Interview : „Das Wettrüsten der Lebensläufe muss aufhören“

Warum Buch-Autor Sebastian Christ davon abrät, Praktika zu horten und den Erwartungen von Arbeitgebern gerecht zu werden

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Ex-Praktikant: Sebastian ChristFoto: Doris Poklekowski

Der Protagonist deines Romans „… und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute! Ein Leben als Praktikant“ macht gerade sein siebentes Praktikum. Auch dein eigener Lebenslauf ist gut gerüstet – wie viele waren es bei dir?

Acht, auch wenn die Geschichte meines Protagonisten nur bedingt etwas mit meiner zu tun hat. Die Orte im Roman habe ich wirklich gesehen und auch die Rahmendaten erinnern stark an meinen eigenen Lebenslauf. Doch meine Erfahrungen waren größtenteils positiv. Die meisten Praktika habe ich gemacht, weil ich Lust drauf hatte und nicht weil ich geglaubt habe, dass ich es muss.

Ist der Leistungsdruck von außen schuld, dass viele glauben, eine möglichst stramme Vita vorweisen zu müssen?

Es ist kein eindimensionales Problem: Auf der einen Seite die bösen Unternehmen, auf der anderen die ausgebeuteten Praktikanten. Natürlich sind die gesellschaftlichen Erwartungen hoch: Berufseinsteiger sollen fertig ausgebildet sein, Erfahrungen mitbringen, drei Fremdsprachen, etliche Auslandsaufenthalte. Es gibt aber auch eine Eigendynamik, die von den Praktikanten selbst ausgeht. Viele sind bereit, alles mitzumachen. Also wird die Konkurrenz untereinander immer stärker, die Erwartungen von außen immer höher. Solange niemand den Mut hat, aus diesem Wettrüsten der Lebensläufe auszusteigen, wird die Spirale sich immer weiter drehen.

Aber genau das ist doch die Angst: Wer nicht mitmacht, bleibt auf der Strecke.

Nein! Viele Chefs schätzen Bewerber, die keinen geradlinigen Lebenslauf haben. In der Masse von gut ausgebildeten Absolventen mit glatten Biographien sind mehr denn je Persönlichkeiten gefragt. Wer sich selbst nach den Erwartungen anderer richtet, macht sich als Bewerber erwartbar und uninteressant.

Praktikumspläne also ruhig gegen eine Reise um die Welt eintauschen?

Es gibt keine Pauschalstrategie. Jeder hat seinen persönlichen Fahrplan fürs Leben. Manche müssen vielleicht reisen, um sich selbst zu finden. Manche jobben. Oder ein halbes Jahr nichts tun. Auch Praktika können weiterhelfen. Es ist aber nicht sinnvoll, wahllos Qualifikationen zu horten, nur um die Biographie aufzupimpen. Das ist Selbstbetrug.

Dein Roman spielt in der Redaktion eines renommierten Magazins. Praktikanten werden dort eingestellt  für Aufgaben, auf die niemand sonst Lust hat. Welche Verantwortung tragen die Unternehmen für die Praktikanten?

Firmen sollten nur dann Plätze ausschreiben, wenn sie wirklich Unterstützung brauchen. Zuguck-Praktika, bei denen man nur seine Zeit absitzt, bringen beiden Seiten nichts. Das andere Extrem – unterbezahlte Vollzeitstellen – ist aber auch falsch. Unternehmen können von Praktikanten profitieren. Sie müssen sie aber auch wertschätzen. Generell bin ich für Praktikantenmindestlohn. Natürlich würden dann Plätze noch knapper. Aber das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Dann hätten viele mehr Zeit für andere Sachen, die in der Jugend erledigt werden müssen – vor lauter Karriereschmieden aber oft vernachlässigt werden.

Dein Held hat für die berufliche Zukunft die Gegenwart geopfert– sein Privatleben. Unglücklich beendet er sein Praktikantendasein mit einem großen Knall. Wäre ihm dieser Bruch erspart geblieben, wenn er vorher mehr Zeit für sich gehabt hätte?

Ich will nicht den 25-Semester-Studenten hochleben lassen, der bis zur Midlifecrisis damit beschäftig ist, Orientierung zu finden. Es ist nicht falsch, schon früh zu wissen, wohin man später beruflich will und darauf hinzuarbeiten. Man darf aber nicht sein gesamtes Leben davon bestimmen lassen. Ich bin der Meinung, dass wir generell ein falsches Verhältnis zu Karriere haben. An der jetzigen Krise sieht man doch ganz gut, dass sich dieses „Höher, schneller, weiter“ überlebt hat.

Sebastian Christ, 28, lebt als Journalist in Berlin. Sein Buch „...und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute! Ein Leben als Praktikant“ ist soeben erschienen (Goldmann Verlag, 7,95 Euro). Das Gespräch führte Wlada Kolosowa

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