achten, ob ein Kind weitere Anzeichen für Drogenkonsum zeigt, also gläserne Augen oder Desorientierung. Wie Metamorphin hergestellt wird oder aussieht, weiß im Projekt kaum jemand, und viele interessieren sich auch nicht dafür. Das finde ich nicht richtig. Auch über die Kultur der Indianer, über das Reservat, weiß ich nur etwas von unserem Gärtner, der ist Indianer, und über das Internet. Den Kindern versuchen wir hier mit Büchern etwas von ihrer Kultur zu zeigen – bei ihnen zu Hause interessiert es kaum jemanden.

Täglich rufen Mütter an und erzählen, dass sie nichts mehr zu essen für ihre Kinder haben, dass ihr Dach kaputt gegangen ist oder dass ihr Auto nicht mehr fährt. Nicht immer können wir helfen. Aber „The Main“ organisiert viele Hilfsprojekte, den Resteverkauf zum Beispiel. Dabei verkaufen wir Kleidung und Küchengeräte günstig. Wenn sich die Eltern dann so sehr freuen, so dankbar sind – das sind die wunderschönen Momente hier. Oder das Vertrauen des Mädchens Meta. Sie ist sehr verängstigt – wenn sie glaubt, etwas falsch gemacht zu haben, kriecht sie unter den Tisch. Meta mag mich. Manchmal gehen wir zusammen schaukeln. Sie erzählt mir von zu Hause. Dass ihre Mutter sie nicht mehr haben wollte, und sie deshalb bei ihrer Oma lebt. Es ist schon sehr traurig, wenn dir eine Elfjährige so etwas erzählt. Meta hat mir ein Bild gemalt: Eine komische Figur, die ich sein soll, und darunter steht: „I like Wain better than the other vistors“. Wain, das bin ich, denn Wayne nennt mich hier jeder, Wanja ist schwierig auszusprechen für Amerikaner. Und die visitors, das sind die Volunteers. Ich bin also Metas Held. Der Zettel hängt jetzt über meinem Bett.

Ich genieße die Landschaft hier. Als vor kurzem ein Familienmitglied von mir gestorben ist, habe ich mich unter den Sternenhimmel gelegt und mich ganz klein, arm und zurückgelassen gefühlt. Das war auch irgendwie befreiend. Mir ist aufgefallen, das ich das Alleinsein sehr genießen kann. Vorher wusste ich das nicht.

Wie finde ich das Ganze? Ich weiß es noch nicht so ganz. Hierher zu kommen, war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Aber gerade fühlt sich alles nicht eindeutig positiv oder negativ an. Es ist einfach sehr unterschiedlich zu meinem Leben zu Hause. Schule, Sport, Freunde treffen, Kiffen – das gibt es nicht mehr. Alles ist eben anders. Einfach alles.

Aufgezeichnet von Jeannette Krauth

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