Jugend und Politik : Die leisen Mitmischer

Politisches Desinteresse und mangelndes Engagement: Was ist dran an den Vorwürfen gegen die Jugend?

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Haltung zeigen: Nichts ist schwerer als das.
Haltung zeigen: Nichts ist schwerer als das.Foto: Pa / Schroewig; Montage: Mika

Am politischen Interesse von Laura sind ihre Eltern schuld. Morgens lag die Zeitung auf dem Tisch, abends stand Tagesschau gucken auf dem Programm. Über das Gesehene diskutierten ihre Eltern oft, dann stellte Laura Fragen, um besser zu verstehen, worum es geht. Und als vor knapp anderthalb Jahren Schwarz-Gelb an die Macht kam, freute sich die Realschülerin mit ihren Eltern über den Wahlsieg. „Ich habe gedacht: Das sind ja meine Parteien, die da gewonnen haben.“ Von da an habe sie mehr verstehen wollen und sich vorgenommen, sich nach ihrem Schulabschluss politisch zu engagieren, gerne auch in einer Partei.

Lauras Pläne sind alles andere als typisch für Jugendliche in ihrem Alter. Dessen ist sich die 17-Jährige, die nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur Automobilkauffrau anfangen möchte, bewusst. „Man muss sich in die Inhalte reinlesen und Hintergrundwissen anhäufen, um Interesse an Politik zu bekommen.“ Daran scheitern viele ihrer Altersgenossen – sie finden die Themen schlichtweg langweilig. Außerdem ist es viel einfacher zu sagen, dass Politik einem egal sei. Zu diesem Ergebnis kommt auch die 15. Shell-Studie: Nur 39 Prozent der Befragten zwischen zwölf und 25 Jahren bezeichnen sich als „politisch interessiert“.

Viele finden die aktuellen Debatten langweilig: Sie sind zu verworren

Den Vorwurf, politisch nicht interessiert zu sein, will Katharina aus Steglitz nicht unkommentiert lassen. „Wenn man sich die Politik anschaut, dann läuft da voll der Mist“, sagt die 21-jährige Studentin mit chilenischen Wurzeln. Oft seien die Argumente von Politikern verworren, das mache es schwer, aktuelle Debatten nachzuvollziehen. „Als junger Mensch weiß man gar nicht, wem man glauben soll, weil es zu viele Argumente gibt, und die sind oft so emotional.“ Genau darin sieht sie das Problem: „Jugendliche argumentieren ebenfalls emotional, aus ihrer Lebensperspektive heraus.“ Entscheidend sind die sozialen Hintergründe: „Bin ich aus einer sozial schwächeren Gegend, habe ich einen Migrationshintergrund – oder bin ich wohlhabend und lebe in einem Villenviertel. Wenn meine eigene Situation schon schwer ist, hat da eine Politik, die sich nicht um mich schert, wenig Platz.“

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: das geringe Vertrauen von Jugendlichen in politische Institutionen. Vor kurzem legte das europäische Statistikamt Eurostat eine Studie vor, die das belegt. Danach halten weniger als 40 Prozent der Teilnehmer zwischen 16 und 29 Jahren Politiker und Parteien für glaubwürdig. Und in Deutschland fühlen sich laut Forsa-Befragung drei Viertel der 16- bis 23-Jährigen von der Politik nicht ernst genommen.

Ernst genommen werden die Teilnehmer des Mitmischen-Chats, dem Jugendportal des Deutschen Bundestags. Regelmäßig chatten dort Abgeordnete mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sie hören sich ihre Fragen und Sorgen an, diskutieren mit ihnen über Themen wie „Politisches Engagement – was geht mich das an.“ Beteiligen kann sich jeder, der sich auf der Internetseite anmeldet. Wer die zahlreichen Beiträge und Kommentare der User liest, der bekommt ein Gefühl dafür, warum sich die junge Generation so wenig für aktuelle Themen und Ereignisse außerhalb ihres persönlichen Dunstkreises interessiert.

„Wenn die Eltern Politik schon für Blödsinn halten, dann kann das böse enden“, schreibt User PeterPeters. Er ist der Meinung, dass politisches Desinteresse nicht nur im Elternhaus, sondern auch in der Schule angelegt wird. „Mein Politikunterricht war größtenteils grottenschlecht.“ Eine Erfahrung, die Downtown11 bestätigen kann. Er findet, „dass Gesellschaftskunde generell in der Schule eher vernachlässigt wird“. Flauschi hingegen glaubt, dass es stark vom Lehrer abhänge, ob das Interesse der Jugendlichen geweckt werde. „Politik ist uncool, weil Jugendliche nicht erfahren, dass sie etwas bewirken können“, schreibt Politixx. Und Nutzer Polis ist davon überzeugt, dass das Interesse an Politik bei Jugendlichen wachse, wenn es ihre Lebenswirklichkeit betreffen würde.

Heinz Reinders vom Lehrstuhl Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg kann aufgrund seiner Arbeit nachvollziehen, warum sich Jugendliche nur ungern mit Politik auseinandersetzen. „Die meisten jungen Menschen fühlen sich von den Parteien schlichtweg nicht verstanden“, sagt er. Hinzu käme das Gefühl, dass sie bei gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in Sippenhaft genommen würden: Schnell ist dann von „der“ Jugend die Rede. Diese Verallgemeinerung führt dazu, dass die derart Angesprochenen keinen Sinn in struktureller Politik sehen – anders als beispielsweise in den 70er Jahren, als solche Anschuldigungen noch zu politischen Revolten geführt haben. Gleichzeitig gibt Reinders aber Entwarnung: „Das heißt nicht, dass sie sich nicht anderweitig engagieren, um sich dort ihren kleinen Mikrokosmos für gesellschaftliche Aktivitäten aufzubauen.“

Jugendliche fühlen sich von der Politik nicht ernst genommen

Und tatsächlich: Von mangelndem Engagement kann man bei Heranwachsenden nicht sprechen. Sie sind in Vereinen oder Interessenvertretungen tätig, unterstützen sozial Schwächere oder demonstrieren gegen Einsparungen im Bildungsbereich, Rechtsextremismus oder Castor-Transporte. Politisches Engagement bedeutet für viele, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. In der Shell-Studie heißt es dazu: „Einsatz für die Gesellschaft und für andere Menschen gehört ganz selbstverständlich zum persönlichen Lebensstil dazu.“ Ein Drittel der Jugendlichen gab an, in ihrer Freizeit „oft“ für soziale oder gesellschaftliche Zwecke aktiv zu sein, weitere 42 Prozent engagieren sich zumindest „gelegentlich“ in diesem Bereich und 70 Prozent meinten, man müsse sich gegen Missstände in Arbeitswelt und Gesellschaft zur Wehr setzen. In einer Forsa-Untersuchung im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes gaben 60 Prozent der Jugendlichen an, sie seien bereit, gemeinsam mit anderen für ihre Interessen auf die Straße zu gehen und an Protestaktionen teilzunehmen. „Dort haben sie das Gefühl, etwas bewegen zu können“, sagt Bildungsforscher Heinz Reinders. Die Bilder der vergangenen Monate, auf denen Jugendliche bei Demos gegen Stuttgart 21 oder den Großflughafen Berlin-Brandenburg zu sehen sind, bestätigen seine Aussage.

Der Frage, wie sehr soziales Engagement eine gute Voraussetzung für ein späteres politisches Engagement sein kann, geht Reinders in einer aktuellen Untersuchung nach. In der JEPS-Studie (Jugend Engagement und politische Sozialisation) werden bis zur Bundestagswahl in zweieinhalb Jahren 1500 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren begleitet und wiederholt befragt. „Wir wissen heute schon, dass Jugendliche über ihre soziales Engagement ihre Weltsicht verändern und ihre eigene Rolle im System hinterfragen“, sagt der Forscher. Und das wiederum könne später dazu führen, dass sie als Erwachsene eher dazu bereit sind, beispielsweise wählen zu gehen. Genauso lief das bei Katharina ab: Nach der Schule absolvierte sie ein freiwilliges soziales Jahr in Australien, half dort an einer Schule. Und Laura, die politisch aktiv sein will, sagt: „Wenn es gut läuft, kann ich etwas bewegen – vielleicht nicht auf Landesebene, aber zumindest in meinem Umkreis. Und das ist doch auch schon etwas.“

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