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Jugend macht Politik. Teil drei : Nachwuchs für die Freibeuter

29.11.2012 16:47 UhrVon Paula Leocadia Pleiss
Ein Pirat in der Kinderbetreuung. Bunte Bälle sollten den Nachwuchs auf dem Parteitag der Piraten im November bei Laune halten.Bild vergrößern
Ein Pirat in der Kinderbetreuung. Bunte Bälle sollten den Nachwuchs auf dem Parteitag der Piraten im November bei Laune halten. - Foto: dpa

Sie nennen sich Jupis und sie twittern für eine bessere Welt. Paula Leocadia Pleiss, 17, hat die jungen Piraten im real life getroffen.

Piraten haben kein Segelschiff. Sie fahren S-Bahn und sind ebenso wie alle anderen Normalsterblichen den Gezeiten der öffentlichen Verkehrsbetriebe ausgesetzt. Und so wartet Paul Meyer-Dunker, der Vize-Vorsitzende der Jungen Piraten, an einem S-Bahnhof in Berlin-Lichterfelde.

Paul ist nicht schwer zu erkennen: Er ist Anfang zwanzig, groß und trägt, wie man es von einem ech­ten Piraten erwartet, seine Haare lang. Seit dem Sommer 2009 sei er Mitglied bei der 2006 gegründe­ten Piraten Partei Deutschland, in dem Jahr, in dem diese erstmals ihr Programm verschriftlichte und sich laut Paul „quasi neu erfand“.

Sein Aussehen und sein Enthusiasmus für eine junge Partei, wie es die Piraten sind, scheinen nicht ganz hierher zu passen, in das gutbürgerliche Lichterfelde. Er steigt in die nächste einfahrende S-Bahn Richtung Nordbahnhof, dorthin, wo das Hauptquartier der Piraten liegt. Die Piraten treffen sich also auch im echten Leben, im sogenannten „real life“. Bei überre­gio­nalen Themen versammeln sie sich aber auch gerne im „Mumble“.

„Mumble“ ist eine Plattform, die einen fiktiven Raum im Internet für Online-Treffen zur Verfügung stellt, damit jeder Pirat an jedem Ort zu jeder Zeit weiß, was besprochen wird. Doch lokale Konferenzen laufen im „real life“ ab: Heute soll ein Themenstammtisch zu den Themen „Drogen und Sucht“ stattfinden.

Auf dem Weg dorthin erklärt Paul, dass das Internet doch irgendwie allumfassend sei und daher ein wichtiges Element für die Politik. Schließlich sei es ein Mittel, um politische Aktivität zu vereinfachen und sie transparenter zu gestalten. Da ist er also: Transparenz, der Begriff, den sich die Piraten groß auf die Fahnen geschrie­ben haben. Lange Zeit war die Bedeutung des Wortes, wie es die Partei ge­brauchte, jedem unklar – auch den Piraten selbst. Vielleicht geht es auch heute noch vielen so. Paul versteht darunter die Aufklärung der Bürger über politische Prozesse in verständlicher Sprache, um jedem einen Zugang zu den Geschehnissen und Mitsprache zu ermöglichen. Und er hofft, dass an­dere das auch so sehen.

Die S-Bahn, in die Paul gestiegen ist, ist nicht sehr voll. Dennoch sitzen ihm zwei junge Frauen gegen­über, und irgendwann spricht er sie an: „Seid ihr von der Grünen Jugend?“ Ein Lachen und ein „Ja“ sind die Antwort. „Ich habe euch von der Grünen Jugend reden hören und irgendwie sieht man es euch ja auch an.“ Die Frauen tragen in Erdfarben und Grüntönen gehaltene Kleidung, locker zusammengebundene Haare und stimmen Paul lächelnd zu. „Ich bin von den Piraten. Hab‘ mich auch für euch interessiert, aber ihr wolltet mich ja nicht. Vielleicht sehen wir uns ja bald mal bei den Jungen Grünen?“

Paul erklärt, dass viele Piraten gerne zusätzlich bei den Jungen Grünen aktiv wären, dass diese aber nur eine Parteien-Mitgliedschaft zulassen. Er als Vize-Vorsitzender sei jedoch ohnehin häufig bei gro­ßen Treffen anderer Jugendorganisationen von Parteien anwesend. „Ich glaube, dass die uns schon als Konkurrenz sehen, was eigentlich schade ist, da wir ja auch teilweise als Interessenpartner zusammenarbeiten könnten. Aber selbst die Grünen sind mittlerweile eine etablierte Partei, und zu denen stellen wir eine Alternative dar. Wir sind eben jünger. Trotzdem ist es uns möglich, zumindest die Jugendorganisationen an einen Tisch zu bekommen. Das Verhältnis der Piraten zu ande­ren Par­teien ist dafür unbelastet genug.“

Als Paul an der S-Bahnstation Nordbahnhof aussteigt, hat er es eilig. Er ist viel zu spät dran, doch das macht nichts. Nach einem kur­zen Weg durch das kühle, nachmittägliche Berlin stößt er die Tür zum „JuPi“-Hauptquartier auf. In dem dämmrigen Raum sitzen eine Hand voll Jungs im Alter von 15 bis 25 Jahren vor halbleeren Club-Mate-Flaschen und hell erleuchteten Laptop-Bildschirmen. Sie klackern mit den Tasten, während ein anderer spricht. Er scheint die Sitzung zu leiten.

Ansonsten scheint die „JuPi“-Zentrale ein Ladenlokal zu sein, das man mit Piraten-Postern ge­schmückt hat: Der Hauptraum, in dem die Versammlung stattfindet, ein Büroraum, eine Küche und ein Hinterzimmer. Paul lacht: „Im Hinterzimmer werden alle wirklich wichtigen Dinge besprochen.“ Dann setzt er sich schnell an den Tisch und zieht ein Notebook aus seiner Tasche. Schon nach wenigen Sekunden tippt er genau wie alle anderen monoton vor sich hin. „Nebenbei schreiben wir ein Live-Protokoll und twittern, damit jeder überall und immer darüber informiert ist, was hier gerade läuft“, erklärt er.

Paul ist ganz versunken in die Aufgabe, sich der Welt mitzuteilen, als er unvermittelt von einem ebenfalls langhaarigen Jungen Piraten auf seinen Bericht zum Thema „Einstellung der Piraten zu illegalen Drogen“ angesprochen wird. Sehr souverän fasst er den Standpunkt zusammen: Prinzipiell sei die Mutterpartei für die Legalisierung von bestimmten Drogen, nachdem man ihre Gefährlichkeit beziehungsweise Gesundheitsschädlichkeit eingeschätzt, Aufklärung geleistet und Anlaufstellen für Notfälle realisiert habe.

Offenbar sind Piraten multitaskingfähig: Sie können virtuell und real zur gleichen Zeit kom­munizie­ren. Nach Pauls Be­richt ist die Piraten-Sitzung auch schon fast vorbei. Die Jungs nehmen ihre Laptops und schließen sie im Hinter­zimmer an. Was hier besprochen wird, hat nur noch wenig mit den Piraten zu tun. Es geht um den Alltag und allgemeine politische Ansichten. Es wird viel gelacht und viel getwittert. Und irgendwann werden auch die Jungen Piraten ihre Laptops zuklappen und mit der  S-Bahn nach Hause segeln.

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