Internetaktivisten : Der Netzstecker

Philipp, 16, erklärt im Internet Anwendungen fürs Handy. Mittlerweile reißen sich große Firmen um ihn

Jeannette Krauth

Es gibt zwei Videos, sie zeigen die rasante Veränderung in Philipp Riederles Leben. In dem einen sitzt ein 14-jähriger Junge in seinem Kinderzimmer, an seiner Türe hängt ein Schild: „Betreten der Baustelle verboten“. In dem Clip packt er sein neues Handy aus, ein bisschen umständlich, er guckt weg von der Kamera, schweigt mal zu lange, wiederholt sich. Das zweite Video ist Podcast Nummer 132 auf Philipps Internetseite. Philipp ist nun 16. Er steht in einem Studio mit blauem Hintergrund, es laufen Jingles. Die Atmosphäre schwankt zwischen N-TV und MTV, eine Spur Kika vielleicht.

In Folge 132 geht es um das Thema „Wecktöne“, darum, wie man sich per App mit seinem Lieblingslied wecken lassen kann, das bekommt das Telefon nämlich von sich aus nicht hin. Zack, das Videobild teilt sich, nun ist rechts Philipp zu sehen, links das Handydisplay und er unterrichtet Schritt für Schritt, wie das Wecken per Lied funktioniert.

Aus dem 14-Jährigen ist ein Profi geworden. Und ein Internetstar. Philipp Riederle veröffentlicht jede Woche Podcasts, in denen er Funktionen für iPhone und iPad erklärt, Zubehör vorstellt oder Konkurrenzprodukte. 30 000 Leute schauen sich seine Videos an, mehr als 2000 Menschen sind Facebook-Fans von Philipps Homepage. So detailliert und verständlich zeigt er die Funktionen, dass viele Zuschauer über 50 Jahre alt sind. Seine Klickraten haben ihn so bekannt gemacht, dass er von Universal Music und der Telekom eingeladen wird, Vorträge zu halten. Er wird gerufen, um der älteren Generation die neue Welt zu erklären.

Philipp kommt aus einem 8000-Seelen-Ort zwischen München und Stuttgart. Die nächste große Stadt ist Ulm, 50 Kilometer entfernt. Das spannendste, was es in der Nähe von Philipps Wohnort gibt, ist Legoland. „Hier brauchst du für den kleinsten Weg den Fahrdienst Mama“, sagt er. Er lebt mit seinen Eltern, seinen Brüdern Linus, 13, und Thilo, 6.

In wenigen Tagen kommt er nach Berlin, seine Standardreise nach Weihnachten: Der Chaos-Computer-Club trifft sich im Congress Center am Alexanderplatz, 3000 Besucher werden erwartet. „Eine Konferenz bei der zwischen den Normalos auch die typischen Hacker rumlaufen: Leute mit fettigen Haaren, die nie das Tageslicht sehen und ein Mal im Jahr aus ihrer Höhle rauskriechen – das ist super!“, sagt Philipp. Er kommt, um Kontakte zu knüpfen und sich Vorträge anzuhören.

Philipp ist kein Freak, der nur vorm Rechner gammelt. Aber vielleicht hat die Einsamkeit seines Wohnorts dazu beigetragen, dass er sich „schon immer“, wie er sagt, für Technik interessierte. Er verbrachte viel Zeit bei seinem Opa, einem Hobbyfilmer. „Ich habe Natur- und Urlaubsaufnahmen vertont“, erzählt Großvater Eugen Hieber, „mit zwei Jahren hatte Philipp schon Kopfhörer auf, mit vier hat er Diavorträge besprochen, mit sechs Jahren hat er mir gezeigt, wie man eine Videokamera bedient, nicht umgekehrt.“

Daraus ist ein Job geworden, und der hat viel mit der Firma Apple zu tun. Doch Philipp wird nicht von Apple gesponsort. Als er sein erstes iPhone bekam, ärgerte er sich über die schlechten Clips dazu auf Youtube. „Ich kann das besser als diese verpixelten Dinger“, sagte er sich und fing an, Erklärvideos zu drehen. Er richtete sich eine eigene Homepage ein, www.meiniphoneundich.de.

Im einstigen Partykeller der Großeltern richtete sich Philipp ein Studio ein. Anfangs erzählte er niemandem von seinen Podcasts. „Ich wollte nicht noch dumme Sprüche in der Schule riskieren“, sagt er. Das Ganze sei ein Einzelkämpferprojekt, „und das soll es auch bleiben“, sagt Philipp. Er hat da aber auch noch eine andere Seite: Er hört viel Coldplay, mag Snowboarden, liest gerne Bücher von Daniel Glattauer, das ist der, der zwei E-Mail-Romane geschrieben hat, die das rauschhafte Verlieben von Emmi und Leo erzählen.

Mittlerweile verdient Philipp mit seinem Hobby Geld, Kabel 1 oder O2 werben auf seiner Homepage. Seit Anfang dieses Jahres macht er alles hochoffiziell, mit einer eigenen Firma. Bis 17 Uhr besucht er die 10. Klasse eines Gymnasiums, danach ist er Unternehmer. Mit dem Erfolg bleiben die Neider und hässliche Gästebucheinträge nicht aus. Schwierig? „Phipz ist schmerzbefreit, was Vorurteile anderer angeht“, sagt Elmar, ein Freund und Blogger. Ansonsten sei Philipp unheimlich neugierig und wolle alles ganz genau verstehen, das mag er an ihm. Vor einiger Zeit wurde der Traffic auf Philipps Seite zu groß, ihm wurde der Server gekündigt. „Er stand mit seinem Podcast also auf der Straße.“ Da half Elmar, bot ihm einen Platz auf seinem Server an.

Philipp wird von großen Konzernen zu Vorträgen eingeladen, die heißen dann etwa „Ihr wollt wissen, was wir brauchen? Das Kommunikationsverhalten der Digital Natives“. Und nächstes Jahr steht eine Reise nach London an, zu Universal Music. Dort wird er erklären, warum „reines Fernsehmarketing für meine Generation scheiße ist“.

Mal 16 und aus dem Provinzkaff, mal tonangebend für Menschen mit dreifach so viel Lebenserfahrung: So ist Philipps Leben. Die Bloggerin Anna-Lena Raduenz beschreibt sein Geschick anhand eines Erlebnisses. Sie erzählt von einer Konferenz, bei der Philipp zehn Minuten nach Beginn seines Vortrags von seiner Nervosität berichtete und von dem Armband seiner Freundin, das er bei solchen Auftritten stets dabei habe. Es gäbe ihm das beruhigende Gefühl, sie sei mit auf der Bühne. Dann hielt er kurz inne und fragte die Anwesenden: „Was habe ich gerade gemacht?“ Er rief die nächste Powerpoint-Folie auf. Dort stand: „Nähe aufbauen.“ Hinter der vermeintlichen Schwäche steckte eine perfekte Social-Media-Kommunikationsstrategie. Anna-Lena war beeindruckt: „Hut ab! So klein und schon so groß!“

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