Internet : Ich bin dann mal offline

Unser Autor lebte eine Woche ohne das geliebte Internet – wie erging es ihm damit? Ein Protokoll

Julius Wolf
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Verschlussache Laptop. Ohne Internet wird vieles komplizierter, aber unser Autor genoss die internetfreie Woche dennoch.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Mal hab ich es doch getan. Geht es denn überhaupt noch ohne, wenn man so daran gewöhnt ist? Ohne Internet? Ich habe es probiert. Eine Woche lang. In den Wochen zuvor war ich sehr viel im Netz, die Abiprüfung vorbereiten. Jetzt eine Woche Pause. Mindestens.

Von einer kleinen halben Stunde, lächerlichen 30 Minuten, abgesehen, habe ich es geschafft. Mein Anschluss ist so eingerichtet, dass ich im Internet bin, sobald der Computer an ist. Um ins Internet zu kommen müsste man nur noch den Browser öffnen. Und gerade das nicht zu tun, wenn man außer der Nutzung des World Wide Webs fast nichts anderes mehr mit seinem Computer macht, ist verdammt schwer.

Eine Woche hat 168 Stunden. Ich schlafe durchschnittlich sieben Stunden am Tag. Bleiben noch 119 Stunden. 119 Stunden ohne das gewohnte Netz. 119 Stunden, die auf diese Weise wesentlich langsamer vergehen.

STUNDE 7 BIS 24

Am ersten Tag, gleich nach dem Aufstehen wäre ich fast das erste Mal rückfällig geworden. Ich war mit Freunden auf dem Kreuzberg verabredet. Ich wollte wissen, wie das Wetter wird. Also habe ich den Computer angemacht, und schon www. eingetippt. Macht der Gewohnheit eben. Gerade rechtzeitig konnte ich mich noch bremsen. Und habe Radio gehört. Dabei musste ich 20 Minuten schlechte Musik ertragen. Unerträglich lange 20 Minuten. Nach den Nachrichten kam endlich der Wetterbericht. Sonne und um die 20 Grad sollte es geben. Die Information hätte normalerweise eine Minute und drei Klicks benötigt.

Am Abend wollte ich mit Freunden tanzen gehen. Nur wo? Kein Problem www. ... ach nee, geht ja nicht. Und man kann sich nicht mal über MSN absprechen. MSN ist ein Online Messenger mit dem wir uns über das Internet schriftlich unterhalten. Also mussten wir über Telefon erst mal herausfinden, wer eine Zitty zu Hause hat. Eine Stunde und ungezählte Telefonate später hatten wir einen Plan. Sonst wissen wir in knapp zehn Minuten, wo wir hingehen, was für Musik läuft und was der Eintritt kostet. Das steht alles auch in Zeitschriften, alle Infos zu sammeln, dauert aber wesentlich länger.

STUNDE 31 BIS 48

Gestern lag der Club so nah, dass ich zu Fuß gehen konnte. Gestern war mir nicht aufgefallen, was mir im Netz noch so dramatisch fehlt. Heute in der Früh pünktlich das Radio zum Wetterbericht eingeschaltet. Das Konzert für den Abend habe ich zuverlässig der Zeitung entnommen. Aber dann bin ich leider doch eine halbe Stunde zu spät gekommen. Und nach der Party wäre ich fast nicht mehr nach Hause gekommen. Und alles, weil ich meine Strecke nicht mit Hilfe der Seite der BVG planen konnte. Und morgen muss ich arbeiten.

STUNDE 55 BIS 72

Zu spät nach Hause gekommen, dank selbstauferlegtem bvg.de-Verbot. Gut, auch wegen mangelnder Disziplin, das Konzert zeitig zu verlassen. Wieder eine halbe Stunde zu spät und total übermüdet kam ich zur Arbeit. Die Arbeit: Ich liefere zur Zeit Essen für einen fahrenden Mittagstisch aus. Allerdings war das meine erste Fahrt seit ein paar Monaten. Ich kannte noch die meisten Kunden und die Anfahrtswege. Sechs neue Kunden. Die in Straßen wohnen, von denen ich noch nie gehört habe. Im Büro der Firma steht ein Computer, mit Internetzugang und mit der Möglichkeit, mir die Routen auszudrucken. Absolut nervtötend, ich darf es ja nicht benutzen. Also bin ich meine Tour mit einem völlig zerfledderten Stadtplan gefahren. Hat nur zwei Stunden länger gedauert als sonst. Am nächsten Tag hab ich mir dann die Pläne von meinem Chef ausdrucken lassen. Hat ja niemand gesagt, dass ich mir nichts aus dem Internet von jemand anders besorgen darf.

STUNDE 79 BIS 96

Ein ruhiger Tag. Die Essenslieferungen waren mit den Plänen aus dem Computer schnell erledigt. Das Wetter war zu schlecht für den Kreuzberg. Und zu Hause wurde es mir langweilig, unfassbar langweilig. Warum nicht einfach schnell mal MSN anmachen und schauen, wer so da ist? Nur kurz mit irgendwem reden. Oder mal bei Myspace nachsehen, ob ich neue Nachrichten habe. Nein! Die Menschheit ist früher auch ohne Internet ausgekommen, das muss doch zu schaffen sein. Also weiter langweilen. Mein Vater meint ja, ich könnte die Zeit der Langeweile doch nutzen, um mal mein Zimmer aufzuräumen, oder, wie er sagt, in einen der Menschenwürde entsprechenden Zustand zu versetzen. Den Abwasch spülen oder die Wäsche waschen und aufhängen, das wären auch so Dinge, die mein Vater für lohnenden Zeitvertreib erklärt hat. Ich habe stattdessen mal wieder den „Herrn der Ringe“ aus dem Regal geholt. In ein paar Stunden habe ich die Hälfte des ersten Buches durchgelesen. Das geht gut, wenn man nicht den Ablenkungen eines laufenden Computers erliegt. Lesen in Büchern ist schön.

STUNDE 103 BIS 120

Am fünften Tag wurde ich von drei Freunden angerufen, die alle verwundert wissen wollten, warum ich seit Tagen weder bei Myspace noch bei MSN anzutreffen sei und warum ich nicht auf ihre Nachrichten und E-Mails antworte. „Danke, Leute. Habe ich doch gesagt. Ich geh eine Woche nicht ins Internet.“ Dafür haben sie mich dann ausgelacht. Auch hätte ich es gar nicht mitgeteilt, also weder bei Myspace noch per MSN. Mündliche Absprachen sind offensichtlich altmodisch und werden überhört. Meine Internetaskese wurde also als völlig sinnfrei abgestempelt. Auf die Frage warum sie sich denn nicht früher telefonisch gemeldet hätten, wenn sie mich sprechen wollten, kam die Antwort: „Wozu denn? Wir haben ja Internet!“ Telefonieren ist eben auch altmodisch.

STUNDE 127 BIS 144

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, ohne Internet zu leben. Die Situationen, in denen ich mich aufrege, weil etwas länger dauert als sonst oder weil ich einfach schnell ins Netz will, werden weniger. Heute saß ich alleine auf dem Kreuzberg und habe Zeitung gelesen, den Tagesspiegel, den Spiegel. Komplett. Auch die Sachen, die ich sonst überblättern würde. Ich habe noch nie eine Zeitung von vorne bis hinten gelesen. Sollte man öfter machen, gar nicht schlecht. Man fühlt sich danach so gut informiert.

Abends habe ich zusammen mit meinem Vater gekocht. Er versucht gerade, sein Talent in der Küche an mich weiterzugeben. Bei der ersten selbstgebackenen Pizza und dem ersten Risotto mit Meeresfrüchten hat das ganz gut geklappt. Aber das Rindergulasch heute schmeckte nach nichts. Dabei habe ich alles so gemacht, wie es im Kochbuch stand. Vielleicht hätte ich im Internet ein anständiges Rezept gefunden. Spaß hat es trotzdem gemacht.



STUNDE 151 BIS 168

Immer wieder gibt es aber noch Situationen, in denen es mich schier kribbelig macht, dass ich nicht ins Netz kann. Ich hab heute sogar die Gewürzregale in der Küche angebracht. Darum hatte mein Vater mich schon seit Wochen gebeten. Man muss sagen, dass mir wirklich schon krass langweilig war. Und dann ist es doch passiert: Am letzten Tag. Ich musste einfach ins Internet. Zu meiner Entschuldigung ist zu sagen, dass ich eine E-Mail mit Fotos für diesen Text erwartete. Also musste ich kurz ins Internet. Internet. Informationsquelle. Langeweilevertreiber und Unterhaltungsmedium. Ich war kaum drin, schon klingelte es von überall. Neue Nachrichten hier. Verpasste Gespräche bei MSN dort. 32 neue E-Mails. Eigentlich wollte ich nur kurz meine Fotos runterladen. Das Ganze hat eine halbe Stunde gedauert, weil ich mich, wie schon so oft, einfach im Web verloren habe. Dann war der Anfall vorbei.

Und nun? Es geht absolut auch ohne Internet. Es geht sogar sehr gut. Aber mit www ist vieles doch wesentlich bequemer und schneller. Aber eben nicht so lustig und so lebendig. Eine Woche ohne Internet. Ich kann es nur weiterempfehlen!

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