Jugend und Medien : Hallo? Ist da wer?

Wir haben SMS und Chatrooms, Computerspiele und die Möglichkeit, jeden Augenblick zu fotografieren. Was das aus unserem Alltag macht.

Laptop
Die Jugend ist vernetzt. -Foto: pa

Wie beeinflussen Medien unseren Alltag? Wie nutzen wir sie, wie oft, welche? Und was haben Medien mit unseren Eltern und Freunden zu tun? Vor allem nach der letzten Frage sind uns direkt Internetcommunitys wie SchuelerVz eingefallen. Was nützen die? Und ab wann verletzt man die Privatsphäre? Wir sind eine Gruppe von Schülern zwischen 14 und 19 Jahren, einmal im Monat treffen wir uns und diskutieren. Zum Thema "digitale Welt" ist uns eine Menge eingefallen, zum Beispiel Killerspiele sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Aber machen die wirklich aggressiv? Und die harmlos erscheinenden Handys - sie können Freundschaften zerbrechen, wenn man die Botschaften nur falsch interpretiert. Deshalb benutzen wir immer häufiger Smileys, um Ironie oder Emotionen auszudrücken. Aber können wir uns überhaupt noch ohne solche Zeichen ;) verständigen? Sicher ist, dass Medien großen Einfluss auf uns haben. Jetzt gehen wir dem Thema mal auf den Grund. Sind die digitalen Ausdrucksmöglichkeiten wirklich so schlecht wie ihr Ruf?
Viktor Kewenig, 14 Jahre


Stimmungskiller

Schilling
Charlotte Schilling -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf jedem Konzert stehe ich vor einer großen Entscheidung: Einerseits möchte ich mich am liebsten sofort in die tanzende Menge stürzen, andererseits jede Sekunde für die Ewigkeit festhalten. Den Fotoapparat habe ich schon in der Hand. Ich entscheide mich normalerweise für das Fotografieren und erlebe das Konzert hinter der Linse oder auf dem Bildschirm meiner Digitalkamera. Von dem schönen Abend bleiben mir ungefähr 200 verschwommene Fotos und ein paar flüchtige Erinnerungen von vereinzelten Blicken über die Kamera hinweg. Den Augenblick genießen und gleichzeitig fotografieren - ist das überhaupt möglich?
Ähnlich ging es mir während meiner Konfirmationsfahrt, von der ich euphorisiert und mit 1025 Fotos auf meiner Kamera wiederkam. Diese Fotos warteten dann alle darauf, bearbeitet oder gelöscht zu werden. Für dieses lange Prozedere fehlten mir Lust und Zeit, also verschwanden alle Bilder, wie sie waren, auf der Festplatte meines PCs und gesellten sich dort zu meinen geliebten Urlaubserinnerungen und allen Fotos, die ich sonst so mache. Dort dürfen sie nun warten, bis ich einmal Zeit haben werde, all diese Bilder säuberlich zu bearbeiten, zu löschen oder an ihnen herumzuexperimentieren. Diese Menge an Daten passt auf keinen Stick, kann nicht einfach mal schnell meiner besten Freundin gebrannt werden (finde mal eben schnell eine CD, auf der so viele Daten gespeichert werden können) und wird vor allem nie mehr von jemandem angeschaut werden. Jedesmal, wenn ich meinem Laptop beim stundenlangen Laden von den Fotos zuschaue, frage ich mich, ob es wirklich nötig war, so viele Bilder zu machen. Aber ohne das ultimative Foto von dem hübschen kleinen Dorf oder von der wunderschönen rosa Blume hätte ich doch keinesfalls aus dem Urlaub zurückkommen können. Oder doch? Sind es nicht letztendlich meine Erinnerungen, die wichtig sind? Mein nächstes Konzert: Ich kam etwas verspätet und gestresst, aber dann war tolle Musik, geniale Stimmung. Begeistert kam ich nach Hause und hatte gar nicht gemerkt, dass ich den Fotoapparat nicht benutzt hatte. Als ich meinen Freundinnen von dem schönen Abend erzählte, fragten sich mich als Erstes: "Zeig doch mal die Fotos!"
CHARLOTTE SCHILLING, 14 JAHRE


Hieroglyphen

Stelzer
Caroline Stelzer -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist mein virtueller Gesichtsausdruck. Jetzt weiß jeder, der das liest, in welcher Stimmung ich mich befinde. Smileys sind in der Chatsprache unverzichtbar. Sie sind witzig, individuell, und die Kombinationsmöglichkeiten reichen ins Unendliche. Eigentlich nur vorteilhaft, oder?
Als ich einen Brief an meinen Großvater schrieb, fiel mir ein weiteres nicht so positives Phänomen auf: Ich war außerstande, schriftlich Ironie auszudrücken, ohne Smileys zu benutzen. Ich begann zu überlegen, ob das immer so war. Es ist nämlich so, dass mein Großvater zwar ein cooler, aber nicht in die unendlichen Weiten der Chatrooms eingeweihter Opa ist. Ich wusste von vornherein, dass er xD (breites Lachen) oder gar 8) (irres Grinsen) nicht verstehen würde. Trotzdem malte ich die einfachste Form des Smileys, =), unter meinen Brief und hoffte, er würde wissen, dass es Lächeln bedeutet. "Was heißt dieses Zeichen unter deinem letzten Brief?", kam die Antwort. Hin war meine Überzeugung, Smileys seien logische Zeichen und keine verwirrenden Hieroglyphen. Ich frage mich langsam, warum ich sie benutze. Wenn jemand Ironie nicht als Ironie erkennt, weil kein Smiley dahintergepinselt ist, gibt es nur drei Gründe: Erstens - der Witz war schlecht, dann hilft auch kein Smiley. Zweitens - derjenige hat keinen Humor. Drittens (schlimmster Fall) - er kann sich Ironie nicht ohne Smileys vorstellen.
Ich habe Smileys brutal aus meinen Briefen verbannt. Mein Opa und ich haben eine Menge zu lachen - ganz ohne dass ich erklären muss, wann ich scherze.
CAROLINE STELZER, 17 JAHRE


Lieber noch ein bisschen warten

Weimar-Dittmar
Undine Weimar-Dittmar -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er hat gesagt, er meldet sich, aber das ist jetzt schon einen Tag her. Und dann schreibt man doch eine SMS, ganz locker, vielleicht "Hey, wie geht's? Gestern noch gut nach Hause gekommen? LG!" Oh Gott, was denkt er jetzt? Am Ende, dass er einem wichtig ist! Und dann auch noch liebe Grüße - mit Ausrufezeichen! Jetzt denkt er bestimmt, dass man ihn mag, tut man ja auch, aber das will man doch nicht gleich in der ersten SMS zeigen. Und da ist ja auch eigentlich nichts, nur der unverbindliche Satz, dass er sich meldet, also sollte man mal lieber aufhören, sich irgendetwas einzubilden. Dann beginnt das Warten. Die ganze Zeit schaut man aufs Handy, legt es wieder hin, um gleich wieder draufzuschauen, obwohl man weiß, dass nichts Neues da ist. Nach stundenlangem Warten klingelt es: eine Freundin, die wissen will, was wir aufhaben. Na super! Warum schreibt er nicht zurück? Hat er einfach keine Lust auf einen? Oder keine Lust, Geld für so eine dämliche SMS zu verschwenden? Der Tag geht vorbei ohne eine Antwort, hätte man sich ja denken können!
Und dann. Am nächsten Morgen macht man sein Handy an und hat eine neue Mitteilung. Von ihm! Er schreibt, dass sein Handy leider aus war und er die SMS deshalb erst jetzt gelesen hat und ob man sich nicht mal treffen will? Dann schreibt er auch noch hdl drunter und man schwebt auf Wolke sieben. Alle Gedanken umsonst gemacht, darauf hätte man ja auch kommen können, dass sein Handy vielleicht aus war oder er kein Guthaben hat. Und er hat hdl geschrieben! Was bedeutet das eigentlich? Nichts darauf einbilden, das macht er bestimmt bei jedem so. Und was jetzt zurückschreiben? Lieber noch ein bisschen warten, wenn man jetzt sofort antwortet, denkt er ja es wäre einem total wichtig. Und dann schreibt man am besten ganz kurz und knapp ein ja gerne, wann und wo. Und sonst nichts.
UNDINE WEIMAR-DITTMAR, 16 JAHRE


Plattform für Unverstandene

Suris
Julia Suris -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

"Mein Leben bricht auseinander. Es schmerzt so sehr", steht auf der Seite eines Bekannten. Beunruhigt schicke ich eine Nachricht: "Was ist passiert?" Die Antwort kommt sofort: "Ich kann es dir nicht sagen. Aber danke der Nachfrage." Warum schreibt er, dass er todunglücklich ist, wenn er sowieso findet, dass es niemanden etwas angeht?
Das Internet, besonders SchuelerVz, ist die perfekte Plattform für all die, die sich im wahren Leben unverstanden fühlen. Man erfährt intime Details aus dem Leben von Menschen, die man gar nicht kennen möchte. Manchmal sieht man sich die Seite von jemandem an, der viele Freunde hat und immer glücklich zu sein scheint, und plötzlich wird einem ein hasserfülltes "Ihr könnt mich alle mal, eure Meinung interessiert mich nicht!" entgegengeschleudert. Wer denkt, dass es im Internet weniger Mühe kostet, interessant zu wirken, als in der Realität, hat sich getäuscht. Die Selbstdarstellung im Internet ist wie das Schreiben eines Briefes, in dem man gleichzeitig ungezwungen und tiefgründig sein will - unglaublich schwierig. Das Problem ist, dass man in alles etwas hineininterpretieren kann: In das detaillierte Hinschreiben seiner Hobbies und Vorlieben ebenso wie in das Nicht-Hinschreiben, in die fantasievolle Ausführung und in den Purismus. Alles scheint ein Hinweis auf den Charakter zu sein. Man macht hundert Bilder von sich selbst, um Kommentare zu erhalten wie "boa wie kann man sou hüpsch sein?" oder "wundertolliq". Um diese bettelt man, indem man "neue pics, kommis pls!" (übersetzt: "Neue Bilder, Kommentare bitte!") in seine Statusnachricht schreibt. Und versucht, sein ganzes Leben in die wenigen Zeilen dieser Statusnachricht zu quetschen. Ich fühle mich überfordert, immer wieder einschätzen zu müssen, was ein Notfall ist und was nicht. Es ist wie in der Geschichte vom Hirten, der immer schreit, dass der Wolf kommt. Als er dann wirklich kommt, will keiner mehr dem Hirten helfen.
JULIA SURIS, 16 JAHRE


Killerspiele

Venus
Vincent Venus -Foto: Mike Wolff

Neue Medien machen Angst - das war schon beim Buchdruck so. Wer 2002 und 2006 offen zugab, Ego-Shooter zu spielen, wurde von Erwachsenen misstrauisch beäugt. Das Vertrauen in die Jugendlichen sank - kein Wunder bei der Hexenjagd, die Politiker und sogenannte Experten, meist über ein halbes Jahrhundert alt, zusammen mit den Medien gegen "Killerspiele" veranstalteten.
2009 hat sich der Sturm gelegt, doch die Debatte um die "Killerspiele" sitzt mir in den Knochen. Wie kann es sein, dass sich zum Beispiel der Innenminister von Niedersachsen erlauben durfte, Folgendes zu erzählen: "Sie müssen auf einen Knopf drücken. Dadurch wird etwa ein Arm mit einer Kettensäge abgetrennt. Diese Handlung wird zudem positiv bewertet, wenn man sein Opfer zuvor quält. Fürs Armabtrennen gibt es 100 Punkte, fürs Kopfabtrennen 1000 Punkte", sagte Uwe Schünemann im Dezember 2006 dem "Stern". Solch ein Spiel ist auf dem deutschen Markt nie erschienen und hätte auch in Zukunft gar keine Chance, in den Verkauf zu gelangen.
Ich war selber lange Zeit Intensivtäter. Ego-Shooter, Strategiespiele, Rollen- und Sportspiele - ich hatte sie alle auf der Festplatte. Die Nebenwirkungen? Etwas schlechtere Noten, ein paar Streitereien mehr mit den Eltern und zeitweise vielleicht weniger reale Sozialkontakte. Aber irgendwie gehörte das zum elenden Neuntklässlerdasein dazu. Ich spielte, weil es Spaß macht. Man zieht die Ritterrüstung an und greift zum Schwert, um den Drachen zu besiegen. Man unterschreibt Sponsorenverträge, holt Klose zu Hertha und gewinnt die Meisterschaft. Den Vorwurf, Jugendliche können nicht zwischen Realität und Computerwelt unterscheiden, finde ich absurd - es scheint eher so zu sein, dass die älteren Herrschaften dazu nicht in der Lage sind. Einen Gegner im Spiel zu töten, ist nicht von Mordgedanken getragen, sondern bedeutet einen Punktgewinn fürs eigene Team. In der Realität wäre das abartig - auf dem Computer ist es nichts als eine Erhöhung der Siegchancen wie das Tor im Fußball. Bis jetzt konnte keine Studie beweisen, dass Computerspiele langfristig das Aggressionspotenzial erhöhen. Was bleibt, ist Ernüchterung. Das Thema wurde über den Kopf der Jugendlichen hinweg diskutiert, ohne Sachverstand wurden Horrorszenarien verbreitet. Ich dachte damals: Wenn die Mächtigen so leidenschaftlich ihre Meinung über Computer- und Videospiele propagieren, obwohl sie keine Ahnung haben, dürfte das in anderen Sachfeldern ähnlich ablaufen. Kein schöner Gedanke.
VINCENT VENUS, 19 JAHRE

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