Werbinich : Integration ohne Alphabet

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Man kann dem statistischen Landesamt oder anderen Berliner Behörden gewiss nicht vorwerfen, sie verachteten Statistiken. Jahr für Jahr werden wir mit Zahlenkolonnen konfrontiert und staunen über die Akribie der Verfasser. Manchmal aber stößt man auf wichtige Sachverhalte, die einfach nicht erfasst werden.

Ein Beispiel ist das Heiratsverhalten der Berliner Türken. Wenn man wissen will, wie hoch der Anteil derer ist, die ihren Ehepartner nicht in Berlin suchen, sondern in der Türkei, bleibt man ohne Antwort.

Es sei doch gar nicht wichtig, wo die Ehepartner herkämen, begründete gestern ein Sprecher des Integrationsbeauftragten Günter Piening die Informationslücke. Entscheidend für die Integration sei die Schichtzugehörigkeit und nicht so sehr der Ort, an dem man aufgewachsen sei.

Um diese Auffassung anzuzweifeln, reicht ein Blick in eine Erhebung, die Bildungssenator Klaus Böger (SPD) jetzt veröffentlichte. Demnach haben zehn Prozent der Frauen, die zurzeit in den so genannten Mütterkursen Deutsch lernen, nie eine Schule besucht. Weitere 28 Prozent sind über die fünfte Klasse nicht hinausgekommen, weil sie in Ländern aufgewachsen sind, in denen es keine zehnjährige Schulpflicht gibt.

Wie kommt die Integrationsbehörde auf die Idee, dass diese Zusammenhänge nicht wichtig für die Integration seien? Dass es nicht wichtig sei, wenn ein großer Teil der Berliner Schüler Mütter haben, die nicht nur kein Wort Deutsch sprechen, sondern noch nicht einmal in ihrer eigenen Sprache alphabetisiert wurden. Die weder an Elternabenden teilhaben, noch ihren Kindern helfen können. Die Mütterkurse können den Schaden nur begrenzen, nicht abwenden.sve

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