Jesus Freaks in Berlin : Man glaubt es kaum

Sie hören Techno und tragen Tattoos: Die „Jesus Freaks“ sind Jugendkultur und Religionsgemeinschaft in einem. Es gibt konservative und liberalere Mitglieder – wie in anderen Gemeinschaften auch.

Janina Guthke
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Gott sei dank. Frauke (rechts) ist seit acht Jahren bei den Jesus Freaks und kommt inzwischen mit ihrer Tochter.Foto: Uwe Steinert

Sonntagnachmittag in Berlin in einer typischen Ecke in Prenzlauer Berg: Zwei Punks sitzen auf der Straße, Kleinfamilien ziehen vorbei und Fahrräder stehen, rollen, liegen, wohin der Blick auch fällt. In der kleinen Open-Doors-Gemeinde in der Zelterstraße ist schon mächtig was los, während die Sonne durch große Fenster in die kleinen spartanisch eingerichteten Räume scheint. Während andere junge Menschen um diese Zeit den Ausgehrausch vom Vorabend ausschlafen und andere Kirchgänger längst mit ihrer Familie am Kaffeetisch sitzen, treffen sich hier die „Jesus Freaks“ zum Gottesdienst. Sie nennen ihn „Godi“. Oder „Jesus-Abhäng-Nachmittag“.

Titus spielt Gitarre und singt von Jesus. Seine Lieder klingen wie Rocksongs

Ein Holzkreuz an der Wand, die Stühle in ordentlichen Reihen, eigentlich sieht alles aus wie in einer typischen Gemeinde. Doch die Jesus Freaks passen den Raum schnell ihren eigenen Vorstellungen an: Stühle und Rednerpult werden zur Seite geräumt. Und auch mit ihrem Erscheinungsbild unterscheiden sich die Anhänger der freichristlichen Bewegung von den Gemeindemitgliedern anderer religiöser Gruppen. Man sieht glatzköpfige Männer mit modisch getrimmten Bärten, großflächigen Tattoos, Piercings. Zwischendurch laufen kleine Kinder umher. Die Stimmung erinnert an eine entspannte Familienfeier.

Während Johannes, 24, und einige andere in der kleinen Küche selbst gemachte Pizza vorbereiten, hängt sich Titus seine Gitarre um und spielt sich warm. Auf dem Korpus der Gitarre steht ein einziges Wort: Jesus. Davon handeln auch die Texte, doch die Melodien erinnern eher an Rock als an die Kirche.

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer modernen, zeitgenössischen Form von Religion, die die Jungs und Mädchen zu den Jesus Freaks treibt. Woran soll man noch glauben, wenn nichts um einen herum mehr sicher scheint? In Zeiten der Krise und Unsicherheit suchen sie nach Orientierung, nach Halt.  „God is a DJ“ lautet der Titel eines großen Hits der sogenannten Nullerjahre. Darin heißt es: „This is my church / this is where I heal my hurts.“ Religion als das, was man selbst draus macht.

Jeder packt selbstverständlich mit an bei den Freaks, es geht schließlich um Gemeinschaft und Jesus. Das meint zumindest Frauke. Seit 2001 ist sie dabei, sitzt inzwischen im geistlichen Vorstand und bringt ihre Tochter zu den Gottesdiensten mit. Dennoch ist die Fluktuation in der Gruppe recht hoch. Das liege vor allem an der unruhigen Stadt Berlin, erklärt die 28-Jährige. Viele ziehen weg, andere zieht es irgendwann in eine „gediegenere“ Gemeinde, jeden Sonntag tauchen neue Gesichter auf.

Der Gottesdienst fängt mit Verspätung an, doch daran stört sich niemand. Titus nimmt die Gitarre wieder in die Hand, die Liedtexte werden zum Mitsingen per Projektor an die Wand geworfen. Die Freaks setzen oder legen sich auf den Boden, einige bleiben stehen. Andere werden später tanzen. Ganz für sich. Wie in Trance. Manche singen laut, andere hören nur zu, den Kopf auf den Knien. Weit weg lauschen sie den Songs, die alle von Jesus handeln – in Rockmanier.

Dann ist Lisa dran, die Gastpredigerin von „Jugend mit einer Mission“. „Ich gehe davon aus, dass ihr eure Bibeln nicht dabei habt“, sagt sie scherzend, „aber keine Angst, ich frage euch nicht ab.“ Die Freaks lachen, die Atmosphäre ist entspannt. Ihre Predigt handelt vom Durchhalten, von Disziplin. Kein Thema, das man hier unbedingt erwarten würde. Lisa spricht davon, wie man immer wieder versucht ist, wegzulaufen. Sie sieht sich um. Viele ihrer heutigen Zuhörer hatten es nicht immer einfach in ihrem Leben.

Das Thema ist ernst, doch die Stimmung ist locker. Lisa spricht auf Englisch. Als die Übersetzerin „stoned“ mit gesteinigt übersetzt, geht ein Kichern durch die Reihen. Doch die Freaks hören zu, das zählt. Nach der Predigt herrscht Stille, Gedenken, Gebet. Dann folgt Organisatorisches: Während die freiwilligen Köche die Pizza aus der Küche tragen, erzählt Hannes (25) von den Fortschritten in der Kindl-Brauerei in Neukölln, wo die Freaks in Zukunft ihren Gottesdienst abhalten wollen. Zurzeit sind die Räume noch eine reine Baustelle, doch das soll sich auch mit Hilfe von Freaks aus anderen Städten bald ändern.

Loveparade mal anders: Die Freaks halten regelmäßige Festivals ab

Die Jesus Freaks gibt es nicht nur in Berlin. Gegründet wurde der deutsche Ableger der internationalen Freaks 1991 von Martin Dreyer in Hamburg. Schnell gab es Gruppen in anderen Städten. Einer Schätzung zufolge gehören deutschlandweit etwa 2000 Mitglieder den Freaks an. Einmal im Jahr treffen sie sich beim Freakstock Festival in der Nähe von Kassel. Sie feiern ihren Glauben. Und das Leben. Die Musik dazu liefern verschiedene DJs. Sie spielen Drum’n’Bass und Techno. Es ist eine Mischung aus Loveparade und Passionsspiel.

„Wir machen hier in Berlin aber unser Ding“, sagt Frauke. Verpflichtet sei man nur dem Sechs-Punkte-Plan der Nationalen Jesus Freaks, der vor allem eines beinhaltet: Den Glauben an Jesus. Doch die Bewegung hat auch negative Schlagzeilen gemacht. Die Freaks würden konservatives Gedankengut in ein modernes Gewand stecken, heißt einer der Vorwürfe. Kritiker machen sich über möglichen Gruppenzwang durch emotionalen Druck und die Ablehnung von Homosexualität und Abtreibung Sorgen.

Es fällt schwer, an Zwang zu denken, während bei Pizza und Bier über die „stoned“-Übersetzung gelacht wird. Es scheint konservative und liberalere Mitglieder zu geben – wie in anderen Gemeinschaften auch. Themen wie Sex vor der Ehe und Homosexualität werden auch intern äußerst kontrovers diskutiert, erklärt Frauke.

Eigentlich sind die Jesus Freaks wie jede andere Gemeinde. Nur lässiger und ein bisschen unkonventioneller. Ihre Taufe habe sie im Stadtbad Neukölln gehabt, erzählt Frauke. Es gehe ihnen vor allem um Menschen am Rande der Gesellschaft. Deshalb verteilen sie Essen am Kottbusser Tor und suchen Kontakt zu Menschen, die es schwierig haben.

Doch nicht alle Jesus Freaks sind abgewrackt oder arm. Nach dem Treffen unterhält sich ein junger Theologiestudent mit einer Software-Entwicklerin, die leicht beschämt von ihrer ersten eigenen Visitenkarte erzählt. „Man muss kein Freak sein, um ein Jesus Freak zu werden. Jeder kann hier mitmachen“, sagt Frauke. Nur an Jesus sollte man schon glauben.

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